Lug und Trug Die Kunst der Hochstapelei

Urkundenfälschung, Betrug, Titelmissbrauch, Datenmassage im Labor - in der Wissenschaft wird oft dreist geschummelt. Nur: Mit wahrer Hochstapelei hat das nicht viel zu tun. Welcher Reiz von echten Vertretern dieser Betrügerkaste ausgeht, zeigt ein Ausritt in die Vergangenheit.

Von Rainer Maria Kiesow


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Hochstapler: Alles Lüge
Einst, im 16. Jahrhundert, lebten in einem kleinen französischen Pyrenäendorf Martin Guerre und seine Frau Bertrande. Des Diebstahls angeklagt, verließ Martin Frau und Heim, um erst nach weit über einem Jahrzehnt unvermutet zurückzukehren. In der Zwischenzeit erschien Arnaud du Tilh im Dorf und gab sich für Martin Guerre aus. Als Martin wieder auftauchte, flog der Schwindel auf und der Lügner wurde aufgehängt - die gerechte Strafe für Hochstapler.

All dies wäre nicht besonders erwähnenswert, wenn nicht die Begleitumstände besondere gewesen wären, weshalb auch 1982 ein Film mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle über die Geschichte gedreht wurde und im selben Jahr das berühmte Buch der berühmten Historikerin Natalie Zemon Davis erschien.

Der falsche Martin Guerre taucht nämlich nicht wie der gewöhnliche Betrüger da auf, wo niemand den wahren Martin Guerre kennt, sondern gerade dort, wo alle ihn sehr gut kennen: in der Familie, vor der Ehefrau, im Dorf des Abwesenden. Und alle erkennen ihn, vor allem aber Bertrande, die verlassene Ehefrau. Berühmt wurde der Fall, weil er vor Gericht kam. Erst in Rieux und dann in der Berufung in Toulouse 1560. Dort saß der große Rechtsgelehrte Jean de Coras dem Gericht vor. Gerade als er sich zu der Überzeugung durchgerungen hatte, dass der falsche Martin Guerre der richtige war - die bedeutendsten Rechtsgelehrten des Landes hatten Gutachten erstattet -, erschien der richtige Martin Guerre, der inzwischen ein Holzbein hatte, vor den Schranken des Gerichts. Für Arnaud du Tilh nahm das Schicksal nun seinen Lauf.

Entdeckung tut weh

Das Schicksal der Hochstapler: Entdeckung tut weh. Damit könnte man den historischen Fall abschließen und mit Zemon Davis vielleicht noch danach fragen, warum denn wohl Bertrande den Betrüger nicht von der Bettkante gestoßen, nein, im Gegenteil, ihn ins Bett eingeladen hatte. Für die amerikanische Geschichtsschreiberin ist die Sache klar: Für eine Frau ist ein Mann besser als kein Mann. Zumindest damals, angesichts der soziokulturellen Situation. Deswegen habe Bertrande geschwiegen und mitgemacht.

Doch geht diese Empathie bekundende Interpretation vielleicht auch an der Sache vorbei. An der Sache der Hochstapelei. Für diese ist gerade kennzeichnend, dass Wahrheit und Lüge nicht so leicht auseinanderzuhalten sind, ja dass sich die Differenz selbst in Nichts auflöst, zumindest im Dunkeln bleibt.

Vor der plötzlichen Rückkehr des Martin Guerre hatten immerhin viele Zeugen, Betrande eingeschlossen, im falschen Martin Guerre den richtigen gesehen und behaupteten nun, der falsche sei der falsche. Wie konnten die Richter damals und wie können die Leser heute wissen, ob der "wahre" Martin Guerre dieses Mal erkannt wurde?

Wer ist der Hochstapler? Er ist zwei in einem

Nein, wir wissen es nicht. Und darin liegt die Kunst der Hochstapelei: in der Auflösung der Unterscheidung von wahr und falsch, in der perfekten Ausfüllung einer Rolle - selbst als Liebhaber -, eine Kunstfertigkeit, die es schwer macht, nachträglich zu beweisen, was wahr war und was nicht. Der objektive Blick des Gerichts - die gesammelte juristische Exzellenz war just dabei, freizusprechen, als Martin auftauchte - ist eine Schimäre. Das Faszinierende an der Hochstapelei ist die Auslöschung der Objektivität - und der Subjektivität.

Der Hochstapler ist zwei in einem. Er selbst und der andere. Das eine Individuum, das eine Bewusstsein, der eine Körper faltet sich auf. Und diese Auffaltung, diese Entblätterung, diese Entzweiung ist objektiv nicht erfahrbar. So ist es jedenfalls gewesen. Wenn die Historikerin heute sagt, Bertrande brauchte einen Mann, dann sagt sie damit, dass Bertrande Bescheid wusste, ja die Historikerin kann sich offenbar nicht vorstellen, dass Individualität damals, vor 450 Jahren, etwas anderes bedeuten mochte als heute.

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