Li-La-Listenklau Attacke der Störstudenten-Guerilla

Ein Gespenst geht um an deutschen Unis, das Gespenst des Listenklaus: Studenten stibitzen Einschreibelisten für Seminare und Vorlesungen. So rebellieren sie gegen die Anwesenheitspflicht. Dozenten ächzen empört, auch viele Studenten nerven die Klau-Aktionisten.

Von Christian Fuchs


Montagnachmittag, kurz nach vier. Die Vorlesung am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU Berlin, Hörsaal 1a, ist gut besucht. Professor Joachim-Jens Hesse setzt gerade an, über das deutsche Regierungssystem zu referieren. Da springen zwei Clowns mit Megaphon zur Tür herein und rufen ins Auditorium: "Hallo, wir sind die Listenclowns und wollen hier die Listen klaun!" Ihre roten Plastiklöckchen wackeln an der Perücke, die weiße Schminke beginnt zu zerlaufen, als sie sich - schwupps - die Einschreibelisten schnappen. Der Professor ist außer sich, will die Vorlesung abbrechen, droht sogar damit, dass zum Semesterende niemand einen Schein erhält. "Buhhh" schallt es ihm entgegen. Sofort ist eine Diskussion über die Anwesenheitspflicht in Seminaren entfacht. Und genau das wollten die "Listenclowns" am OSI, eine der Wiegen der 68er-Studentenrevolte, erreichen.

Auch in Hamburg, Dresden, Chemnitz, Hannover und Jena verschwanden in den letzten Wochen auffallend viele Anwesenheitslisten für Seminare und Vorlesungen. Anonyme studentische Initiativen riefen öffentlich dazu auf, sie zu entwenden, oder machten selbst lange Finger - zum Ärger der Dozenten und Unileitungen.

Mit dem Listenklau fordern die Studenten die Abschaffung der Anwesenheitspflicht. Ihre kleine Rebellion speist sich vor allem aus einem diffusen Unbehagen gegen die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master. Dabei setzen die Hochschulen auf eine straffere Studienorganisation - was die Listenklauer als "Verschulung" buchstabieren. Und die von den Unis forcierte größere Praxisnähe der Studieninhalte begreifen sie als Unterwerfung vor der Wirtschaft. Doch das begründen die Stör-Studenten eher wirr. Sie fordern zwar eine "Diskussion über die Anwesenheitspflicht". Aber aus der Anonymität trauen sie sich nicht.

Begonnen hatten die Aktionen im November 2005 mit der "Modularisierung", der Umstellung von Magister- und Diplomstudiengängen auf Bachelor- und Masterangebote. Nun gibt es keine Scheine mehr, sondern Credit Points. Wer ein gesamtes Modul, also eine Reihe von Veranstaltungen, bestehen will, muss dafür nicht nur Prüfungen bestehen und Hausarbeiten schreiben, sondern auch in jeder Veranstaltung des Moduls anwesend sein. Dafür gibt es Punkte.

Studium als "Pflicht zur Selbstverpflichtung"

"Doch das widerspricht einem selbstbestimmten Studium", sagt ein "Mitdenker", wie sich die Aktionsgruppe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena nennt. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen will er seinen Namen so wenig wie andere Aufrufer in anderen Städten bei SPIEGEL ONLINE lesen. "Sinnvoll ist doch, die Leistungen am Ende des Moduls zu prüfen und nicht die Anwesenheit in allen Veranstaltungen", sagt er, "denn die bloße Anwesenheit ist keine Leistung." Darum brachten die zehn "Mitdenker" an der gesamten Uni Plakate und Flugblätter unters Volk. Über 20 Listen wurden daraufhin binnen zwei Wochen in Geographie-, Soziologie- und Religionsveranstaltungen gestohlen.

Die Klau-Aktionisten kritisieren auch, dass die Vorlesungsqualität unter den vielen unfreiwillig anwesenden Studis leide. "Wie oft kannst du einem Seminar nicht folgen, weil sich in den vorderen Reihen alle die unterhalten, die nur gekommen sind, weil eine Unterschriftenliste sie dazu zwingt?", fragen die "Selbstdenker" in ihrem Aufruf an der TU Dresden. Mehrmals wiederholten sie die "Woche des Listenschwunds". Weiter schreiben sie: "Wir haben keine Lust auf diese Kontrollen... Keine Lust auf ein Studium, in dem es immer mehr darauf ankommt, uns mit wirtschaftlich verwertbarem Wissen vollzustopfen." Ein Studium sei auch immer "Pflicht zur Selbstverpflichtung", sagte Soziologie-Studienberater Ehrhardt Cremers der "Sächsischen Zeitung". So habe Heinrich Böll während seines Germanistikstudiums fast nie die Uni besucht und trotzdem den Literaturnobelpreis gewonnen.

Sozial argumentieren dagegen die "Mitdenker" in Jena: Nach Angaben des Deutschen Studentenwerks müssten über 70 Prozent aller Studenten nebenher jobben, um sich das Studium zu finanzieren. "Die Präsenzpflicht geht damit an der sozialen Realität vorbei - wann sollen die Studenten denn ansonsten arbeiten?", fragt der Aktionssprecher.

