Kunststudenten Die Einfalls-Pinsel

Ein brotloses Unterfangen ist das Studium der Bildenden Kunst schon lange nicht mehr: Geschäftstüchtige Galeristen schauen sich in den Abschlussklassen der Hochschulen nach jungen Talenten um. Und doch bringen es nur wenige Nachwuchsmaler zu Ruhm und Reichtum.


Markus Lüpertz, berühmter Maler und seit vielen Jahren Direktor der Düsseldorfer Akademie, hat gewisse Vorstellungen von einem vorbildlichen Kunststudenten: "Ich will Schüler, die im Meer des Ideellen, im Tal des Unsinnigen und im Himmel des Genialen zu Hause sind."

Alles klar?

Verunsichern möchte Lüpertz offenbar auch mit dem Zitat eines Kollegen, das er einem Aufsatz über seine Institution voranstellt: "Kunst ist nicht lehrbar. Es gibt keine Regeln für die Kunst; sie entsteht aus dem Menschen."

Nicht wenige Könner halten es geradezu für ein Gesetz, dass die Kreativität keinen Gesetzen folge. "Bei meiner Arbeit lasse ich mich von keiner Regel leiten. Meine einzige Richtschnur ist mein Vergnügen", sagte der große französische Bildhauer Auguste Rodin (1840 bis 1917), den die Pariser École des Beaux-Arts einst dreimal abgelehnt hatte. Joseph Beuys, Heros der deutschen Nachkriegskunst mit einem Lehrstuhl in Düsseldorf, hielt sowieso jeden Menschen für einen Künstler.

Schlechte Aussichten ohne Abschluss

Nur warum muss man sie dann überhaupt studieren, die Bildende Kunst? Fest steht, dass es im 21. Jahrhundert eher aussichtslos ist, ein bewunderter, zumindest ein anerkannter Künstler zu werden, wenn man kein Abschlusszeugnis einer renommierten Akademie vorweisen kann.

Alexander Golder, 25, hatte sich als Autodidakt immerhin bereits einen Vertrag mit einer Galerie erarbeitet. Trotzdem bemühte sich der junge Maler um einen Studienplatz an der Berliner Universität der Künste. Nun ist Golder im zweiten Semester. "Es macht später ganz sicher vieles einfacher, Absolvent, möglichst auch Meisterschüler einer bekannten Hochschule zu sein", sagt er.

Das klingt bodenständig. Ein Studienberater an Golders Hochschule preist die "ungebrochene Attraktivität einer künstlerischen Ausbildung". An den 23 deutschen Kunsthochschulen sind immerhin etwa 10000 Studenten eingeschrieben; weil die Akademien auch international einen guten Ruf haben, liegt der Anteil ausländischer Kommilitonen bei einem Viertel und damit deutlich über dem Durchschnitt der Universitäten insgesamt.

Und die Zeiten für Talente "made in Germany" sind besser denn je. Nicht nur deutsche Großmeister wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke sind international gefragt, sondern auch junge Künstler. Mit besonderer Neugier schauen sich geschäftstüchtige Galeristen daher schon in den Abschlussklassen der Hochschulen um, locken mit Verträgen und preisen ihre Berufseinsteiger dann gern als "Young German Artists" an. Wer Glück hat, darf noch vor dem Diplom in der Weltkunsthauptstadt New York ausstellen.

Durchschnittlich 10.200 Euro pro Jahr

Fast allen Studenten der Bildenden Kunst ist durchaus klar, dass es später nur ein paar Auserwählte sein werden, die von ihrer Berufung leben können: Das durchschnittliche Einkommen liegt in Deutschland nach Angaben der Künstlersozialkasse bei bescheidenen 10.200 Euro - im Jahr.

Das Kunststudium sei eben auch "ein Abenteuerspielplatz, auf dem man sich ein paar Jahre austobt und dann feststellt, dass man mit dem Gedanken spielen muss, Taxifahrer oder Tapezierer" zu werden, sagt Walter Grasskamp, der an der Akademie in München für den kunsthistorischen Teil der Ausbildung zuständig ist. "Doch in welchem anderen Berufsfeld sind die Aussichten heute schon besser? Es gibt auch jede Menge arbeitslose Juristen." Noch dazu fordere kein anderes Studium die ganze Persönlichkeit eines Menschen so sehr heraus wie die Bildende Kunst. Anders gesagt: Man lernt fürs eigene Leben.

Ohne Leidenschaft gehe da nichts, findet Carlos, 23. Die Betonung liegt auf Leid, denn der Berliner hat es nicht geschafft, nach der Abschlussprüfung als Meisterschüler übernommen zu werden. Jetzt fürchtet er, ihm könne als Sohn einer kolumbianischen Mutter und eines amerikanischen Vaters die Aufenthaltsgenehmigung entzogen werden. Notfalls will er in New York oder San Francisco sein Glück versuchen. "Aber lieber bleibe ich hier."

All jene, die es wie Carlos ins freie Künstlerdasein treibt, müssen frühzeitig die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Beim jährlichen Rundgang der Galeristen durch die Hochschulen etwa, durch Wettbewerbe oder eigene Aktionen.

Kürbissuppe kochen vor der Ausstellung

In einem Atelier der Universität der Künste kann die Selbsthilfe so aussehen: Mehrere Kunststudenten treffen sich an einem Freitagnachmittag; die einen rahmen noch schnell ihre Zeichnungen, die anderen kochen Kürbissuppe, auch ein Nudelsalat wird vorbereitet. Abends wollen sie eine kleine Ausstellung eröffnen, und einige von ihnen hoffen, dass ihr Professor bedeutende Leute mitbringt, vorzugsweise solche Sammler und Galeristen, die gerade auf Talentsuche sind. Ein wenig Prüfungsangst liegt in der Luft. "Der Realitätssinn der Studenten ist gestiegen", sagt Burkhard Held, Dekan der Fakultät Bildende Kunst.

