Lernklinik Leipzig Doktor spielen für den Ernstfall

Praktische Erfahrung ist für angehende Ärzte so wichtig wie schwer zu bekommen: Wenn es um Leben und Tod geht, lässt man keine Anfänger ran. In Leipzig können Medizinstudenten nun in einer Lernklinik an Hightech-Puppen üben. Blut fließt dort trotzdem.

SPIEGEL ONLINE

Von Christian Fuchs


Markus Kuttelwascher wird gleich ein Menschenleben retten. Der 24-Jährige mit dem Indie-Scheitel stürzt auf Station 3, in einem Raum warten schon fünf Kommilitonen auf ihn. Er wirft seinen roten Rucksack in die Ecke, auf einem Schild steht "OP-Bereich". Vor ihm liegt jemand, nach einem Motorradunfall hat er noch den Helm auf. Einer muss ihm das verdammte Ding sofort abnehmen, damit sein Hals nicht anschwillt und alles zu spät ist, bevor ein Arzt eintrifft.

Markus beugt sich zu dem Verletzten und fragt: "Hallo, geht's gut?" In dem Moment schrillt eine Frauenstimme aus der Ecke: "Stopp! Ganz schlecht."

Alle schauen zu der Frau im rosa Sweatshirt. "Ihr dürft niemals Ja-Nein-Fragen stellen, sonst versucht der Verletzte den Kopf zu bewegen, um euch zu antworten", sagt Romy Buhrmann, die Frau in Rosa.

Der Notfall ist zum Glück nur gespielt. Er ist eine Ausbildungsstation im SkillsLab der Universität Leipzig, einer Lernklinik, in der Medizinstudenten an Puppen zum Beispiel lernen, wie man einem Verletzten richtig den Helm abnimmt, ohne dass Knochensplitter ins Rückenmark eindringen. Bei einem Menschen kann das zum Tod führen.

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Lernklinik Leipzig: Doktor spielen für den Ernstfall
Romy Buhrmann studiert im siebten Semester Medizin und zeigt ihren Mitstudenten als Tutorin, wie man das mit dem Helm richtig macht. Markus und die anderen legen in der kommenden Woche eine Prüfung ab, in der sie zeigen müssen, was sie medizinpraktisch schon gelernt haben.

"Unser Mercedes ist Mister K."

Seit Anfang des Jahres können sie dafür an über 200 lebensechten Mensch-Maschinen probieren, was später bei richtigen Patienten auf sie zukommen wird. Hinter jeder der Türen in dem Emergency Room gibt es ein anderes Problem: Am japanischen Simulationskopf Ophelia ist eine Augendiagnose möglich, in einem Kautschuk-Torso sind Leberkarzinome und Nervenzysten versteckt, die im Ultraschall gefunden werden müssen. Und in der Kinderambulanz warten kleine Babypuppen, die Lungengeräusche wiedergeben und Herzfehler simulieren können. Die Puppen-Doktoren müssen die Venen in den Ärmchen finden und einen Tropf legen. Sogar ein kompletter Geburtsvorgang kann hier trainiert werden.

In Deutschland gibt es 23 SkillsLabs, fast zwei Drittel der medizinischen Fakultäten haben bereits einen Übungs-OP eingerichtet. Einer der Vorreiter war die Universität Mainz, die ihr Simulationszentrum vor 14 Jahren gründete. Heute können Studenten von Aachen bis Rostock Doktor spielen. "Die Besonderheit in Leipzig ist, dass man bei uns eine breite Fächerung an Basisfertigkeiten praktisch erproben kann - von der Blutabnahme bis zur Wiederbelebung", sagt Daisy Rotzoll, die Leiterin des Leipziger SkillsLab.

Manche der Trainingspuppen kosten bis zu 60.000 Euro. "Unser Mercedes ist Mister K.", sagt Rotzoll und huscht über den täuschend echt wirkenden Klinikflur. Sie öffnet die Tür von Raum E20, hier liegt der Simulant Mister K. Er hat Hightech-Organe und Herztöne, die man fühlen und hören kann. Über 80 Befunde sind an dieser Ganzkörperpuppe möglich.

"An den Puppen sollen die Studenten Routineeingriffe ausprobieren, damit sie diese beim Einsatz in der Klinik nicht zum ersten Mal machen", sagt Daisy Rotzoll. Ein Ziel ist, Berührungsängste abzubauen. Das scheint zu funktionieren. Obwohl Markus Kuttelwascher im siebten Semester Medizin studiert und nachts Schichten in der Notfallaufnahme der Uniklinik schiebt, hätte er sich vor dem Training an einer Puppe nie getraut, einen Ohnmächtigen mit einem Defibrilator wiederzubeleben. "Die Übungen hier machen mich auf jeden Fall sicherer", sagt er. "Mit der erlernten Routine kann ich auch den Patienten die Angst nehmen."

