Leipziger Kunststudenten "Da raucht's aber"

Die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ist eine weltbekannte Adresse: Einige Studenten werden schon vor dem Diplom vom internationalen Kunstmarkt hofiert, etwa in Amerika, wo die "Leipzig Painters" längst eine Marke sind.

Von Tina Hüttl


Die Ergebnisse ihrer jahrelangen Arbeit ist Stephanie Dost neulich mit einem Schlag losgeworden. Das New Yorker Ehepaar Susan und Michael Hort ging in eine Ausstellung, sah ihre Bilder - und kaufte das Gesamtwerk der jungen Künstlerin. Unter Galeristen besitzen die Horts wegen ihrer Sammelwut fast Legendenstatus. "Dass meine Arbeit auch von der Leidenschaft des Sammelns handelt - das hat die beiden wohl angesprochen", vermutet Dost.

Stephanie Dost, 24, ist noch Studentin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Der Name dieser Institution klingt etwas spröde, doch die Akademie ist als Erfolgsschmiede weltbekannt - was bedeutet, dass auch die Studenten unter der besonderen Beobachtung der Kunstwelt stehen.

In Amerika sind die jungen "Leipzig Painters" so etwas wie ein Markenbegriff geworden. Dost durfte mit ein paar Ehemaligen ihrer Schule vor kurzem in einer New Yorker Galerie ausstellen (wo dann die Horts auf sie aufmerksam wurden). Der Mythos Leipzig wurde ganz strategisch eingesetzt: "Clara Park - Zeitgenössische Malerei aus Leipzig" hieß die Gruppenschau. Der Titel bezieht sich auf den Clara Zetkin Park, der an die Schule in Leipzig angrenzt.

Figürliche, leicht lesbare Kunst

Wer hätte das gedacht? Jahrzehntelang war der Begriff "Leipziger Schule" ein Synonym für den "Sozialistischen Realismus". Es war eine figürliche, leicht lesbare Kunst, die den Alltag und die Alltagshelden der DDR bebilderte. Diese Tradition, die Gegenwart auch gegenständlich darzustellen, hat die Wende überlebt - mehr noch, sie wurde zum Exportschlager. Und sie war der Auslöser für das Comeback der Malerei, über das seit ein paar Jahren alle Welt redet. Nur verewigen die jungen Künstler heute lieber blühende Wiesen mit hübschen jungen Menschen als Fabrikarbeiter. Leipziger Malerei des 21. Jahrhunderts steht für die Coolness in der Kunst.

Besonders gut im Geschäft sind die Schüler des Künstlerprofessors Arno Rink. Sie alle - auch Dost - profitieren nämlich vom Rauch-Bonus.

Der Maler Neo Rauch war einst von Rink ausgebildet worden, bevor er in den neunziger Jahren weltberühmt wurde. Die Preise seiner bunt-gespenstischen Gemälde stiegen um mehrere tausend Prozent. Auf den jährlichen Rundgängen durch die Hochschule schielen die Galeristen seither besonders nach vielversprechenden Talenten aus Rinks Klasse, eben nach neuen Rauchs.

Vorbild der Leipziger: Neo Rauch
DDP

Vorbild der Leipziger: Neo Rauch

Und Professor Rink kann sich vor Bewerbungen kaum retten. Neben den offiziellen Bewerbungen erreichen ihn viele Bitt-Briefe und manchmal auch verzweifelte Telefonanrufe aus dem In- und Ausland. "Das alles tut dem Ego natürlich ganz gut", sagt der 64-jährige Professor lächelnd. Seit 1972 lehrt er hier; im nächsten Jahr ist für ihn alles vorbei, dann muss er emeritieren. Von Wollen kann bei ihm keine Rede sein.

