Langzeitstudent SPD-Abgeordneter Niels Annen scheitert am Latinum

Das Leben ist hart, das Latinum auch. Nach 14 Jahren verlässt Niels Annen die Hamburger Uni ohne Abschluss. Dafür entschuldigte sich der Bundestagsabgeordnete, 35, bei den Genossen: Fürs Studium fehle einfach die Zeit. Und dann war da noch diese vertrackte Lateinprüfung.

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Für "26 oder 27 Semester" - so genau habe er das selbst nicht im Kopf - war Niels Annen Student. Es ist vorbei, bye, bye, Junimond: Der Hamburger Bundesabgeordnete der Sozialdemokraten und die Uni sind fortan geschiedene Leute.

Niels Annen (in seiner Zeit als Juso-Chef): Tschüss, Uni
DDP

Niels Annen (in seiner Zeit als Juso-Chef): Tschüss, Uni

Seit 1994 war Annen in Hamburg für Geschichte, Geografie und Lateinamerikastudien eingeschrieben, mit einem Gastspiel 1997 an der Universität Complutense in Madrid. In der SPD machte er eine steile Karriere: Schon 1989 trat er als Gymnasiast und Landesschülervertreter in die Partei ein, war ab 2001 drei Jahre lang Bundesvorsitzender der Jusos und ist seit 2003 auch im SPD-Parteivorstand. 2005 kandidierte Annen im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel erfolgreich für den Bundestag, kündigte aber an, er werde sein Studium trotzdem bis zum Ende durchziehen.

Das gelang ihm nicht. Seine politische Arbeit verlange eben "vollen Einsatz", sagte der 35-Jährige jetzt. Er sei schon länger nicht mehr zu Uni-Seminaren gegangen, habe allerdings außer dem obligatorischen Latinum sowie der Magisterarbeit nebst Abschlussprüfungen sämtliche Scheine beisammen gehabt.

Studium interruptum dank Schröder-Coup

Sogar das Thema der Abschlussarbeit hatte sich Annen 2005 schon ausgeguckt: "Die spanische Innenpolitik nach dem Verlust der Kolonien 1898". Doch durch die vorgezogene Bundestagswahl 2005, bei der er erstmals antrat, habe seine "persönliche Lebensplanung durcheinander gebracht", schreibt Annen jetzt in einem Brief an die SPD-Mitglieder in seinem Eimsbüttler Wahlkreis. Neben seinem Mandat habe er zudem in einer SPD-Kommission aktiv am neuen Grundsatzprogramm der Partei mitgearbeitet. "Trotz intensiver Vorbereitung habe ich im Herbst 2007 das für das Geschichtsstudium obligatorische Latinum leider nicht bestanden", räumt er zerknirscht ein.

Per aspera ad astra, frei übersetzt: Es fällt einem nichts in den Schoß - Annen scheiterte nicht zum ersten Mal an der bösen Lateinprüfung, da half selbst Privatunterricht nicht. Hunderttausende von Studenten werden mit ihm fühlen, sie haben selbst in Lateinkursen leiden müssen. Annen schreibt weiter, nun bitte er um Verständnis für den Studienabbruch, auch wenn er so "die Zusage, die ich Euch im Vorfeld der Wahl gemacht habe", nicht einhalte.

Trotz fehlenden Abschlusses sehe er seine "26 oder 27 Semester" nicht als verloren an, denn er habe im Studium viel gelernt, sagte Annen außerdem. Sein Entschluss gelte unabhängig von der Frage, ob ihm im kommenden Herbst die Wiederwahl in den Bundestag gelinge. Dem Parteilinken, der zuletzt durch ein Treffen mit anderen linken Sozialdemokraten und Vertretern der Linkspartei für Aufsehen sorgte ("Walden-Connection"), waren seine Studiendauer und das Fehlen eines Berufsabschlusses - auch von Genossen - wiederholt vorgeworfen worden.

Abteilung Attacke: Immer im Visier der Krawallschreiber

Aber keineswegs nur von Genossen: Schon zur Bundestagswahl vor drei Jahren hatte sich die "Bild"-Zeitung, Zentralorgan des Bildungsbürgertums, in den prominenten Studenten verkeilt. "Weiß dieser junge SPD-Politiker wirklich, was Arbeit ist?", texteten Krawallredakteure. Sie luden sogleich nach: "24 Semester Berufsstudent - was bringt so einer im Bundestag?"

Und weiter ging's: Das "SPD-Milchgesicht" sei ein "lebendes Beispiel dafür, dass wir in Deutschland Studiengebühren brauchen, wie sie die Union einführen will". Das Blatt präsentierte ihn in der Rubrik "Das Verhör" mit der Unterzeile "24 Semester studiert, noch nie gearbeitet, kein Job" (was nicht stimmte, Annen hatte außer Zivildienst und politischer Arbeit auch bei Lufthansa und Ikea gejobbt).

Das ging sogar der politischen Konkurrenz zu weit. Noch am selben Abend klingelte bei Annen das Telefon: Philipp Mißfelder, Bundesvorsitzender der Jungen Union und ebenfalls Bundestagskandidat, bekundete seine Solidarität. Und er stellte klar: "Ein Student hat das gleiche Recht zu kandidieren wie ein Arbeitsloser oder ein Multimillionär."

Zum Studienabbruch fragte "Bild" jetzt hämisch, warum "Deutschlands bekanntester Bummel-Student nicht längst von der Uni flog". Mit solchen Attacken musste Annen leben und klappt dieses Kapitel nunmehr zu.

Der Politiker ist beileibe nicht der einzige prominente Studienabbrecher. "In den vergangenen Monaten habe ich intensiv über Alternativen nachgedacht und mich nun für die aus meiner Sicht einzig richtige Möglichkeit entschieden: der Öffentlichkeit gegenüber ehrlich Bilanz zu ziehen", so Annen auf der Seite Abgeordnetenwatch.de. Nie habe er aus seinem noch nicht abgeschlossenen Studium ein Geheimnis gemacht und sei damit "trotz manch persönlicher Anfeindung immer offen umgegangen".

Mit Material von AFP



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