Special-Effect: Aus Silikonkissen fließt Kunstblut

Oft sind es die ganz kleinen Dinge, die schiefgehen, wenn man sie noch nie praktisch ausprobiert hat. Darum sitzen im Raum E15 sechs Studenten an einem Tisch und pieksen in Silikonkissen. Diese sind hautfarben und haben die Form eines Unterarms. Die Nachwuchs-Docs müssen die Arterie finden und anstechen. Gelingt das, fließt sogar Kunstblut. An einer anderen Station wird geübt, wie man richtig Rückenmarksflüssigkeit aus der Wirbelsäule entnimmt. Und im Nachbarraum kann das Eingipsen trainiert werden - ausnahmsweise am lebenden Arm der Kommilitonen.

"Die Übung an den Puppen kann die Praxis am Patienten natürlich nicht ersetzen", sagt der Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig, Joachim Thiery. Aber sie sei eine wichtige Ergänzung zum Unterricht am Krankenbett. "Nicht jeder Student kann schließlich mehrmals am Tag eine rektale Untersuchung durchführen", sagt Thiery, "aber nach Ende des Studiums muss er den Tumor bei seinem Patienten trotzdem erkennen."

Das Lehrkrankenhaus soll auch die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten verbessern. Darum wurde im Raum E05 ein ganz normales Krankenzimmer mit Bett, Liege und Überwachungsmonitor nachgebaut. Der Clou: Durch die verspiegelte Scheibe an einer Wand können Menschen im Nachbarraum dem Gespräch zwischen dem werdenden Arzt und einem Schauspielstudenten zuschauen.

Mittlerweile hat auch die Schulmedizin erkannt, dass es nicht nur darum geht, einen Kranken mit Pillen und Spritzen von den Schmerzen zu befreien. Auch Zuhören und Empathie spielen bei der Heilung eine Rolle. Manchmal muss ein Arzt im Klinikalltag auch Psychologe oder Seelsorger sein. Deswegen gibt es im Lernkrankenhaus ein eigenes Kommunikationslabor. Eine typische Übungsaufgabe: Wie bringe ich einer Mutter bei, dass ihr Frühgeborenes gerade gestorben ist?

