Makaberes Machwerk Student wegen Auschwitz-Video verurteilt

Eine Schubkarre mit Leichen von KZ-Häftlingen, versehen mit dem Kommentar "Kostenlose Taxi-Fahrt". Eine Szene aus einem Kurzfilm, mit dem ein holländischer Student für eine fiktive Techno-Party warb. Nun wurde er verurteilt - und bekam in einer KZ-Gedenkstätte eine Idee vom Grauen des Nazi-Terrors.

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Der Flash-Film des niederländischen Wirtschaftsstudenten Dicky Thijssen, 23, ist nur anderthalb Minuten lang, aber die haben es mehr als in sich: Unter dem Slogan "Housewitz - Tanzen macht frei" wirbt der Streifen für eine fiktive Techno-Party - auf dem Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz, am Holocaust-Gedenktag.

Vernichtungslager Auschwitz: Makaberes Machwerk wirbt für fiktive Technoparty
REUTERS

Vernichtungslager Auschwitz: Makaberes Machwerk wirbt für fiktive Technoparty

Unter "Sieg Heil"-Rufen ist in dem makaberen Machwerk von "sieben Millionen Party-People" die Rede, die "ihre Körper in Brand setzen - im wahrsten Sinne des Wortes". Außerdem sind Bilder aus Auschwitz und Buchenwald zu sehen, etwa eine Schubkarre mit Leichen - versehen mit dem Kommentar "Kostenlose Taxi-Fahrt nach Hause". Angepriesen werden außerdem auch die "kostenlosen heißen Duschen" und die Zugangbindung bis "direkt ans Partygelände (Endstation)".

Sogar der Botschafter intervenierte

Der Film hatte bereits im vergangenen Sommer für Empörung gesorgt. Sogar die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatte sich mit dem Fall befasst. Die niederländischen Behörden blieben allerdings auffallend lange ruhig. Die Ermittlungen gegen Thijsen waren zunächst eingestellt worden. Erst nach erheblichem politischem Druck aus Polen hatte sich der Staatsanwalt in Rotterdam wieder mit dem Fall befasst: Unter anderem hatten sich Vertreter der Gedenkstätte in Auschwitz bei der niederländischen Botschaft in Warschau beschwert. Außerdem bekam der niederländische Justizminister Piet Hein Donner Besuch vom israelischen Botschafter Eytan Margalit.

Der Druck zeigte Wirkung, die Justiz rollte den Fall erneut auf. Nach rund einem Jahr ist nun das Urteil gefallen: 40 Stunden gemeinnützige Arbeit muss Thijsen leisten, berichtet sein Anwalt Rob Baumgardt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Damit liegt die Strafe etwas unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die 60 Arbeitsstunden durchsetzen wollte. Mit dem Film habe Thijsen die Grenzen der künstlerischen Freiheit überschritten, heißt es in der Urteilsbegründung, gleichzeitig habe er aber Reue gezeigt.

Wer heute im Internet die Adresse aufruft, über die der Film ursprünglich zu erreichen war, landet auf einer niederländischen Seite der Online-Enzyklopädie "Wikipedia". Sie beschreibt den Verlauf des Falles. Doch der menschenverachtende Kurzfilm hat sich im Netz längst selbstständig gemacht. Auf inzwischen gesperrten Webseiten in Belgien, den Niederlanden und Polen war er zu finden - und irrlichtert auch heute noch durchs Netz.

"Dann hätte der Mann etwas gelernt"

Thijsen hat sich inzwischen entschuldigt und seinen Film als "sehr, sehr schwarzen Humor" bezeichnet. Geht es jedoch nach Shimon Samuels, dem Direktor für Internationale Beziehungen des Simon Wiesenthal Zentrums in Paris, sollte es bei dieser lapidaren Entschuldigung allein nicht bleiben. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schlägt Samuels vor, dass sich der jugendliche Flash-Filmer in Zukunft für die Interessen der Opfer einsetzt, und nicht für die der Täter: "Er sollte seine technologischen Talente nutzen und eine Webseite programmieren, die gegen das vorgeht, wofür 'Housewitz' stand."

Samuels sagt, er hoffe auf eine Webseite für junge Menschen, die "das Böse des Nazi-Systems zeigt, aber gleichzeitig auch all die jungen Leute, die heute mit Kerzen nach Auschwitz kommen, um daran zu erinnern, was dort passiert ist." Dann, so sagt Samuel, "hätte der Mann etwas gelernt".

Nach Auskunft seines Anwalt Baumgardt hat Thijsen inzwischen auf dringendes Anraten seiner Familie die niederländische Gedenkstätte des Konzentrationslagers Vught besucht.



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