Barrierefreiheit Was ist Leichte Sprache - und wer braucht sie?

In einem Kommentar hat eine Journalistin Formulierungen in Leichter Sprache als "dumm" bezeichnet - und dafür viel Ärger im Netz geerntet. Doch was steckt hinter dem Konzept?

Lesenlernen für Erwachsene (Symbolbild)
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Lesenlernen für Erwachsene (Symbolbild)


"Das kann die 'Sendung mit der Maus' besser", meinte die Journalistin Susanne Gaschke und kritisierte eine Beilage der Bundestagszeitung "Das Parlament" in sogenannter Leichter Sprache. In einem Kommentar für "Die Welt" ließ sie sich darüber aus, wie dumm die Formulierungen darin seien. Das kam bei vielen gar nicht gut an.

Die gehörlose Inklusionsaktivistin Julia Probst warf der Journalistin auf Twitter "Ahnungslosigkeit und Arroganz" vor. Sie habe den Sinn von Leichter Sprache nicht verstanden, schrieb der Blogger Raul Rauthausen, der ebenfalls für Inklusion und Barrierefreiheit eintritt. Medienjournalist Stefan Niggemeier mutmaßte, Gaschke habe sich nicht über die Hintergründe von Leichter Sprache informiert.

Das Konzept gibt es seit mehr als zehn Jahren - und es richtet sich an ganz bestimmte Zielgruppen. Die Idee dahinter: Barrierefreiheit und Inklusion bedeuten nicht nur, dass man Aufzüge und Rampen einbaut, wo vorher nur Treppenstufen waren. Sie beziehen sich auch auf sprachliche Zusammenhänge, die so dargestellt werden sollen, dass alle daran teilhaben können. Die wichtigsten Fragen auf einen Blick:

Was ist Leichte Sprache?

Leichte Sprache bedeutet, dass Sachverhalte in einfachen und kurzen Sätzen vermittelt werden. Texte sollen keine Bleiwüsten sein, sondern mit Bildern oder Grafiken aufgelockert werden.

Für wen ist Leichte Sprache gedacht?

Sie richtet sich laut dem Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen e.V. zum Beispiel an Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten und an Menschen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen. Doch nicht nur an sie: "Alle Menschen ärgern sich über schwierige Texte", heißt es auf der Webseite des Büros. Deswegen freuten sich viele Menschen, dass es zum Beispiel Anleitungen, Gesetze und Verträge auch in leicht verständlicher Fassung gebe.

Welche Regeln gelten?

Zu den Regeln für Leichte Sprache zählen zum Beispiel: kurze Sätze, einfache Wörter und eine große Schrift. Einfache Wörter heißt aber nicht nur, Fremdwörter zu vermeiden. Wichtig ist auch, für dieselben Dinge immer dieselben Begriffe zu benutzen und lange Wörter mit einem Bindestrich zu trennen, damit man sie besser lesen kann. Zudem soll eine komplizierte Grammatik, zum Beispiel Genitiv-Konstruktionen, vermieden werden.

