Krisenkind Wolfgang Gründinger "Steine schmeißen ist einfach nicht unser Stil"

Seit dem Buch "Aufstand der Jungen" ist Wolfgang Gründinger Deutschlands Vorzeige-Mittzwanziger. Pragmatismus, Engagement und Ironie statt Ideologie: Dafür steht er, das macht seine Generation aus und daran verzweifelt er manchmal selbst. Besuch bei einem Krisenkind.

Von Sandra Schulz


Vor dem Haus von Wolfgang Gründinger schlurft ein Rentner vorbei mit Hut und Krückstock. "Grüß Gott", sagt Gründinger. Der Rentner sagt nichts. "Gleich die Krücke wegschlagen", sagt Gründinger und lacht. Er meint es nicht böse, er ist auch nicht böse. Er ist der Wolfie.

Der Wolfie, der gerade ein Buch geschrieben hat, Titel: "Aufstand der Jungen. Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können".

Das Buch hat er seiner Mutter gewidmet. Gründinger sagt: "Ich bin doch so versöhnlich." Der junge Aufständische backt gern Käsekuchen.

Wenn man in Deutschland nach politisch engagierten jungen Menschen sucht, dann findet man wenige. Wolfgang Gründinger findet man, den 25-jährigen Rentenexperten. Er wohnt in einem Plattenbau am Berliner Alexanderplatz, außen Kacheln, innen Spitzengardinen, der Fernsehturm ist um die Ecke. In der WG-Küche klebt eine Postkarte: "A dirty house is a sign of a brilliant party".

Politik-Karriere? Nö, lieber nicht

Er hat eine Obama-Puppe, die "Yes, we can" sagt, wenn man ihr auf den Kopf haut. In seinem Zimmer hängt ein Poster von Willy Brandt. "Das ist unser Obama", sagt Gründinger. Manchmal fragen ihn die Leute, die in seiner WG rumhängen, ob der Mann auf dem Poster sein Vater sei.

Gründinger gilt als der "Anwalt der Jugend". Er hat den Generationengerechtigkeitspreis bekommen, die "Junge Karriere" zählt ihn zur "jungen Elite Deutschlands". Mit fünf sah er den Mauerfall im Fernsehen, schlug selbst mit dem Hammer auf die Mauer des Nachbarn ein. Mit 16 Eintritt in die SPD, mit 17 erste Pressekonferenz auf dem Jugend-Klimagipfel in Bonn.

Wenn Gründinger das Abgeordnetenhaus in Berlin betritt, piepst es bei der Sicherheitskontrolle wegen der Nieten seiner Jeans. Ansonsten steht ihm für eine Karriere als Politiker nichts im Weg. Die Parteien lechzen ja nach jungem Blut, sagt Gründinger. Nur er selbst will nicht. Viel zu viel Stress, sagt er, und dann gelte man auch noch als überbezahlt, faul und inkompetent.

Er macht lieber Lobbyarbeit, da redet ihm wenigstens keiner rein. Er fordert das Wahlrecht ab null Jahren, will 100 Prozent erneuerbare Energien, kämpft für faire Praktikumsbedingungen. Er schimpft auf "Sitzprämien" für ältere Arbeitnehmer, findet es nicht fair, wenn die Alten mehr Lohn bekommen für die gleiche Arbeit und mehr Urlaub und oft auch noch praktisch unkündbar sind.

Warum sollte es uns schlechter gehen?

Die Jungen, sagt er, bräuchten doch auch Sicherheit, wollten doch auch eine Familie gründen. Natürlich sollte man den Respekt vor der Lebensleistung irgendwie würdigen. Er denkt zum Beispiel an einen Tag mehr Urlaub für die älteren Kollegen, als Geburtstagsgeschenk.

