Kulturkampf an türkischen Unis "Es ist wie im Krieg"

Mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Studenten: In der Türkei tobt ein Kulturkampf, an den Hochschulen eskaliert er. Islamisten drängen an die Macht, Liberale verteidigen die Freiheit der Wissenschaft. Menschenrechtler warnen vor der enormen Brutalität.

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Es gibt Tage, da glaubt Ezgi Özen, es führe ein Weg zurück in ihr altes Leben. Sie stellt sich dann vor, einfach nur Studentin zu sein, Vorlesungen zu besuchen, Kommilitonen zu treffen. Doch dann sind sie sofort wieder da, die Bilder vom vergangenen Dezember, als sich das Leben der 19-Jährigen unwiederbringlich veränderte.

Ezgi Özen hatte damals eigentlich keinen Grund, demonstrieren zu gehen. Sie hatte die Schule abgeschlossen, sie war schwanger, sie hatte ihr Leben vor sich. Sie liebte ihren Freund, ihre Eltern unterstützten sie. Ihr größtes Problem zu der Zeit: Ob sie wohl während der Schwangerschaft rauchen dürfe?

Als Tausende Studenten in Istanbul gegen die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan protestierten, war sie eher zufällig dabei. Ihre Freunde hatten sie überredet.

Die Opposition versammelte sich vor dem Dolmabahçe-Palast, dem einstigen Sommersitz der Sultane am Ufer des Bosporus. Ministerpräsident Erdogan sprach dort mit dem Rektor der Universität Istanbul über Bildung und die Zukunft der türkischen Hochschulen. Die Demonstranten riefen: "Genug Tayyip! Die Türkei ist nicht Iran!"

Die Repressalien gegen Studenten haben eine neue Stufe erreicht

Ezgi Özen hielt sich am Rand der Menge. Plötzlich wurde sie eingekesselt, Sicherheitskräfte schossen mit Wasserwerfern und Tränengas auf die Studenten. Özen bekam einen Schlag auf den Kopf und stürzte. Die Polizisten prügelten mit Knüppeln auf sie ein. Özen erinnert sich, dass sie schrie: "Tut mir nicht weh, ich bin schwanger!" Dann verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, lag sie im Krankenhaus. Ihr Freund stand am Krankenbett und weinte. Özen hatte ihr Kind verloren.

Özen ist das Opfer eines historischen Umbruchs in der Türkei; in den vergangenen Wochen und Monaten haben die Repressalien, vor allem gegen Studenten, eine neue Stufe erreicht. "Eine vergleichbare Brutalität habe ich seit dem Militärputsch vor 30 Jahren nicht mehr erlebt", sagt die Menschenrechtsanwältin Gülizar Tuncer.

Die Studentin Ezgi Özen ist, ohne es zu wollen, zum Symbol geworden für den tiefen Graben zwischen Säkularen und Religiösen in der Türkei. Kritiker der Regierung sagen, ihr Schicksal sei Ergebnis der autoritären Verhältnisse, des von Premier Erdogan befohlenen Polizeistaats. Konservativen dient sie als Hassfigur. Zeitungen verunglimpfen sie als "Prostituierte", drucken Karikaturen, die sie als Terroristin mit einer Bombe im Bauch zeigen. Özen leidet deshalb seit Monaten an Depressionen. Sie verlässt ihr Zimmer kaum noch, schläft nicht, isst wenig. "Die Polizei und die Medien haben ihr Leben zerstört", sagt Özens Anwältin.

"Das Land befindet sich in einem erbitterten Streit mit sich selbst"

Am 12. Juni haben die Türken ein neues Parlament gewählt. Beobachter glauben, Erdogan sei gegen Oppositionelle vorgegangen, um seine Macht zu sichern.

Seit seinem Amtsantritt 2003 haftet dem Premier der Verdacht an, eine islamistische Agenda zu verfolgen, die säkulare Türkei abschaffen zu wollen. Durch die Ereignisse der vergangenen Monate, die WikiLeaks-Enthüllungen, Erdogans Feldzug gegen den Medienkonzern Dogan, den Streit ums Kopftuch, ist dieser Argwohn vielen weltlich eingestellten Türken zur Gewissheit geworden.

"Die Türkei befindet sich in einem erbitterten Streit mit sich selbst", sagt Harry Tzimitras, Juraprofessor an der Istanbuler Bilgi-Universität. Gerade jetzt, da der Westen gebannt auf die jungen Freiheitsbewegungen im Nahen Osten blickt, sind die Liberalen in der Türkei enttäuscht von den zögernden Fortschritten im eigenen Land.

An den Universitäten bündeln sich die Konflikte der modernen Türkei. Die Universität Istanbul ist eine der ältesten und renommiertesten Hochschulen des Landes. Der Campus liegt in der historischen Altstadt, nur wenige Meter von der Blauen Moschee, dem Großen Basar und der Hagia Sophia entfernt. Seit einiger Zeit stehen sich hier politische Kontrahenten in Hass gegenüber. Islamisten gegen Laizisten, Kurden gegen Nationalisten. "Es ist wie im Krieg", sagt die Literaturstudentin Ece Utkan. Die Studentenschaft sei zunehmend politisiert, jeder gezwungen, sich auf eine Seite zu schlagen.

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calido46 24.06.2011
1. Diesen
Artikel sollten mal alle die lesen, die in einem anderen Forum (Freispruch für Wilders) so vehement FÜR den Islam gepostet haben.
Michael Giertz, 24.06.2011
2. Fanatikern das Wasser abgraben
Zitat von sysopMit Wasserwerfern und Tränengas gegen Studenten: In der Türkei tobt ein Kulturkampf, an den Hochschulen eskaliert er. Islamisten drängen an die Macht, Liberale verteidigen die Freiheit der Wissenschaft. Menschenrechtler warnen vor der enormen Brutalität. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,764377,00.html
Solange die Muslime selbst die Islamisten nicht als Gefahr betrachten sondern sich stets angegriffen fühlen, wenn die westliche Welt diese Fanatiker kritisiert, solange werden die Fanatiker leichtes Spiel haben. Meine Güte, ich habe türkische Freunde - was ist los mit euch?! Schickt die Fanatiker wieder in die Wüste!
meditor 24.06.2011
3. Islamisierung
Die Islamisierung findet also sogar in der Türkei statt... interessant
fridericus1 24.06.2011
4. Religion..
... und Freiheit des Denkens und des Handels schließen sich anscheinend aus. Religionen - jedenfalls mindestens die großen monotheistischen - haben einen Absolutheitsanspruch, der keine Abweichung duldet. Im Westen haben wir Jahrhunderte gebraucht, um den Einfluss des Christentums auf die Gesellschaft so zu zügeln, dass es sich nicht mehr wie eine erstickende Decke über alles legt. Anscheinend sind die islamisch geprägten Staaten noch nicht so weit. Schade eigentlich, dass gerade die Türkei, die über lange Jahre es geschafft hat (mit welchen Mitteln, sei dahingestellt) die Religion zu zügeln, anscheinend mit Volldampf in Richtung Gottesstaat fährt. Hoffentlich wird dies auch so in Brüssel registriert, denn die EU hat auch ohne einen islamistischen Riesen als Mitglied schon so Probleme genug.
muffpotter 24.06.2011
5. Türkei in die EU....?
Das ist die Kehrseite der Entwicklung in der Türkei, die hier seitens der Politik frenetisch gefeiert wird! Mir tun die Türken leid, die ich kenne (nicht unsere Importtürken) und die seit Jahren diese Entwicklung vorhergesehen und gewarnt haben.
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