lie/lov



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Seite 1
reiska 26.09.2018
1. selkouutiset
Ich finde das prima. Mein Finnisch reicht nicht aus, um Helsingin saomat zu lesen. Aber mit Nachrichten in Einfacher Sprache klappt es ganz gut.
spon_2937981 26.09.2018
2.
Mannometer, ich hielt mich bislang für eher 'linksgrün', aber langsam geht mir der PC-, Gender-, Inklusions- und Sonstwas-Wahn auf die Nerven. Muss man denn wirklich alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen? Kann man nicht 'normale' Texte erstellen und die 'einfache Version' parallel vorhalten? Beim Gedanken, künftig PC-konform überwiegend 'leichte' Texte wie den (m.E. zu Recht) kritisierten lesen zu müssen, wird mir ehrlich gesagt schlecht.
Newspeak 26.09.2018
3. ...
"Sie beziehen sich auch auf sprachliche Zusammenhänge, die so dargestellt werden sollen, dass alle daran teilhaben können. [...] Sie richtet sich laut dem Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen e.V. zum Beispiel an Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten und an Menschen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen. Doch nicht nur an sie: "Alle Menschen ärgern sich über schwierige Texte", heißt es auf der Webseite des Büros. Deswegen freuten sich viele Menschen, dass es zum Beispiel Anleitungen, Gesetze und Verträge auch in leicht verständlicher Fassung gebe." Die Grundidee ist gut. Nur leider hat Sprache auch andere Funktionen und die Schwierigkeit von Sprache auch andere Gruende als reine Ausgrenzung (was auch sein kann, natuerlich). Gesetzestexte sind z.B. deshalb kompliziert, weil es immer Leute gibt, die jede Schwachstelle in der Formulierung fuer sich ausnutzen wollen, weshalb man alle moeglichen Dinge unnoetig kompliziert abhandeln muss, durch spezielle Definitionen und der Beschreibung von Ausnahme- und Sonderfaellen. Ein Gesetzestext in leichter Sprache mag leicht verstaendlich sein, nur ist es eben nicht mehr derselbe Gesetzestext und infolgedessen am Ende sinnlos, wenn es wirklich um die rechtlichen Details geht. (Und zu welcher anderen Gelegenheit liest man schon freiwillig Gesetzestexte, ausser, wenn man es genau wissen will?). Gleiches gilt fuer Vertraege. Es ist nicht die Schuld der Verfasser, wenn diese kompliziert sind, sondern die der Vertragsnehmer, die aus jeder Unterlassung einen persoenlichen Vorteil zu erringen versuchen. Andere schwierige Texte sind z.B. wissenschaftliche Texte. Da kann man nur begrenzt vereinfachen. Natuerlich gibt es deshalb trotzdem besser und schlechter verstaendliche Texte. Aber man kann es eben auch nicht fuer jeden schreiben. Sorry, auch ich kann keine hoehere Mathematik lesen, weil mein IQ dazu nicht ausreicht, bzw. weil man sich dazu vorher Monate und Jahre ausbilden lassen und die Sprache lernen muss. Warum wohl verbringen Juristen einen grossen Teil ihrer Ausbildung damit, Gesetzestexte richtig interpretieren zu koennen? Menschen, die nicht so gut deutsch sprechen, sollten sich z.B. eben bemuehen, das besser zu lernen. Man sollte als Mensch im Leben in seinen Faehigkeiten wachsen, und nicht umgekehrt alles so bequem wie moeglich gemacht bekommen wollen, und am Ende auch zu stark vereinfacht und damit falsch. Zum Erfolg in dieser Gesellschaft gehoert es einfach auch, dass man sich ein paar Mal im Leben anstrengen muss, Lesen lernen, Schreiben lernen, Denken lernen, ohne alles auf dem Silbertablett zum einfachen Konsum praesentiert zu bekommen.
gehdoch 26.09.2018
4. Habs gelesen...
Ich habe den verlinkten Artikel von Susanne Gelesen. Darin stehen auch Beispiele der einfachen Sprache. Ich halte es da eher mit Frau Gaschke. Das Problem ist das Erreichen der Ziel-Gruppe. Welche Zielgruppe? "Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen" Aha... Ob die den Kern der Sache erfassen bei Sätzen wie "... Bei den Demos haben bestimmte Menschen mitgemacht. Und zum Teil haben sie die Demos auch geplant. Man nennt diese Menschen Rechts-Extreme" ist zumindest fragwürdig.
dasfred 26.09.2018
5. Wichtige Einrichtung
Ich bin zum ersten Mal im Videotext des NDR drauf gestoßen. Ein Freund von mir mußte nach einem Unfall erstmal wieder Lesen und Schreiben lernen. Heute kommt er wieder einigermaßen klar, aber die einfache Sprache ist für das Verständnis sehr wichtig. Immerhin nehmen heute viele Leute nach Ende der Schulzeit nie wieder ein Buch in Hand und bei Facebook und Co. sieht man mit erschrecken, wie es um die Schreib und Lesefähigkeit bestellt ist.
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