Die neue Möglichkeit praktisches Wissen zu lernen, kommt an. Seit der Eröffnung habe Lernklinik-Chefin Daisy Rotzoll schon extrem viele Anfragen von Studenten erhalten, die gern im SkillsLab üben würden. Doch in den nächsten Monaten ist die Lern-Station schon ausgebucht. Auch Student Markus würde gern noch mehr Zeit an den einzelnen Hightech-Puppen verbringen. Aber nach einer Stunde ist auch seine Zeit mit dem Motorradopfer um. Wäre es eine echte Rettung gewesen, hätte der Verletzte überlebt.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
karsten112 02.02.2011
1. Schwer zu bekommen ??
Zitat von sysopPraktische Erfahrung ist für angehende Ärzte so wichtig wie schwer zu bekommen: Wenn es um Leben und Tod geht, lässt man keine Anfänger ran. In Leipzig können Medizinstudenten nun in einer Lernklinik an High-Tech-Puppen üben. Blut fließt dort trotzdem. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,742587,00.html
Wieso das? Wenn Medizinstudenten eine Ausbildung in der Krankenpflege + Berufserfahrung vorweisen müssten, würde schon früh die Spreu vom Weizen getrennt. Dann könnten die Menschen Medizin studieren die geignet sind und mit menschen umgehen können, nicht die die einen guten NC haben und auswendig lernen können. Das Studium würde sich nicht verlängern, viel Elemente der Ausbildungen sind gleich. Zugute käme das vor allem den Patienten.
docmed 02.02.2011
2. Malteser, DRK, Johanniter, ASB
Die selbstverständliche Mitarbeit eines Schülers bzw. Medizinstudenten in einer der 4 großen Hilfsorganisationen Deutschlands dürfte sehr schnell neben dem Erlernen der im Studium erst zu vermittelnden medizinischen Fähigkeiten auch dazu führen, dass der spätere Arzt nicht den Kontakt "zum Volk" verliert. Sie bieten in ihren Mitgliedern die beste Auswahl an motivierten, engagierten und ehrenamtlichen Helfern in unserm Land.(Bundespräsident Wulff!) Leider haben alle Hilfsorganisationen zu wenig dieser ärztlichen "Freiwilligen". Manchen in ihrer Empathie gestörten Medizinern (nicht Ärzten!) könnte so im Kreis dieser Helfer ein Licht aufgehen, wenn schon ihre Sprache vom normalen Menschen nicht verstanden wird... Der Leitspruch der MALTESER z.B.: "Als Malteser ist man nicht allein" oder "Weil Nähe zählt" scheint bei denen gelebtes Programm zu sein, zumal auch die angebotene zertifizierte(!) medizinische Qualität stimmt...so selbst bei der Hilfe im Unfall vom Malteser - Rettungsdienst erlebt!
JYHamster 02.02.2011
3. anderer Meinung
Ich kann meinem Vorautor karsten112 hier nicht zustimmen. Mal ganz davon abgesehen, dass Jungmediziner ein insgesamt 4 Monatiges Krankenpflegepraktikum absolvieren müssen, würde die Ausbildungszeit von Ärzten durch eine vorherige Pflegeausbildung unsinnigerweise verlängert. Abgesehen davon unterscheiden sich die Inhalte eines Studiums doch sehr von denen einer Pflegeausbildung. Die Pflegeausbildung lehrt praktische Fertigkeiten in der Pflege von Patienten, während in einem Studium komplexe Hintergrundvorgänge erklärt werden und es darüber hinaus einen wissenschaftlichen Anspruch hat. Insgesamt ist das System Skillslab eine sehr gute Möglichkeit später notwendige Fähigkeiten ohne Fremdgefährdung zu erlernen. Alle Pflegekräfte automatisch als sozial kompetenter zu bewerten als angehende Mediziner halte ich darüber hinaus für anmaßend...
Caffeine 02.02.2011
4. Skillslabs
Zitat von docmedDie selbstverständliche Mitarbeit eines Schülers bzw. Medizinstudenten in einer der 4 großen Hilfsorganisationen Deutschlands dürfte sehr schnell neben dem Erlernen der im Studium erst zu vermittelnden medizinischen Fähigkeiten auch dazu führen, dass der spätere Arzt nicht den Kontakt "zum Volk" verliert. Sie bieten in ihren Mitgliedern die beste Auswahl an motivierten, engagierten und ehrenamtlichen Helfern in unserm Land.(Bundespräsident Wulff!) Leider haben alle Hilfsorganisationen zu wenig dieser ärztlichen "Freiwilligen". Manchen in ihrer Empathie gestörten Medizinern (nicht Ärzten!) könnte so im Kreis dieser Helfer ein Licht aufgehen, wenn schon ihre Sprache vom normalen Menschen nicht verstanden wird... Der Leitspruch der MALTESER z.B.: "Als Malteser ist man nicht allein" oder "Weil Nähe zählt" scheint bei denen gelebtes Programm zu sein, zumal auch die angebotene zertifizierte(!) medizinische Qualität stimmt...so selbst bei der Hilfe im Unfall vom Malteser - Rettungsdienst erlebt!
Sie haben sicher in einigen Punkten recht allerdings geht es hier in den SkillsLabs in Deutschland (bzw. im deutschsprachigen Raum) nicht allein um Tätigkeiten die sich im Rettungsdienst wiederfinden, sondern um das erlnen der Grundlegenden Techniken von Untersuchungen und handwerklichen Fähigkeiten der ärztlichen Tätigkeiten. Diese Fähigkeiten (Benutzung von Ultraschalgeräten, Auskultationen, rektale Untersuchungen u.ä.) finden in der Tätigkeit der Hilfsorganisationen sicherlich keinen großen Platz. Sicherlich mag es eine Sinnvolle Ergänzung zum Studium sein, wenn man in irgend einer Form klinisch Tätig ist (Krankenpflege, Notaufnahme, Rettungsdienst) allerdings muss das jeder für sich entscheiden. Und als leuchtendes Beispiel für Empathie und guten Patientenkontakt seh ich die Herren und Damen der Rettungsdienste sicherlich nicht in ihrer ganzen Breite. Da würde der eine oder andere profilneurotische Medizinstudent gut reinpassen.
Zoloft 02.02.2011
5. ...handwerkliche Fähigkeiten...
Schon erstaunlich, dass für sehr viel Kosten publicityträchtig handwerkliche Fähigkeiten erlernt werden müssen, die frühere Arztgenerationen noch am Patienten erlernen konnten/mussten. Spielen da klagefreudige Patienten/Rechtsschutzversicherungen/Haftungsfragen eine Rolle? Auch sind bei der ausgezeichneten Arbeitsmarktsituation junger Mediziner (nichr Arbeitsbedingungen!)unbezahlte Überstunden in denen man auch was gelernt hat, nicht mehr sehr gefragt. Meines Erachtens nach wären Balintgruppen / Supervisionen für Berufsanfänger wichtiger als z.B. zukünftigen Chirurgen eine Lumbalpunktion beizubringen.
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