Rinks Vergangenheit als staatstragender Maler ist für die Studenten kein Thema - für ihn selbst schon. Manchmal irritiert ihn die überhitzte Stimmung in Leipzig, die ganze gierige Aufmerksamkeit des Kunstbetriebs. Und dann sagt er auch mal krude Sätze wie: "Die Mauer hat uns Ruhe verschafft, unser Ding zu machen. Da haben die Jungen heute keine Chance. Kaum dass sie anfangen, müssen sie sich schon um den Markt kümmern." Er selbst malt mitunter sieben Jahre an einem Bild; von seinen Studenten verlangt er handwerkliche Qualität.

Vorbild Neo Rauch

Fast immer präsent ist das Vorbild Neo Rauch, das von Rink auch als Drohung eingesetzt werden kann. Wenn ein Schüler sich im Stil zu sehr an den Malerstar anlehnt, kommentiert Rink schon mal: "Da raucht's aber ganz schön." Oder er sagt: "Ein Rauch ist okay, zwei sind ein Witz."

Franziska Holstein, 26, studiert im neunten Semester und nahm im vergangenen Jahr bereits an einer Gruppenausstellung in der Leipziger Galerie "Eigen und Art" teil. Deren Besitzer Gerd Harry Lybke war auch der Entdecker Neo Rauchs und in der Nachfolge vieler anderer Leipziger Talente.

Für Holstein folgten dann Ausstellungen in Berlin und New York. Ein Konvolut von 96 ihrer Arbeiten ziert jetzt die Chefetage der sächsischen Landesbank. Den Nebenjob in der Kneipe hat sie längst aufgegeben.

Makellose Werbewelten

Ihre Bilder - Familienporträts und Interieurs - wirken so makellos, als stammten sie aus der Werbewelt. Dabei findet sie die Vorlagen oft in den Fotoalben von Freunden. Von der Wand des Ateliers blickt ein pausbäckiges Kindergesicht, der Hintergrund bleibt jedoch seltsam flach, wie weggedrückt. Ihre Bilder sind persönlich und neutral zugleich. Die junge Malerin findet es spannend, "dass private Bilder allgemeingültig, Werbebilder durchaus privat wirken können".

Warteschlange vor der Ausstellung "Das Moma In Berlin"
AP

Warteschlange vor der Ausstellung "Das Moma In Berlin"

Das Atelier teilt sie mit Katrin Heichel, 35, einer weiteren Anwärterin auf eine höhere Karriere. Vor kurzem hat sie ihren "persönlichen Faktor" um einen Punkt auf sieben Punkte erhöht: Der Faktor, multipliziert mit der Summe aus Höhe und Breite eines Bildes (in Zentimetern), ergibt den Marktpreis in Euro.

Heichel hat nichts dagegen, vom Ruhm der Leipziger Schule zu profitieren - aber darauf verlassen will sie sich nicht. Sie arbeitet hart. Zurzeit sitzt sie an einer Ophelia-Serie, sie beschäftige sich, sagt sie, mit der Metapher der "schuldlos leidenden Frau".

Dreimal hat sich Heichel in Leipzig beworben. "Meine ersten Bewerbungsmappen zeugten klar von der Arroganz des kleinen Mädchens, dem alle immer gesagt haben, es könne toll zeichnen."

Viele der Studenten schwanken zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln. Die ersten Ausstellungen oder Verkäufe haben die Anerkennung greifbar werden lassen; doch natürlich gesellt sich die Sorge dazu, das eigene Talent reiche langfristig nicht aus.

Auch Stephanie Dost ist trotz ihres Erfolgs in New York eher nervös. "Das Interesse ist da, doch die Zeit und Konzentration zum Arbeiten ist weg", beschreibt sie ihren derzeitigen Zustand. Die quirlige Studentin mit den kurzen schwarzen Haaren beugt sich über Fotos, die sie im Sommer von ihrer neuen Liebe aufgenommen hat, und hofft auf das Glück der Inspiration.

New York war ein Vorschuss, hier wartet die leere Wand.



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