Warum er sich für die Rente interessiert und nicht für Palästina? "Weil ich wahrscheinlich keine mehr kriege", sagt Gründinger. Die Renten der Alten finanzieren und privat für die eigene Rente sparen, nennt er "einen massiven Verstoß gegen die Generationengerechtigkeit."

Generationengerechtigkeit heißt für ihn, dass es den nachrückenden Generationen mindestens genauso gut gehen soll wie der vorherigen Generation. Und genau das sei eben bei den Jungen nicht mehr der Fall. Anspruchsvoll findet er das nicht. "Nö", sagt er, "warum auch? Das würden meine Eltern doch auch wollen."

Man kann Gründinger, Sohn einer alleinerziehenden Gemüseverkäuferin in Bayern, nicht vorwerfen, er sei verwöhnt. Als er 2002 zum Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung nach Johannesburg fliegen wollte, hatte er nur seinen Personalausweis dabei, keinen Reisepass. Er wusste es nicht besser: Es war sein erster Flug, zu Hause konnte man sich Urlaub nie leisten. Fast hätte es nicht mehr geklappt mit Südafrika, doch als Gründinger den Beamten die Einladung an alle Delegierten zeigte, unterschrieben von Kofi Annan, hatte er plötzlich ganz schnell einen Pass.

Lobbyarbeit für eine indifferente Generation

Mittlerweile hat Gründinger bestimmt tausend Konferenzen besucht, "einschließlich Fachtagungen". Mittlerweile lädt ihn sogar Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein zu exklusiven Events. Gründinger ist jetzt so etwas wie die Stimme der Jugend. Er studiert Sozialwissenschaften, hält Vorträge an Schulen, schreibt Artikel, auch wenn es kaum Geld dafür gibt. Er sagt: "Man macht's für die Botschaft und fürs Ego." Gerade hat er Angela Merkel einen offenen Brief geschrieben. "Die ökonomische Perspektivlosigkeit prägt das Lebensgefühl einer ganzen Generation", steht da.

Doch Gründinger macht Lobbyarbeit für eine Generation, an der er selbst manchmal verzweifelt. Zum Beispiel damals beim Uni-Streik in Regensburg, als sie ein Protestzeltlager organisierten gegen die Einführung von Studiengebühren. Die Uni-Leitung war "kooperativ", hatte ihnen sogar die Schlüssel für die Toiletten gegeben. Ein "sophisticated Döner-Laden" spendete selbstgebackenes Fladenbrot. "Die Kurden standen hinter uns", sagt Gründinger. Nur die anderen Studenten nicht.

Die einen meinten, das gehe sie nichts mehr an, so kurz vor dem Abschluss. Die nächsten wollten lieber für die Klausuren lernen. Die dritten fragten: Warum sollen wir uns selbst bestreiken? Wolfgang hat dann im Zeltlager seine Bücher gelesen.

"Steine schmeißen ist nicht unser Stil"

Mit 16 gründete er die Organisation YOIS, es ging ihnen um "intergenerationelle Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit". Sie wollten, sagt Gründinger, so etwas wie eine Parteijugend sein, nur ohne Partei. Aber die Leute kamen und gingen, keiner hatte Lust, Räume für die Mitgliederversammlung zu finden oder Reisekostenanträge zu bearbeiten. Die Sache schlief ein. Man hätte Leute gebraucht, glaubt Gründinger, die man bezahlt, die sagen: "Macht ihr die Revolution, wir klären den Kram mit dem Amtsgericht."

Nur, dass das mit der Revolution auch nicht klappt. "Steine schmeißen", sagt Gründinger, "ist einfach nicht unser Stil." Dafür haben sie in seiner WG Öko-Strom und Energiesparlampen, sie kaufen Toilettenpapier beim Discounter, aber Bio-Schokolade und Bio-Kaffee. Der faire Kaffee ist "fürs Gefühl". Letztes Jahr, sagt Gründinger, sei seine Klimabilanz zwar katastrophal gewesen, Flüge nach China, Peru, USA. Dafür fliegt er innerhalb Deutschlands nicht, aus Prinzip.

