Lyrik im E-Mail-Abo Und täglich grüßt das Gedicht

Lyrik ist unbezahlbar, daher umsonst, findet der Berliner Student Gregor Koall und verschickt poetische Post: Jeden Werktag erhalten Lyrikfans per E-Mail ein neues Gratis-Gedicht. Was zunächst nur Koalls Freunde erfreute, lässt mittlerweile täglich über 2.500 Surfer frohlocken.

Von Andrea Behnke


Und noch'n Gedicht: Gregor Koall
Matthias Hillig

Und noch'n Gedicht: Gregor Koall

"Wer Gedichte veröffentlicht, wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon und wartet auf das Echo", zitiert Gregor Koall auf seiner Homepage den US-Schriftsteller Donald Marquis. Das Echo auf Koalls Poesie-Service ist inzwischen erfreulich groß. Die Idee zum täglichen Gedicht per E-Mail kam dem Berliner Studenten der Politikwissenschaft bei seinem Nebenjob in einem Internetunternehmen. Dabei wunderte sich Koall, was so alles im E-Mail-Postfach landen kann - jede Menge Junk-Mails von Werbung bis Viren. "Dem wollte ich mal etwas wirklich Gehaltvolles entgegensetzen", so der 29-Jährige. Und das waren Gedichte.

"Die Abonnenten sind ganz unterschiedlich", sagt Koall, "Internetbegeisterte, die das einfach ‚strange' finden, und Schöngeister, die Spaß an Gedichten haben." Lyrikmail.de - aus einer fixen Idee in der U-Bahn ist inzwischen eine Homepage für Fans von Reimen geworden.

Nicht immer nur Liebeslyrik

Dass seine poetische Post so einschlägt, damit hatte der Berliner beim Start im Frühsommer nicht gerechnet. Jetzt sorgt er jeden Morgen über eine Stunde lang dafür, die Gedichte halbautomatisch per Mail zu versenden. Später stellt er sie dann, HTML-formatiert, ins Archiv auf der selbst gebastelten Homepage. Eigentlich bräuchte Koall jetzt einen eigenen Server. Doch trotz der Partner, die er mittlerweile gewinnen konnte, ist das Ganze ein Non-Profit-Projekt.

"Die Zeit, die dabei drauf geht, darf man nicht rechnen. Aber es macht Spaß", sagt er. Zwei bis drei Wochen im voraus plant der FU-Student, welche Zeilen demnächst rausgehen sollen. "Alles Klassiker, wegen der Urheberrechte", erklärt er. Eigentlich steht er weniger auf die großen deutschen Dichter und liest lieber moderne Poesie, zum Beispiel von Johannes Bobrowski oder Reiner Kunze. "Aber es gibt auch großartige Expressionisten", findet er.

Um echte Schätze jenseits von Goethe, Schiller & Co. auszugraben, wälzt Koall alte Gedichtbände und stöbert in Online-Datenbanken. Sein Anspruch: Die Dichter dürfen sich in einem Monat nicht doppeln; außerdem versucht er, für jeden Tag ein anderes Genre auszusuchen. Denn fünf mal Liebeslyrik hintereinander - das halten selbst Frischverliebte nicht aus...

Möchtegern-Poeten von echten Talenten trennen

Damit auch seine Abonnenten ein wenig Abwechslung zur Klassik bekommen, widmet er den Mittwoch neuerdings Nachwuchsautoren, die ihre Texte zur Veröffentlichung frei geben. Viele mailen ihm auch ihre Werke. Wieder ein Berg Arbeit. "Manche denken, sie können dichten, und können's nicht", meint Gregor Koall, der selbst auch schreibt. So muss er die Möchtegern-Lyriker von echten Talenten trennen. Und das dauert.

Wer es jedoch schafft, sein Gedicht in den großen Verteiler einzuspeisen, der hat mehr Leser als mit manchem gedruckten Lyrikband. Positiver Nebeneffekt: Viele User greifen durch die tägliche Lyrikmail wieder zum (Gedicht-) Buch. "Ich denke schon, dass ich dadurch, dass ich Lyrik mundgerecht aufbereite, Horizonte erweitere", sagt Gregor Koall. Seinen eigenen übrigens auch, denn "die meisten Politikwissenschaftler landen nach dem Examen in ganz anderen Bereichen". Einen Job in der Internet-Welt könnte er sich gut vorstellen.

Doch jetzt geht es erst einmal mit lyrikmail.de weiter: Im Frühjahr ist Koall mit befreundeten Internet-Lyrik-Machern aus Düsseldorf auf der Leipziger Buchmesse. Und dann ist da noch das ehrgeizige Projekt "365 Gedichte", das irgendwann als Anthologie erscheinen soll.



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