Kulturmix Musik Gut zusammengeräubert

Die süddeutsche Band Crash Tokio plündert in der Popgeschichte alles, was sich nicht wehren kann, von Gitarrenrock bis Disco-House. Und der Sänger von The Answer klingt wie Tina Turner nach einer Testosteron-Behandlung - ein Soundcheck aus der UniSPIEGEL-Redaktion.

Von Tino Lange


CRASH TOKIO / "Heads We're Dancing"

Dreimal klicken - und du bist weg: Die Campus-Charts sind ein knallhart umkämpftes Schlachtfeld der Geschmäcker! Das zeigt schon ein Blick auf das mausgesteuerte Handgemenge um die Spitze zwischen "When You Were Young" von den Killers und "Girls Can Dance" von Crash Tokio. Ganz nach oben hat es Crash Tokio nicht geschafft, vielleicht, weil ihre Münchner Herkunft nicht ganz so glamourös daherkommt wie die der Las-Vegas-Boys The Killers.

Dabei bringt das süddeutsche Quartett seit 2000 alles mit, was eine Band braucht, um sich aus dem heutigen Veröffentlichungssumpf zu erheben: Geschmackvoll in Szene gesetzte Plattencover und Merchandise-Artikel sowie gut zusammengeräuberte Stilmittel verschiedener Pop-Epochen. Auf dem aktuellen zweiten Album "Heads We're Dancing" wären das: Indie-Rock, Disco, Pop - mit starkem Fokus auf den Disco-Beat und angenehm versetzt mit pumpendem Bass wie im Opener "Good You Are". Andere Ära-Zitate wie die Captain-Future-Keyboard-Teppiche in "Eureka!" halten sich meistens dezent im Hintergrund, Herrscher und Antreiber der Melodie ist meistens alleinig Sänger Andreas Puscher.

Aber: So von allen Zwängen befreit, verliert der sich gern in luftigen Höhen wilder Melodiebögen ("Girls Can Dance") und findet nicht mehr zurück. Anstrengend. Im Kontrast dazu steht der 13-Minuten-Abschluss "Heavy End", das nach neun teils mitreißenden, aber auch überambitionierten Nummern ("For You Always") sanft in einen Disco-House-Track entgleitet. Ein extravagantes Pop-Album, das polarisiert. Genau das richtige für das Schlachtfeld der Geschmäcker.


THE ANSWER / "Rise"

Wann immer die Überreste von Rock-Legenden der siebziger Jahre heute ein Album veröffentlichen, sind Kritiker schnell auf den Barrikaden: überflüssig, altbacken, von gestern. Kommt aber eine junge Band wie Jet oder Wolfmother daher, die genauso klingt wie die Rock-Dinos, wird allerorten gejubelt.

Genauso ergeht es auch The Answer, einer nordirischen Band, mit ihrem ersten Album "Rise": Hier standen Deep Purple, Led Zeppelin, The Who und andere Rock-Giganten nicht nur Pate, sondern wohl auch im Studio, so authentisch-reaktionär klingen "Under the Sky", "Come Follow Me", "Into the Gutter" und acht weitere Songs.

Im Vordergrund steht die Stimme von Sänger Cormac Neeson, der klingt wie Tina Turner nach einer Testosteron-Behandlung. Dennoch: Es ist empfehlenswert, eine Zeitreise in die Frühgeschichte des Rock anzutreten - und diese bemerkenswerte CD einzulegen



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