Urteil Richter kippen Anwesenheitspflicht an Uni Mannheim

100 Prozent Anwesenheitspflicht? Das war einem Studenten der Uni Mannheim zu viel. Er klagte gegen die Regelung - mit Erfolg. Das Urteil kann auch Folgen für andere Bundesländer haben.

Uni Mannheim
Norbert Bach/Uni Mannheim

Uni Mannheim


Im Hörsaal sitzen oder zu Hause lernen? Seit Jahren gibt es Streit an deutschen Unis über die Anwesenheitspflicht. In Baden-Württemberg hat ein Student der Universität Mannheim gegen die lästige Präsenzpflicht geklagt - und der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim gab ihm nun recht. Das bedeutet aber nicht, dass eine Anwesenheitspflicht generell unzulässig ist, sie muss nur eindeutig formuliert werden.

Die Präsenzpflicht ist an deutschen Hochschulen unterschiedlich geregelt. Einige Bundesländer, wie etwa Schleswig-Holstein, haben sie größtenteils abgeschafft. Andere, wie Baden-Württemberg und Berlin, überlassen den Hochschulen, ob sie die Anwesenheit kontrollieren wollen. Nordrhein-Westfalen hat erst vor wenigen Wochen entschieden, die Anwesenheitspflicht wieder zuzulassen.

Das Urteil könne bundesweit Auswirkungen auf Studienordnungen haben, wenn diese genauso unbestimmt geregelt seien wie in Mannheim, sagte Matthias Hettich, Richter und Pressesprecher vom Verwaltungsgerichtshof, dem SPIEGEL.

In der Prüfungsordnung für Politikwissenschaften in Mannheim steht: "Als Studienleistungen können auch die Präsenzpflicht sowie die hinreichende Teilnahme an Lehrveranstaltungen und Studien festgesetzt werden." Demnach kann der jeweilige Dozent entscheiden, ob die Studenten in allen Vorlesungen und Seminaren anwesend sein müssen.

Laut dem Studierendenausschuss (Asta) der Uni Mannheim wurden Studierende bereits von Prüfungen ausgeschlossen, wenn sie nur ein einziges Mal gefehlt hatten. Aus Sicht des klagenden Studenten verstößt das gegen das Grundrecht der Berufs- und Wissenschaftsfreiheit. Auch der Asta hatte die Klage unterstützt.

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Die Regelung der Anwesenheitspflicht sei nicht präzise genug, heißt es nun in der Urteilsbegründung. So sei beispielsweise nicht festgelegt, was passiert, wenn ein Student krank wird. Außerdem sei unklar, für welche Veranstaltung die Präsenzpflicht gilt und mit welchen Folgen ein Student rechnen muss, wenn er unentschuldigt fehlt. Die pauschale Festsetzung der Präsenzpflicht werfe zudem "die Frage der Verhältnismäßigkeit des hiermit verbundenen Eingriffs in die Berufsfreiheit der Studierenden auf".

Asta-Vertreterin Elena Klafsky wertet das Urteil als Erfolg: "Das Gericht deutet damit an, dass die Regelung in Zukunft präziser formuliert werden muss. Solch eine neue Regelung wird ab dem neuen Semester gelten." Der Vertreter der Uni, Thomas Puhl , sagte, es sei zwar generell kein Problem, die Regelung zur Anwesenheitspflicht zu präzisieren, das bedeute jedoch mehr Bürokratie.

Die Uni Mannheim kann gegen die Entscheidung der Richter noch Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einlegen.

koe



insgesamt 113 Beiträge
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micromiller 29.11.2017
1. Vollkommen richtig!
Nur sollte man das steuerfinanzierte Dauerstudium von der Kostenfreiheit befreien oder teilweise befreien, wer einen Studienplatz besetzt und nicht nutzt sollte zur Kasse gebeten werden...
lachina 29.11.2017
2. Präsenzpflicht zu hart....
an der Uni einer meiner Töchter darf man nur zweimal in einem Seminar fehlen - und zwar völlig egal, weshalb. Nicht einmal ein ärztliches Attest, ein Trauerfall in der Familie etc. erlaubt eine Ausnahme. ich finde, die Präsenzpflicht sollte auf die normale Präsenzpflicht eines Arbeitnehmers heruntergeschraubt werden, der darf durchaus mal drei Wochen krankgeschrieben sein!
MartinB. 29.11.2017
3. Erinnerungen an die Uni Bielefeld...
Da kommen Erinnerungen an die Uni Bielefeld damals auf... eine Biologie-Vorlesung am Montagmorgen mit Präsenzpflicht. Einmal fehlen wurde aus "Kulanz" akzeptiert. Blöd nur dass man als Lehramtsstudent mit Zweitfach Sportwissenschaften am ersten Montag des Semesters zur selben Uhrzeit bei der Vergabe der Praxiskurse *ebenfalls* anwesend sein musste... und somit den einen "Kulanztag" schon am ersten Tag "verlor". Das galt dem Herrn Biologie-Professor natürlich nicht als Grund für eine lockerere Regelung. Diese Art von "die eine Hand ignoriert die andere" macht noch heute Studenten das Leben unnötig schwer. Es geht hier nicht um "auf der faulen Haut liegen", sondern darum, dass einzelne Professoren / Dozenten glauben, ausgerechnet *ihre* Veranstaltung habe gefälligst der Nabel der Welt zu sein...
felisconcolor 29.11.2017
4. Ich lach
mich tot. An der Technikerschule hat da niemand nach gefragt ob es uns denn Recht ist zum Unterricht zu erscheinen. Es hätte dann eben keinen Abschluss gegeben. Nun ja was heute von den Unis kommt sieht man ja. Die Abschlüsse sind doch kaum noch das Papier wert auf denen das Zertifikat gedruckt ist. Aber im Job den dicken Max machen. Ja es mag Ausnahmen geben, aber der Rest ist einfach nur noch traurig. Zitat "die Frage der Verhältnismäßigkeit des hiermit verbundenen Eingriffs in die Berufsfreiheit der Studierenden auf". Klar darf sich der Studierende auch dafür entscheiden keinen Beruf zu haben. Keine Präsenz keinen Abschluss. Wie war das gelernt ist gelernt, studiert is nix genaues. Es bewahrheitet sich doch immer wieder.
newline 29.11.2017
5. Gerüchten nach
sind Vorlesungen seit der Erfindung des Buchdrucks überholt. Spaß beiseite, wenn Vorlesungen wertvoll und für das Bestehen der Klausuren wichtig sind, werden sie auch besucht. Praktika und Seminare haben sowieso Anwesenheitspflicht.
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