Kuriose Sprachinsel Man spricht Texas-Deutsch

"Die Eichkatz sitzt auf meine Tools" - wer solche Sätze spricht, zählt zu den letzten Zehntausend, die einen einzigartigen Dialekt mitten in Texas überleben lassen. Zwischen Wurstfest, Blasmusik und Gemütlichkeit erforscht der Linguist Hans Boas die seltsame Mundart Texas-German.

Von Martina Rampas


Der Wüstenwind bläst rollende Büsche über die staubige Landstraße nach Paris, Texas. Bevor sich Kojote und Klapperschlange gute Nacht sagen, spielt Marlboro-Man das Lied vom Tod auf seiner Klampfe. Typisch Texas? Bestimmt nicht hier: Im grünen Hügelland von Zentraltexas geben gepflegte Oompah-Klänge - sprich Blasmusik - den Ton an. Deutsche Lied- und Wurstkultur wird nicht nur beim alljährlichen Oktoberfest in Ehren gehalten. Liederkreise, Schützenfeste und Straßennamen wie etwa Faust-, Ufer- oder Ranslebenstraße in New Braunfels und Fredericksburg sind charakteristisch für den "German Belt", wie die deutsch geprägte Gegend traditionell genannt wird.

Typisch ist auch die Frage, die Clarence Scheel hört, wenn er nach Deutschland reist: "Wann sind Sie denn nach Amerika ausgewandert?" Dann verblüfft der Texas-Deutsche mit seiner Antwort: "Na ja, meine Familie lebt seit mehr als 150 Jahren drüben." Scheels 95-jähriger Vater Adolph lernte erst mit 18 Jahren Englisch. Das lag auch ein bisschen an Gottes unergründlichen Wegen: "Der Dorfpfarrer wollte nicht, dass die Buben Englisch lernen", erzählt Scheel, "weil er das selbst nicht konnte und dann nicht mehr alles verstanden hätte."

Zur Blütezeit des Texas-German, von etwa 1880 bis zum Ersten Weltkrieg, sprachen in "Hill Country" mehr als hunderttausend Einwohner das Deutsch mit dem gewissen Etwas. Gottesdienste und Schulunterricht wurden auf Hochdeutsch gehalten, es gab fast 90 deutschsprachige Zeitungen und Magazine und ein blühendes Vereinswesen mit Gesangsvereinen wie Germania und der Liedertafel. Heute sind maximal zehntausend Sprecher übrig, Tendenz aussterbend. Der deutsche Sprachwissenschaftler Hans Boas von der University of Texas in Austin gibt den Texas-Deutschen noch höchstens 30 Jahre: "Die meisten Sprecher sind über 60, mit dieser Generation wird auch das Texas-Deutsch aussterben."

"Ich muss die Pick-up erst mal greasen"

Boas gründete das Texas-German-Projekt, um einen Dialekt zu dokumentieren, der in mehrerer Hinsicht einmalig ist: "Das Besondere ist nicht nur, dass Texas-German jünger ist als die anderen deutschen Dialekte in den USA wie zum Beispiel das Pennsylvania Deutsch, das schon Ende des 17. Jahrhunderts gesprochen wurde. Es ist auch einzigartig, weil es ein Mischdialekt aus mindestens fünf verschiedenen Dialekten ist, da die Immigranten aus verschiedenen deutschen Gebieten kamen. Dazu kommt die Verwendung von englischen Lehnwörtern, wie bei 'Dann sind wir nach Boerne gemoved' oder 'Wir meeten uns heute in town'."

Das texanische Deutsch ist reich an solchen sonderbaren Sätzen wie "Die Kuh ist über die Fence gejumpt!" oder "Wasever, ich muss die Pick-up da erst mal greasen und das Oil changen". Trotz des drohenden Sprachtods hielt es sich hartnäckiger als andere eingewanderte Sprachen. Das lag an der geografischen Isolation der verstreut liegenden Familienfarmen. Die ersten deutschen Einwanderer kamen in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in ein fast menschenleeres Gebiet. Wer den mehrwöchigen Treck durch Sümpfe, die Krankheiten und den Hunger überstand, machte Land urbar und baute die ersten Häuser.

So auch die Vorfahren von Jeannette Felger, die zu den ersten 200 Einwohnern von New Braunfels gehörten. Die 82-Jährige wurde noch auf Deutsch unterrichtet und kann sich lebhaft daran erinnern: "In der ersten Klasse bekamen wir mal eine Lehrerin, die kein Deutsch konnte - und wir haben uns so lange beschwert, bis sie gehen musste!"

Doch die beiden Weltkriege führten zum Ende der deutsch-amerikanischen Freundschaft und zu einem Verbot der deutschen Sprache in öffentlichen Institutionen. Clarence Scheel, der erst in der Schule Englisch lernte, erinnert sich: "Im Pausenhof redeten wir manchmal heimlich Deutsch, aber wenn wir erwischt wurden, mussten wir Strafaufgaben machen und immer wieder schreiben: 'Ich darf kein Deutsch reden'."

Spanischlernen ist für die Enkel sinnvoller

Die typische Reaktion der Texas-Deutschen, wenn sie im Rahmen des Sprachprojekts kontaktiert werden, ist denn auch völliger Unglauben: "Die Leute glauben entweder, ich will ihnen was verkaufen oder sie auf den Arm nehmen", so Boas, "es war ja nicht nur so, dass das Texas-Deutsche öffentlich verpönt war. Auch als es noch in der Schule unterrichtet wurde, wurde auf Hochdeutsch gelehrt, aber nicht auf Texas-Deutsch. Die Leute hatten also eine doppelte Stigmatisierung hinter sich."

Das Texas-Deutsch ist nach ersten Feldstudien in den siebziger Jahren nicht mehr systematisch erforscht worden, viele Studenten erfahren über Boas zum ersten Mal von der Existenz. Umso mehr bedauert Boas den mangelnden Enthusiasmus deutscher Behörden in der alten Heimat: "Es war nicht möglich, von deutscher Seite irgendwelche Forschungsgelder zu bekommen. Da habe ich immer nur gehört: kein Interesse." Trotzdem befinden sich inzwischen Interviewaufzeichnungen mit 250 Sprechern im online zugänglichen Dialektarchiv.

Die meisten Texas-Deutschen sehen den Niedergang ihrer Mundart als ein naturgegebenes Phänomen an und das Ganze pragmatisch: Für ihre Kinder und Enkelkinder ergibt es im texanischen Alltag heute mehr Sinn, Spanisch zu lernen. Trotzdem bezeichnen sich viele immer noch stolz als Texas-Deutsche, im Gegensatz zum Amerikaner von nebenan.

Ganz nebenbei entdeckte Boas den ultimativen Texas-German-Test: Woran erkennt man einen Texas-Deutschen? "Am Vorgarten, wenn der sauber und ordentlich ist, dann ist das mit Sicherheit ein Texas-Deutscher!"



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