Gründinger sagt, er beurteile seine Positionen nicht nach rechts oder links. Er sagt: "Ich kann mit allen." Er fährt zum Evangelischen Kirchentag, obwohl er katholisch ist. Einfach, weil man da auf dem Podium was sagen kann und sogar ernst genommen wird. Er demonstriert erst vor dem Atomforum und geht hinterher zum Atomforum. Einfach, um zu sehen, wie die anderen so ticken.

Laut ist diese Jugend eher nicht

Er findet die Leute von Attac sympathisch und geht mit denen von McKinsey was trinken. Im November war er bei der Demo in Gorleben, das erste Mal, er hat eine Rede über die "Atomlügen" gehalten, auf Einladung eines Professors. Die Atmosphäre hat ihm gut gefallen. Schade war nur, dass es für den Vortrag kein Honorar gab.

Im Dezember dann sind sie gemeinsam - Wolfgang, ein paar rechte Jusos, ein paar Grüne, darunter auch ein Veganer - zum Uno-Gipfel nach Polen gefahren. Sie haben sich in die Veranstaltungen der Luftfahrt- und der Energiekonzerne gesetzt, haben zugehört, wollten "Eindrücke mitnehmen". Hinterher gab es immer ein Buffet, das hat einen guten Eindruck gemacht. Am Ende beschlossen sie, beim nächsten Mal, in Kopenhagen, müsse man radikaler werden, spektakuläre Aktionen machen, etwas ganz Dramatisches, vielleicht Delegierte mit Wasser bespritzen.

Gründinger sagt: "Wir sind viel zu seriös und angepasst. Jeder erwartet doch von der Jugend, dass sie laut ist." Essen aber wollen sie trotzdem weiter bei der Industrie. Vielleicht ist Gründinger auch gar nicht in Kopenhagen dabei, weil er ja dann schon in Amerika studiert, in Kalifornien. Da gibt es viele Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien, das interessiert ihn. Und außerdem kann man da gut surfen.