Auch in Chemnitz wurde Anfang des Jahres zwei Wochen lang zum Diebstahl der Einschreibelisten aufgerufen. Eric Petermann von der Juso-Hochschulgruppe war damals daran beteiligt. Noch heute ist er erzürnt über "die Sinnlosigkeit festzulegen, dass man immer da sein muss, wenn man sich das Wissen auch selbst aneignen kann". Manche Professoren sähen das ein und verzichteten auf eine Anwesenheitspflicht, vor allem in sowieso überfüllten Veranstaltungen. Lernen könne man auch zu Hause oder in der Bibliothek. "Das ist tausendmal besser, als sich hundsmiserable Vorträge von Kommilitonen anhören zu müssen", sagt Eric.

Unis drohen mit Sanktionen

Während die Listen in ostdeutschen Städten eher still verschwanden, traten in Hamburg und an der FU Berlin schrille Clowns auf. Und brachten die Dozenten in Schwierigkeiten. Gerade zum Semesterende, wenn die Listen voll sind mit den Unterschriften und Namen aus allen bisherigen Vorlesungen, schmerzt ein Verlust sehr - damit verschwinden auch prüfungsrelevante Informationen. "Die Anwesenheit ist ja ein Teil der Leistung", sagt Professor Stephan Lessenich, dem 250 Unterschriften aus seiner Makrosoziologie-Vorlesung in Jena abhanden kamen. Der Verlust sei prüfungsrechtlich so, "wie wenn Klausuren verbrannt würden".

Nachdem Lessenich mit den Dieben per E-Mail in Kontakt trat, rückten sie die Liste wieder raus, hatten die Unterschriften der Studenten jedoch vorher fein säuberlich ausgeschnitten. "Sah sehr schick aus, wie der Dozent mit einer zerfledderten Liste vorne stand und unser Bekennerschreiben vorgelesen hat", freut sich der anonyme Dieb noch immer. Längst prüft die Uni Jena, wie man den Dieben und Aufrufern begegnen kann. "Zuerst bemühen wir uns immer um ein Gespräch", sagt Uni-Sprecher Axel Burchardt. Per E-Mail wurden die Störstudenten aufgefordert, Listenklauaushänge in Zukunft zu unterlassen. Sollte der Aufruf aber nochmals auftauchen, "müssten die Verfasser damit rechnen, dass wir rechtlich gegen sie vorgehen. Denn die Aktion ist als Straftat zu bewerten, als Anstiftung zum Urkundendiebstahl", so Burchardt.

Auch die FU Berlin antwortete auf Listenclowns vorerst mit Sanktionen: "Wir werden mit Sicherheit gegen die Eingriffe auf die Ausführung der Lehre vorgehen", sagt Hellmut-Johannes Lange, Leiter des Rechtsamts der FU. In einigen Veranstaltungen wurde von jedem Anwesenden der Studentenausweis kontrolliert, oder es wurden Listen am Anfang und am Ende ausgegeben - "Einschreibelisten sind jetzt fast eine eigene Wissenschaft", amüsiert sich eine Clown-Studentin.

Aber neben Dozenten ärgern sich auch andere Studenten über die Aktionen. "Ich war doch auch immer da, sollen die Krawallos doch auch immer kommen", ist keine seltene Reaktion in den Hörsälen. Oder: "Wie komme ich denn jetzt ohne den Nachweis, dass ich immer da war, an meine Punkte?" Sogar der Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät der TU Dresden distanzierte sich von den Aufrufen der "Selbstdenker": "Die 'Klaut die Listen'-Aktion fand bei Profs und bei uns keinen Anklang, da die Kritik nicht klar war. Es hat also nichts geändert. Diese Leute haben vielleicht 'selbst gedacht' - aber nicht gerade viel", sagt Carolin Schulz, Sprecherin des Fachschaftsrats.

Die Dozenten haben ihre ganz eigene Strategie, wie sie mit dem Problem umgehen. Soziologieprofessor Stephan Lessenich hat schon eine Idee: "Im nächsten Semester werde ich wohl auf die Anwesenheitspflicht verzichten und Prüfungen am Semesterende für alle Veranstaltungen einführen."



