Künstler-Krach Wo Rauch ist, ist auch Feuer

An der Leipziger Kunsthochschule haben sich der Rektor und Kunst-Superstar Neo Rauch ineinander verkeilt. Lautstark klagte Rauch über Vetternwirtschaft und kritisierte die Nachfolge für seine Professur. Die Hochschule weist alle Klüngelvorwürfe scharf zurück.

Betretene Mienen: Rektor Brohm, Professor Ottersbach, Dekan Meller (v. l.) bei der Pressekonferenz
dpa

Betretene Mienen: Rektor Brohm, Professor Ottersbach, Dekan Meller (v. l.) bei der Pressekonferenz


An der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig eskaliert der Streit um die Nachfolge des weltberühmten Künstlers und Professors Neo Rauch. In einer emotionsgeladenen Pressekonferenz hat Rektor Joachim Brohm am Freitag Rauchs scharfe Kritik an der Berufung seines Nachfolgers "auf das Entschiedenste" zurückgewiesen.

Die "befremdenden Vorwürfe" seien "in höchstem Maße unberechtigt", heißt es in einer von Brohm verlesenen zweiseitigen Erklärung. "Rauch hat auf die Chance, den Studiengang Malerei/Grafik und die Lehre in einer Klasse nachhaltig prägen zu können, nach kurzer Zeit aus eigenem Entschluss verzichtet. Dem ist nichts weiter hinzuzufügen."

Rauch, berühmtester Vertreter der "Neuen Leipziger Schule", hatte seine Professur nach nur drei Jahren im Februar abgegeben. Er erklärte, die Professur aus zeitlichen Gründen nicht mehr ausfüllen zu können - gleichzeitig Lehrer und Künstler sein könne er nicht. Als Wunschnachfolger nannte Rauch den Belgier Michael Borremans. Eine Berufungskommission entschied sich aber für den Kölner Heribert C. Ottersbach.

Rauch-Lehrer Rink sieht "Neue Leipziger Schule" am Ende

Daraufhin warf Maler Rauch der Hochschulleitung Vetternwirtschaft vor. Ottersbach sei "ein ganz enger Freund des Rektors", auch bei anderen Berufungen habe eine "allzu familiär werdende Situation" den Ausschlag gegeben, so Rauch. Er habe sich einen "ordentlichen Nachfolger" gewünscht, der "allerhöchsten Anforderungen" genüge, sagte Rauch dem Kulturradiosender Figaro des MDR. Diese Anforderungen habe der von ihm vorgeschlagenen Belgier Borremans erfüllt, sei aber mit einer "hanebüchenen" Begründung abgelehnt worden.

Neo Rauch, wichtigster Vertreter der "Neuen Leipziger Schule" und Ex-Kunstprofessor
ddp

Neo Rauch, wichtigster Vertreter der "Neuen Leipziger Schule" und Ex-Kunstprofessor

Überdies hielt Rauch der Hochschulleitung vor, sie habe die höchst erfolgreiche Malerei der "Neuen Leipziger Schule" behindert. Seit rund zehn Jahren feiert eine Gruppe von Künstlern unter diesem Namen internationale Erfolge, vor allem in den USA wurden die jungen "Leipzig Painters" so etwas wie ein Markenbegriff. Ihrer Kunst sei man "wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt mit größerer Reserviertheit begegnet als im eigenen Haus", so Rauch.

"Wir lassen uns von niemandem vorschreiben, wer hier auf welche Stelle berufen wird", sagte Rektor Brohm und verwahrte sich gegen den Vorwurf der Kungelei: "Ich handle nach Recht und Gesetz."

Unterstützung erhielt Rauch indes von Arno Rink, seinem früheren Leipziger Lehrer und Ex-Rektor der Kunsthochschule: "Es lohnt sich nicht mehr", an diese Schule zu kommen, sagte Rink, dessen Malereiklasse Rauch übernommen hatte. "Wir hatten in der Malerei eine gute Zeit." Die sei nun zu Ende. "Ich habe Rauch gesagt: Es hat keinen Zweck, zu trauern. Du hättest an der Schule bleiben und Rektor werden müssen."

Kölscher Klüngel in Leipzig?

Eigentlich sollte am Freitag der Künstler Ottersbach der Presse als Rauch-Nachfolger für die Malereiklasse präsentiert werden. In den Tagen zuvor warnte Rauch, der sich selten öffentlich äußert, in mehreren Interviews vor einem Aus für die traditionelle Leipziger Malerei und attackierte die Hochschulleitung scharf.

An Hochschulen würden keine Erbhöfe mehr verteilt, sondern Berufungskommissionen eingesetzt, in der er nicht Mitglied gewesen sei, sagte Rektor Brohm. Kommissionsleiter Ingo Meller berichtete von zunächst 38 Bewerbungen auf die Rauch-Stelle. "Leider war nur eine qualitativ so, dass man sie annehmen konnte." Die sei aber nicht von Ottersbach gewesen. Dann seien weitere sieben Persönlichkeiten eingeladen und um eine Bewerbung gebeten worden, von denen sich drei überreden ließen. Einen Brief der Studenten Rauchs, die sich Borremans wünschten, habe Brohm abgelehnt. Der Diktus des Briefes habe sehr nach Rauch geklungen, sagte der Rektor.

Mit der Berufung von Ottersbach kommen nun drei der vier Malereiprofessoren aus Köln. Rauch-Mentor Rink spricht deshalb von Klüngel.

Der gescholtene designierte Rauch-Nachfolger Ottersbach verteidigte sich gegen diesen Vorwurf: "Ich hab mich um die Stelle erst überhaupt nicht beworben", er sei berufen worden. Weiter lobte er Rauchs Wunschkandidaten Borremans als "guten Künstler". Die Beschimpfungen gegen ihn finde er "wirklich stillos", sagte Ottersbach der "Welt".

Ottersbach, der bereits 2001 einen Lehrauftrag in Leipzig hatte, sagte, er wolle den Leipziger Studenten seinen Stil nicht aufzwingen. Seine Arbeiten werden oft zusammen mit Werken der "Neuen Leipziger Schule" ausgestellt. "Ich bin durch und durch ein figürlich-gegenstandsbezogener Maler." Er wolle in erster Linie die Studenten "fit machen für den darwinistischen Kunstbetrieb".

cht/jol, dpa



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