Forum - Krisenkinder - Ist die junge Generation zu sehr angepasst?
insgesamt 494 Beiträge
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Seite 1
Coss, 16.06.2009
1.
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Nachdem ich den Spon Test mitgemacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass die "Krisenkinder" langweilig und angepasst sind. Mit denen lässt sich nichts Interessantes backen - außer Apfelkuchen!
PeterShaw 16.06.2009
2.
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Krisen. Anpassung ist also lebensnotwendig. Da die meisten Krisen allerdings Menschenwerk sind, stellt das Verhalten der Jüngeren einen Spiegel für die Älteren dar. Mir sagte neulich ein Jüngerer: "Die 68er sind in den Sesseln der Macht angekommen - nun denken sie an ihre Rente und straffen die Bildung." Noch passen die Gestraf(t)en sich an.
metbaer 16.06.2009
3.
Zitat von sysopFragile Arbeitsverhältnisse, Terrorgefahr, Klimawandel - die junge Generation ist durch ein Lebensgefühl der Unsicherheit geprägt. Egoismus, und Überempfindlichkeit wird den 20- bis 35-Jährigen vorgeworfen. Sind die Krisenkinder zu angepasst?
Und wer prägt dieses Klima? Doch auch stark die Medien! Jede Woche wird daran erinnert, dass 'DER ANSCHLAG' definitiv kommen wird, sterben 150 Leute an einer Grippe, wird gleich die pandemische Apokalypse heraufbeschworen, Jugendliche mit Alkoholvergiftung sind das Symptom des Scheitern unseres Systems, die Finanzkrise wird uns alles rauben (Haus, Auto, Erdbeeren im Supermarkt), eine geringe Wahlbeteiligung bei der Europawahl ist ein 90%iges Indiz für das Ende unserer Demokratie, ein niedriger Milchpreis gefährdet dauerhaft die Sicherung unserer Ernäherung, und so weiter und so fort. Keine Meldung, die nicht zur Panikmache mißbraucht wird, kein noch so unbedeutendes Ereignis, das nicht gleich 134 selbsternannte Experten ins Bild rückt, die alle prophezeien: - Es wird noch schlimmer - Nichts wird mehr so sein wie es mal war - Eigentlich ist gar nichts mehr zu retten Wer in einem solchen Klima von Angst und Panikmache aufwächst, läuft doch Gefahr irgendwann 'empfindlich und ängstlich' zu werden, denn leider benutzen nicht alle ihre Köpfe, schalten die Panikmache dann und wann ab und sagen sich: Die Menschheit hat schon ganz andere Sachen als Schweinegrippe und Finanzkrise überlebt.
PeterShaw 16.06.2009
4. Ja, aber!
Zitat von metbaerUnd wer prägt dieses Klima? Doch auch stark die Medien! Jede Woche wird daran erinnert, dass 'DER ANSCHLAG' definitiv kommen wird, sterben 150 Leute an einer Grippe, wird gleich die pandemische Apokalypse heraufbeschworen, Jugendliche mit Alkoholvergiftung sind das Symptom des Scheitern unseres Systems, die Finanzkrise wird uns alles rauben (Haus, Auto, Erdbeeren im Supermarkt), eine geringe Wahlbeteiligung bei der Europawahl ist ein 90%iges Indiz für das Ende unserer Demokratie, ein niedriger Milchpreis gefährdet dauerhaft die Sicherung unserer Ernäherung, und so weiter und so fort. Keine Meldung, die nicht zur Panikmache mißbraucht wird, kein noch so unbedeutendes Ereignis, das nicht gleich 134 selbsternannte Experten ins Bild rückt, die alle prophezeien: - Es wird noch schlimmer - Nichts wird mehr so sein wie es mal war - Eigentlich ist gar nichts mehr zu retten Wer in einem solchen Klima von Angst und Panikmache aufwächst, läuft doch Gefahr irgendwann 'empfindlich und ängstlich' zu werden, denn leider benutzen nicht alle ihre Köpfe, schalten die Panikmache dann und wann ab und sagen sich: Die Menschheit hat schon ganz andere Sachen als Schweinegrippe und Finanzkrise überlebt.
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Ich frage mich nur, ob "die Menschheit" gerade heute das Kriterium ist. Geht es nicht vielmehr um die Erdbeeren, die ICH essen will?
kindlich 16.06.2009
5. angepassheit eine frage der passivität
es mag sein, dass wir angepasst erscheinen. aber warum hat das wort angepasst gleich einen so vorwurfsvollen und abwertenden klang. warum müssen wir uns von vorhergehenden generationen dieses wort "angepasst" als vorwurf anhören? wie sollen wir uns denn jetzt richtig orientieren, neue grenzen setzen, wenn uns die grenzen, in die wir hineingeboren wurden, gefallen, wenn wir uns wohl genug in ihnen fühlen und daher nicht lauthals demonstrieren, dass nicht alles wirklich nach unseren vorstellungen geht? wir leben eine passivität, mit der wir nicht zufrieden sind. aber wir sehen doch auch, dass aufbegehren, demonstrieren seine klaren grenzen hat. ist es denn von bedeutung sich aufzulehnen, wenn man von den vorgängergenerationen nur zu hören bekommt, was man alles falsch macht? dass man sieht, dass die proteste, das "nicht-angepasst-sein" letztendlich nur zu nichts führt, außer dem eindruck, dass unsere generation vielleicht nicht mehr angepasst, aber dafür vorlaut und selbstgerecht ist? die angepasstheit ist eine möglichkeit unseren weg zu finden, uns zu verwirklichen, auch wenn das auf die "revolutionären" generationen einen schalen eindruck macht.
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