Leipziger Marx-Relief Charly ist zurück an der Uni

Es ist ein Klotz, ein Trumm, ein wahrer Skulpturkoloss - nun hat die Universität Leipzig ihr Marx-Relief zurück, mit dem sie sich so schwer tut. Der Bronze-Kalle, lange in muffige Tücher gehüllt, hat einen neuen Platz, fernab des Zentrums. In voller Absicht.

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Fleckig, aber unverkennbar: Das Karl-Marx-Relief der Uni Leipzig
DDP

Fleckig, aber unverkennbar: Das Karl-Marx-Relief der Uni Leipzig

Der Streit war wurde ausdauernd geführt - auf der einen Seite die Universität Leipzig und ihre Studentenvertreter, auf der anderen Bundestagsabgeordnete, SED-Opfer und ein Orchesterchef. Gegenstand des jahrelangen Zwists: Ein 33 Tonnen schweres Bronzerelief von Karl Marx, politischer Philosoph und Autor des "Manifests der Kommunistischen Partei".

Auf sein Buch beriefen und berufen sich Marxisten und Sozialisten in aller Welt. Titel des 14 Meter breiten und sieben Meter hohen Kolosses aus der Ära des sozialistischen Realismus, mit dem die DDR ihren Staat und Marx' Lehre feierte: "Karl Marx und das revolutionäre und weltverändernde Wesen seiner Lehre".

33 Jahre prangte das riesenhafte Bildnis, das Karl Marx umrahmt von ernst blickenden und tapfer voranstürmenden Sozialistenmenschen zeigt, am Portal der Karl-Marx-Universität am Karl-Marx-Platz in Leipzigs Mitte. Es war also alles Marx - und nach dem Ende der DDR sollte alles weg.

Erst zersägt, dann beinahe geschmolzen

Den Karl-Marx-Platz verlegte die Stadt in die nordwestliche Peripherie zwischen Bahngleisen und Autobahn, die Uni heißt seit 1991 einfach Universität Leipzig. Und die bronzene Heldenplastik zersägten erst Arbeiter in drei Teile und motteten sie dann für die vergangenen zwei Jahre ein.

Am Donnerstag stellte ein Kranführer den Ur-Kommunisten Karl Marx wieder aufrecht hin - eingerahmt von drei großen Betonplatten. Charlys neue Heimat liegt abseits der Innenstadt und unweit des Leipziger Zentralstadions, nämlich auf dem Campus der Deutschen Hochschule für Körperkultur an der Jahnallee, die heute die sportwissenschaftliche Fakultät der Uni ist. Außerdem haben dort auch die Wirtschaftswissenschaftler den Sitz ihrer Fakultät. Vom ehemaligen Hauptgebäude, einer im Jahr 2006 abgerissenen Asbestburg zwischen Universitätsstraße und Augustusplatz, ist es eine Viertelstunde Fußmarsch zum neuen Karl-Marx-Abstellplatz.

Den ehemaligen Namenspatron wieder in der Innenstadt aufzuhängen, hatten sich Uni-Rektor Franz Häuser und der Akademische Rat der Hochschule nicht getraut, angesichts der massiven Kritik an diesem Prachtexemplar realsozialistischer Skulpturkunst. Dass aber Marx geschmolzen oder irgendwo gevierteilt montiert wird, wie es auch zur Debatte stand, wollten sie verhindern. Der Rektor argumentierte mit dem Denkmalschutz, auf dass der Bronze-Kommunist als "wichtiges Zeitzeugnis" erhalten bleiben möge.

Es lohnt tatsächlich, die Geschichte der Universität Leipzig gut zu dokumentieren: Die nach Marx benannte Uni war in der DDR-Zeit streng mit dem diktatorischen SED-System verbunden. In Leipzig versuchte der Arbeiter- und Bauernstaat beispielsweise, am Institut für Publizistik ("Rotes Kloster") regimetreue Journalisten zu formen, zog sich an der geisteswissenschaftlichen Fakultät mit handverlesenen, linientreuen Studenten den Kadernachwuchs. Und sprengte im Mai 1968 die im Krieg wenig beschädigte, 700 Jahre alte Universitätskirche St. Pauli als Zeichen gegen die Bürgerlichkeit und um der strahlenden, sozialistischen Universitätszukunft Platz zu schaffen.

Peripherie steht für "Verantwortung und Distanz"

Damit dieser sozialistische Bildersturm nicht vergessen wird, stellt die Universität in den kommenden Wochen neben den Bronzekoloss eine Gedenktafel auf. Sie soll die Rolle der Universität Leipzig in der DDR und die Sprengung der Paulinerkirche dokumentieren. Der Text auf der Tafel macht deutlich, dass es sich beim Relief-Trumm nicht etwa um verkappte Heldenverehrung handelt, sondern die Betrachter mahnen soll: Das Relief der Künstler Rolf Kuhrt, Klaus Schwabe und Frank Ruddigkeit sei "eines der monumentalsten Beispiele politischer Auftrags- und Propagandakunst der DDR". Erst die "Gewalttaten", also die Sprengung der Kirche und weiterer historischer Uni-Gebäude, hätten die Universität zu einem Campus "nach marxistisch-leninistischen Vorstellungen" gemacht, steht auf der Tafel.

Einer der Kritiker der Plastik hat daran mitgeschrieben. Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, war eine zentrale Figur des Widerstands gegen die SED-Diktatur in den achtziger Jahren. Er hatte sich auch in anderer Sache mit dem Rektor und der Uni angelegt: Führer plädierte für einen neuen Kirchenbau, anstelle der jetzt geplanten Aula mit Kirchenecke an der Stelle, an der früher die Paulinerkirche stand. Auch der Streit um den Wiederaufbau der Kirche hatte die Stadt entzweit - und die Uni einen Rektor gekostet, ein regelrechter Kulturkampf tobte in Leipzig.

Für die Tafel setzte Christian Führer sich mit den Uni-Verantwortlichen an einen Tisch, um dem Marx-Koloss zu einem entsprechenden Kontext zu verhelfen. Warum die Plastik fernab der Leipziger Besucherströme und der meisten Studenten aufgestellt wurde, erklärt der Text der Schautafel elegant: Durch die "räumliche Distanz" zum "ursprünglichen Kontext" dokumentiere der Standort "Verantwortung und Distanz zugleich". Das neue Domizil des bronzenen Kommunismus-Erfinders ist allerdings historisch auch nicht ohne: Die Hochschule für Körperkultur war in der DDR die Zentrale des staatlichen Dopingsystems - ein weiteres Beispiel also für systematisches Unrecht in der ostdeutschen Diktatur.

Mit Material von ddp



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