Forum - Listenklau - launige Aktionen oder nervige Störfälle?
insgesamt 131 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rainer Helmbrecht 27.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Streit um Anwesenheitslisten: Die Rebellion einiger Studentengruppen gegen diese Form der Überprüfung führte zu Aktionen, die unter Lehrenden und Kommilitonen ein geteiltes Echo fanden.... ---Zitatende--- Immer diese Listen. Die gibt es auch im Bundestag und werden immer wieder von der Presse benutzt, um Abzocker unter den Abgeordneten zu benennen. Wenn jemand etwas erhält, auf Grund seiner Anwesenheit, ist es doch klar, dass man das kontrolliert. Bekommt jemand etwas auf Grund einer Ausbildung, z.B. einen Führerschein, kann man den bei Zweifeln auch überprüfen;o). Wenn alle Menschen "gut" wären, bräuchte man überhaupt nichts überprüfen......, aber so?
teriyake, 27.06.2006
2.
Eindeutig nerviger Störfall. Ich studiere in der Schweiz (Master) und hier wird in Seminaren Anwesenheit erwartet. Da die Seminare maximal aus 20 Studenten bestehen, aktive Mitarbeit gefordert wird (Präsentationen und Diskussion), und nur so das Seminar auch interessant wird, bin ich völlig für Anwesenheitspflicht und auch die dazugehörigen Listen. Es gibt auch Dozenten, die kontrollieren nicht - dort sind dann ab der zweiten Vorlesung maximal die Hälfte der Studenten anwesend, in der Regel eher weniger. Auch wenn Studenten arbeiten müssen, haben die meisten Dozenten hier Verständnis, aber nur bedingt. Denn entweder man studiert oder man arbeitet. Wenn man studieren will, muss man halt seine Vorlesungen entsprechend aussuchen, oder die Arbeitszeiten entsprechend legen. Harte Realität. Aber wenn Studenten von 10 Vorlesungen bei 7 (unentschuldigt) nicht anwesend sind, dann wäre eine Credit-Vergabe denjenigen gegenüber unfair, die in 90 % oder mehr dabei waren und sich eingebracht haben. Und in den meisten Fällen wird es so sein, dass die Studenten, die seltenst da waren, auch ein ziemlich schlechtes Paper mit einer entsprechend mauen Präsentation abgeben. Deshalb finde ich den Listenklau eine ziemlich kindische Aktion. Wenn ein Dozent Anwesenheit verlangt, dann respektiere ich es, und bin entweder anwesend, oder ziehe die Konsequenz und gehe nicht in dieses Seminar. Und wenn ich mit dem System nicht einverstanden bin, gibt es andere Wege, mich verständlich zu machen als durch unsolidarischen Listenklau...
OlafKoeln, 27.06.2006
3. Unaktzeptabel
---Zitat von sysop--- Streit um Anwesenheitslisten: Die Rebellion einiger Studentengruppen gegen diese Form der Überprüfung führte zu Aktionen, die unter Lehrenden und Kommilitonen ein geteiltes Echo fanden. Sind solche Listen für ein erfolgreiches Studium notwendig? Oder nur ein überflüssiges Mittel zur Disziplinierung? ---Zitatende--- Eine Anwesenheitspflicht für die Hauptfächer, um das Studium zu straffen, halte ich für an sich richtig. Zu bedenken ist aber das Argument der Gegner, dass die Studenten immer mehr jobben müssen, um über die Runden zu kommen. Die Einführung der Studiengebühren hat die Situation nochmals drastisch verschärft. Unaktzeptabel ist das Stehlen der Listen, da dadurch andere Studenten möglicherweise Nachteile haben. Die Gegner der Anwesenheitspflicht sollten zu ihrer Meinung auch offen stehen und solche Aktionen unterlassen.
Martin Steffen 27.06.2006
4.
Zu den Aktionen und ihrem Sinn kann ich schwer was sagen. Ansonsten: ich (als Dozent) bin gegen einebuerokratieseitig kontrollierte Answesenheitspflicht. Dies uniform und formal als Kriterum fuer ``credits'' zu machenist ein quatsch. Es gibt allerdingsVeranstaltungsformenwo es u.a. die aktive Teilnahme ist die wichtig, notwendig, und gefordert ist. Grossvorlesungen bei denenman mit Stoff berieselt wird (wenn es schlecht gemacht ist) gehoren nicht dazu;wenn man als Student, aus welchen gruenden auch immer,den Stoff besser in den Kopf bekommt, wenn man ausBuechern bueffelt, was soll's. Wenn es gut l"auft, bekommtman in der Vorlesung natuerlich gut aufbereitete Info'sso da"s das selbst-nachlernen effizienter ist, aber die Entscheidung darf der Student sich selber f"allen. bei kleineren/anderen Veranstaltungsformen (Seminar, Praktika etc)geht das so jedoch nicht. Als Seminarteilnehmer eine Stundevorbeischauen, den Vortrag runterraspeln, und den Restdes Semester Zeit sparen durch abwesenheit, das kannman nicht akzeptieren. Insofern ist ``aktive Teilnahme,u.a. durch Vortrag'' Vorraussetztung, aber darauf achtetman als Dozent, ohne da"s man eine Strichliste f"uhrenmuss oder einen behoerdlich-kontrollierte Zeiterfassung oder"ahnliches. Martin
Anulu, 27.06.2006
5.
Anwesenheit in der Uni macht Sinn bei kleinen Seminaren aber nicht bei grossen Veranstaltungen. Was soll als nächstes kommen? Eine Entschuldigung der Eltern die beim Professor für jede nicht besuchte Vorlesung vorzuzeigen ist? Sind wir denn im Kindergarten?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.