Kulturmix Musik Thüringer Tanzwunder

Ausgerechnet Jena, wer hätte das gedacht, entpuppt sich als kleines Musik-Paradies. Um die Labels "Musik Krause" und "Freude am Tanzen" gruppieren sich experimentierfreudige Elektrofreunde. Außerdem: Seufzen und Trillern mit Matias Aguayo - ein Soundcheck aus der UniSPIEGEL-Redaktion.

Jazzig und entspannt: Marek Hemmann

Jazzig und entspannt: Marek Hemmann

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ELEKTRO AUS JENA / "In Between", "Studio 10", "Burgenland Dubs"

Jena ist ein Phänomen. Nicht nur, dass die Stadt als eine der wenigen Boomtowns im deutschen Osten gilt, ein Ort, wo man nach einer Wohnung suchen muss, anstatt an jeder Straßenecke Leerstand zu entdecken. Jeder vierte Einwohner ist Student, außerdem gibt es mit Schott und Jenoptik alteingesessene Industriebetriebe. Aber vor allem: Jena hat eine der lebendigsten Musikszenen Deutschlands. Zumindest wenn es um elektronische Musik geht.

"Musik Krause" und "Freude am Tanzen" heißen die beiden Labels, um die sich die Jenaer Szene gruppiert. Sie sind mit einem kleinen, feinen Plattenladen verbandelt, der sich einige Meter neben dem ehemaligen Gartenhaus Friedrich Schillers in dem nach dem Dichter benannten Gässchen befindet, einen Steinwurf vom Stadtzentrum entfernt.

Seit einiger Zeit schon legen Thüringer DJs überall dort auf, wo es wichtig ist; dieses Jahr hat eine ganze Reihe von ihnen nun auch noch Alben herausgebracht. Etwa Marek Hemmann und Mathias Kaden, die als Duo Hemmann & Kaden schon einige Jahre zusammen unterwegs waren. "In Between" (Freude am Tanzen) heißt Hemmanns Album, das tief in House und Minimal verwurzelt ist, dabei aber so jazzig ist wie klanglich vielfältig. "Studio 10" (Vakant) heißt Kadens Album, es ist experimenteller, dunkler, verklöppelter.

Und dann ist da noch Ian Simmons, ein Downtempo-Produzent aus London, der seit einigen Jahren in Jena lebt und ebenfalls ein neues Album herausgebracht hat: "The Burgenland Dubs". Einige Wochen lang hat er sich in einem heruntergekommenen Anwesen eingemietet, dort ein Studio eingerichtet und 13 entspannte Stücke eingespielt, die Triphop und Dub genauso viel verdanken wie Techno und House.

Ein Engländer, den es nach Thüringen zieht - normalerweise gehen ostdeutsche Erfolgsgeschichten andersherum. Aber Jena ist eben ein Phänomen.


MATIAS AGUAYO / "Ay Ay Ay"

"Ay Ay Ay"-Cover

"Ay Ay Ay"-Cover

Es ist die älteste Art des Musizierens: mit dem Mund Töne zu erzeugen. Doch kaum jemand hat es damit so weit gebracht wie der Kölner Musiker Matias Aguayo. Er summt und brummt, seufzt und singt, trällert und trillert; und all das, ohne dabei viele Wörter zu benutzen.

"Ay Ay Ay" heißt Aguayos neues Album, es besteht fast ausschließlich aus Klangschnipseln seiner Stimme, die er in monatelanger Kleinarbeit am Computer zu elf bezaubernden Songs zusammengeschnitten hat. Eigentlich ist Aguayo Produzent. Derzeit pendelt er als Techno-Nomade zwischen Buenos Aires, Paris und Köln hin und her, organisiert Partys, betreibt ein Plattenlabel.