Vorbild der aufstrebenden Maler: der Leipziger Künstler Neo Rauch
DPA

Vorbild der aufstrebenden Maler: der Leipziger Künstler Neo Rauch

Eine wichtige Hürde haben sie alle schon genommen - sie haben einen der begehrten Studienplätze ergattert. Am Anfang einer Künstlerlaufbahn stehen nun einmal die Aufnahmeprüfungen. Manche absolvieren vorweg noch einen "Mappenvorbereitungskurs", denn von den Arbeitsproben hängt vieles ab.

Wessen Mappe an der Akademie in Karlsruhe gefällt, der darf an einer dreitätigen Eignungsprüfung teilnehmen, wer hier besteht, wird zum Gespräch mit den Professoren geladen. Von ein paar hundert Bewerbern bleiben etwa 60 übrig.

Rigoros ist die Auslese auch an der kleinsten Kunsthochschule Deutschlands, der Frankfurter Städelschule: Jedes Jahr werden etwa 25 Plätze vergeben - bei 300 bis 400 Bewerbern. Der Stress lohnt sich. Die Städelschule bringe "auffallend viele erfolgreiche Nachwuchskünstler hervor", lobt die "FAZ".

Also auf nach Frankfurt? Oder zieht es einen doch ins idyllische Münster und dort auf den Leonardo-Campus? Sieht man in sich eher den Maler, Fotografen, Bildhauer, Video- oder Performancekünstler - oder den Kunsterzieher? Fast alle Institutionen bieten ja auch ein Lehramtsstudium an.

Jede Akademie hat ihre "Firmenkultur"

Für den eigenen Werdegang, auch für die Arbeitsweise kann es von erheblicher Bedeutung sein, an welcher Akademie und bei wem man die Kunst erlernt. Gerade in einer Zeit, in der überall gespart und umstrukturiert wird, sollte man wissen und erfragen, was Anfänger wo erwartet.

Jede Akademie hat außerdem ihre eigene "Firmenkultur". Die noch junge Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe (nicht zu verwechseln mit der Karlsruher Akademie) versteht sich als Avantgarde-Labor fürs Informationszeitalter. Hier, wo die Begriffe wie "Virtual Reality" und "Hypermedia" zu den wichtigsten Fachvokabeln gehören, kann man sich etwa zum Medienkünstler und Grafikdesigner ausbilden lassen.

Andere Häuser - wie etwa die Kunstakademie in Düsseldorf - geben sich traditioneller, auch elitärer. Am Rhein legt man Wert darauf, dass "alle angewandten Bereiche, vom Kunsthandwerk über Gebrauchsgrafik bis zum Design und zur Visuellen Kommunikation, dort keinen Platz" haben.

Neubau des Museum of Modern Art in New York: Hoffen auf den großen Wurf
AP

Neubau des Museum of Modern Art in New York: Hoffen auf den großen Wurf

Wer die klassische Arbeit mit Pinsel und Farbe lernen will, dürfte sein Mekka bereits vor Augen haben. Seit der Blitzkarriere des Leipziger Malers Neo Rauch, 44, in den neunziger Jahren ist der Osten Deutschlands angesagt. Insbesondere Leipzig und Dresden gelten als Sprungbrett zum Erfolg. Und viele Überflieger der Kunstszene kehren gern an eine Akademie zurück: als Lehrer.

So bringt der international gefragte Künstler Daniel Richter, 42, seit diesem Wintersemester den Studenten an der Berliner Universität der Künste das Malen bei. Seine Kollegin Katharina Grosse, 43, bekannt für ihre an die Wand gesprayten Farbexplosionen, ist Professorin an der Berliner Hochschule Weißensee. An der Akademie in Karlsruhe lehren etwa der Maler Franz Ackermann (siehe Interview) und neuerdings John Bock, 39, der gern in drolligen Installationen herumturnt und deshalb oft als "Zampano" des Kunstbetriebs bezeichnet wird.

Aura des Erfolgs

Der Ruhm eines Professors kann das Prestige einer Hochschule steigern - und umgekehrt. Auch die Studenten haben nichts gegen Prominenz; vielleicht färbt ja die Aura des Erfolgs ab. Viele strömen gerade zu der noch jüngeren Professorengeneration, zu den Mittdreißigern bis Mittvierzigern. Die sind ihnen näher - was das Alter betrifft und auch, was die Sicht auf die Welt und die Kunst angeht.

Bei Wolfgang Tillmans, 36, kann man auch einiges über Zeitmanagement lernen. Der berühmte Fotograf wohnt in London, ist weltweit viel unterwegs - trotzdem schafft er es, angemessen oft nach Frankfurt zu kommen, wo er an der Städelschule unterrichtet. "Er hat nun einmal den Ehrgeiz, eine der besten Klassen der Republik zu leiten", meint Städelschulen-Direktor Daniel Birnbaum: "Was wollen wir mehr?"

Stichwort Ehrgeiz: Den sollten angehende Künstler durchaus an den Tag legen, gerade, wenn es ums Geldverdienen geht. Zu diesem Punkt findet auch der wundersam rätselhaft sprechende Markus Lüpertz ganz deutliche Worte. Erst kürzlich sagte er auf dem Internationalen Forum für Kultur und Wirtschaft in Dresden, dass Kunst und Kommerz zusammengehören. Und bei aller Liebe zum "Meer des Ideellen" müssten Künstler vor allem eines: "Erfolg haben."



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