Langzeitstudent Oliver Bierhoff Diplom nach 25 Semestern

Oliver Bierhoff hat eine langjährige Beziehung beendet - die zur Fernuniversität Hagen. Am Dienstag erhielt der Fußballprofi nach 13 Jahren seine Urkunde als Diplom-Kaufmann und sieht sich jetzt gewappnet für die zweite Karriere im Marketing: Kopfarbeit statt Kopfball.


Oliver Bierhoff: Präsentiert stolz sein Diplom
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Oliver Bierhoff: Präsentiert stolz sein Diplom

In den letzten Monaten brillierte er mehr als eine Art Pressesprecher der schwächelnden deutschen Fußball-Nationalmannschaft als auf dem Platz. Kopfsache ist für ihn beides - und das Studium an der Fernuniversität Hagen ebenfalls. Am Dienstag holte Oliver Bierhoff sich seine Diplomurkunde persönlich in Hagen ab. Zur Titelverleihung erschien er in feinem Zwirn und beantwortete geduldig Journalisten-Fragen, nachdem Wirtschaftsdekan Helmut Wagner ihm die Urkunde überreicht hatte. Stürmer Bierhoff darf sich nun Diplom-Kaufmann nennen.Dass es mal so lange dauern würde, hatte Erstsemester Oliver Bierhoff wohl nicht gedacht, als er sich 1988/89 in Hagen für Wirtschaftswissenschaften einschrieb. Das Fernstudium hatte der damals 20-Jährige mit seinem Vater Rolf als Rettungsanker für den Fall vereinbart, dass es mit der Karriere als Balltreter nicht recht klappen sollte. Tatsächlich kam die Karriere auf dem Platz zunächst nur schwer in Gang, dafür ging an der Uni am Anfang alles noch recht flott: "In den ruhigen ersten Jahren war das Studium ein hervorragender Ausgleich zu den Trainingseinheiten", erinnert sich Bierhoff. Später war es damit vorbei: Immer mehr Termine für Bundesliga, Nationalmannschaft, Sponsoren - die Freizeit wurde knapp, das Studium zog sich in die Länge. Geschenkt wird einem schließlich auch an der Fern-Uni nichts. Die Prüfungen sind streng und müssen weltweit zum gleichen Zeitpunkt in einer "rechtssicheren Institution" geschrieben werden. So ging Bierhoff unter anderem im Goethe-Institut zu Rom und im Konsulat Monaco in Klausur. Oft jedoch auch gar nicht - wenn wieder mal ein Auswärtsspiel anstand. Note 3 für die DiplomarbeitImmerhin blieb Bierhoff am Ball, und das mit ziemlicher Präzision. Als er 1998 in einem Interview gefragt wurde, wann denn mit dem Studium Schluss sein soll, antwortete er: "In ungefähr vier Jahren." Nur das Diplomarbeitsthema war damals noch nebulös: "Sicherlich irgend etwas mit Fußball. Vielleicht durchleuchte ich dabei ja mal den DFB."
Köpfchen: Oliver Bierhoff hat nach 13 Jahren fertig studiert
AP

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Das wusste der Verband wohl zu verhindern, und Bierhoff forschte auf anderem Gebiet. Thema: "Die Bestimmung des Platzierungspreises von Aktien im Vorfeld einer Börsenneueinführung - eine vergleichende ökonomische Analyse am Beispiel des Börsengangs von Fußballvereinen." Für seine Diplomarbeit erhielt er die Note "befriedigend"."Man darf diese Leistung nicht unterschätzen", meint der Hagener Helmut Hoyer. "Ein Studium an der Fernuniversität ist schwieriger als eines an einer Präsenzhochschule. Es verlangt Disziplin. Immer wieder muss man den inneren Schweinehund überwinden. Bierhoff ist der erste Fußballprofi, der den Abschluss in Hagen schaffte - Kicker-Kollege Christian Nerlinger zum Beispiel hatte das Fernstudium aufgegeben. Hochleistungssportler sind an der Fernuniversität aber nicht selten. Auch Bierhoffs Frau Klara, ehemalige Basketballerin, ist dort eingeschrieben, außerdem der Dortmunder Mittelfeldspieler Lars Ricken, Biathlet Rico Groß, Biathletin Kati Wilhelm und Langläuferin Evi Sachenbacher. Das ehemalige Ski-Ass Katja Seizinger hat ihr Wirtschafts-Diplom bereits in der Tasche. Bierhoff kann sein Wissen nach der Fußballkarriere sicher gut verwenden. "Bei der WM 2006 könnte ich mir eine Mitarbeit im Bereich Sponsorenwerbung und Marketing gut vorstellen." Momentan hat er noch einen Vertrag in Monaco, der aber bereits Ende Juni ausläuft. Am liebsten würde Bierhoff noch ein Jahr spielen und danach als Marketingberater beim Sportkonzern Nike einsteigen, mit dem er bereits zusammenarbeitet.Im Moment steht jedoch die Weltmeisterschaft an erster Stelle. Und vielleicht wird auch da endlich alles gut.



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