Schon für die von ihm produzierten Elektro-Platten, sagt Aguayo, habe er die Melodien vor sich hin gesummt, bevor er sie dann maschinell nachbaute. Letzteren Schritt lässt er nun weg. Das klingt so modern wie archaisch.



insgesamt 5 Beiträge
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michaelmellenthin 03.01.2010
1. KulturmixMusik:Thüringer tanzwunder
Hallo, Hallo, zunächstmal gönne ich Jena natürlich das Tanzwunder und finde es auch belebend für die triste Musikscene.Leider kann ich da auch nur wieder sagen, Jungs ihr kommt 25 Jaghre zu spät, war alles schon mal gewesen. Die Redaktion des Spiegels sollte das eigentlich wissen.Da ruft mal Alfred Hilsberg vom Zick Zack Label an und "horcht" mal in sein Archiv. Allenfalls würde ich diese Musik als wieder endeckt bezeichnen. macht aber gar nichts, auf gehts , darum lasse ich das Tanzwunder auch gewären und feiere mit, bzw. wer Lust hat kann auch tanzen. melle
berlin_rotrot, 03.01.2010
2. elektronische musik im osten
der erfolg elektronischer musik im ostteil unserer republik ist sonderlich der hohen perspektivlosigkeit der jugend zu verdanken. perspektivlosigkeit was einen sicheren & attraktiven arbeitsplatz anbelangt, ist dieser nicht vorhanden macht man eben gerne mehr party (aus gründen des zeitvertreibs). Für die jugend welche noch studiert und diese jahre in ihrem lebenslauf zelebrieren ist es sicherlich auch ein vorteil dass man in den clubs schneller an eine exctasy pille kommt als an eine coke light. Ein weiterer grund für den erfolg der "lebendingen" elektronischen musik szene wie in erfurt, berlin, frankfurt oder. in spätestens 15 jahren beginnt die erste generation "extasy" aus frühen neunzigern zu altern, da wird auf die gesellschaft noch einiges an demenz ausgaben zukommen, die elektronischen musik szenen wie aus Erfurt & Berlin verschweigen leider das oft vorhandene suchtproblem ihrer fans/anhänger.
michaelmellenthin 03.01.2010
3. KulturmixMusik: Thüringer Tanzwundeer
Hallo, ja, das gab es zu unseren Zeiten auch. Die Drogenscene war immer ein Problem. Ob Heroin oder extasy, das wird es immer geben, wobei zugegeben der Verfall bei letzterer Droge sicherlicch schneller von statten gehen wird. Trotzdem sollte man versuchen die Musikscene zu unterstützen und versuchen das sich mehr junge Leute musikalisch betätigen und nicht nur Musik konsumieren.
hier_entlang 03.01.2010
4. so so, stereo gerne, aber stereotypen?!?
die erste tc-generation wird in 15 jahren alt sein? eher uralt ;-) mal wieder die typische durchschnittsmeinung, die ganzen leute die feiern (egal wo) würden nur wegen der drogen feiern. klar, auch, zumindest teilweise. nur um "drogen" zu konsumieren muss man aber nicht zwangsläufig feiern gehen. über die zukünftige entwicklung von demenz oder anderen erkrankungen in verbingung mit amphetaminkonsum liegen keine einheitlichen forschungsergebnisse vor. neue studien zeigen aber, dass es wesentlich "schlimmere"/gefärlichere "drogen" gibt, teilweise sogar legal ;-) und mal hand auf´s herz: sich hin und wieder mal ein paar smarties (o.a. sachen) einwerfen soll wirklich schlimmer sein, als sich lallend und ausfallend an der theke festklammern, wie der durchschnitts-normalo? mag ja in bayern so sein, aber mal darüber nachdenken hilft im zweifelsfall...
asconese 03.01.2010
5. kulturmix musik :thüringer tanzwunder
sehr schön, dass sich DER SPIEGEL auch mal mit wirklicher kultur befasst. die beschriebenen CDs sind ausgezeichnet. mit freundlichen grüssen.
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