Marode Unis Studentenberg kostet jährlich zwei Milliarden Euro mehr

Auf die Hochschulen rollt ein großer Abiturienten-Ansturm zu. Das wird nicht billig: Steigt die Studentenzahl auf 2,7 Millionen, müssen die chronisch klammen Länder mit Milliardenausgaben rechnen, so Experten des Wissenschaftsrats. Ein Desaster bahnt sich an.

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Studentenberg? Das gab es schon einmal, als in Deutschland die Bildungs-Reformeuphorie grassierte und die Hochschulen ihre Lehrkapazitäten in den siebziger Jahren stark ausbauten. Die Regierungschefs von Bund und Ländern entschieden, die Hochschulen offenzuhalten und den "Studentenberg zu untertunneln". Das bedeutete: Studenten und Professoren sollten für einige Jahre etwas zusammenrücken, bis der Ansturm nachlässt und die Lage sich wieder von selbst entspannt.

Enge im Hörsaal (in Halle): Irgendwo noch ein Studienplätzchen frei?
DPA

Enge im Hörsaal (in Halle): Irgendwo noch ein Studienplätzchen frei?

An den Folgen der "Untertunnelung" haben die Universitäten und Fachhochschulen noch heute zu beißen. In Wahrheit sind sie aus dem Tunnel nie wieder aufgetaucht. Inzwischen studieren zwei statt eine Million Studenten in Deutschland, die Abbrecherquoten und Studienzeiten sind atemberaubend hoch, in den Hörsälen, Seminarrräumen und Labors ist es noch immer eng. Und die Länder haben an ihren Hochschulen immer neue Sparexperimente exekutiert.

Nun droht ein neuer Studentenberg - sofern man das große Studieninteresse und die steigende Abiturientenzahl als Bedrohung wertet. Nach den Prognosen der Kultusministerkonferenz wird die Studentenzahl in den nächsten Jahren deutlich steigen und 2014 mit dann 2,7 Millionen ihren Höhepunkt erreichen. Hinzu kommt die Verkürzung von 13 auf 12 Jahre bis zum Abitur. Offiziell sind die kommenden Studentengenerationen höchst willkommen, liegt der Studentenanteil in Deutschland doch deutlich unter dem internationalen Schnitt - und die Wirtschaftsverbände barmen stets, dass es ihnen in akademisch geprägten Branchen an qualifiziertem Nachwuchs fehle.

Nur: Was kostet das alles? Und wer bezahlt es? Nach internen Berechnungen des Wissenschaftsrates liegen die jährlichen Mehrkosten in den studentenstärksten Jahren, die ab 2010 vorausgesagt werden, im Milliardenbereich. Wie der Berliner "Tagesspiegel" in seiner Montagsaufgabe berichtet, setzen die Experten voraus, dass 80 Prozent der jungen Leute mit Hochschulreife auch ein Studium aufnehmen und die Personalkosten durch den erhöhten Betreuungsaufwand nach der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse um 15 Prozent steigen.

Die Länder sind ratlos

Die Zahlen sehen laut "Tagesspiegel" so aus: Bereits 2007 steigen die jährlichen Kosten um 400 Millionen Euro, zwischen 2012 und 2014 wird es dann mit Mehrkosten von 2,2 Milliarden Euro richtig teuer. Und je mehr Bachelor-Absolventen an der Hochschule bleiben und sich für den Master entscheiden (sofern man sie lässt), desto höher die Mehrkosten - pro Jahr bis zu 2,4 Milliarden Euro. Die Investitionskosten für Bauten und Geräte sind dabei noch nicht eingerechnet.

Die Kultusminister halten sich mit eigenen Kostenschätzungen zurück und machen sie zumindest nicht öffentlich, schließlich ist die Politik vollauf mit den Querelen um die Föderalismusreform beschäftigt. Und das bereitet den Hochschulen besonderes Kopfzerbrechen: Wird die Föderalismusreform tatsächlich wie geplant umgesetzt, sind die Universitäten und Fachhochschulen die großen Verlierer.

Studienanfänger: Ansturm bis 2014, dann wieder leichter Rückgang bis 2020
Institut der deutschen Wirtschft Köln

Studienanfänger: Ansturm bis 2014, dann wieder leichter Rückgang bis 2020

Bisher konnte der Bund den Ländern direkte Finanzhilfen geben und hat diese Möglichkeit auch genutzt, etwa mit einem Hochschulsonderprogramm in den späten achtziger Jahren. Aber für die Zukunft sieht das umstrittene Föderalismuspaket eine strikte Trennung der Aufgaben von Bund und Ländern vor, im Bildungsbereich sogar ein Kooperationsverbot: Der Bund darf kein Geld mehr zuschießen. Wie aber die chronisch klammen Ländern den nahenden Studentenberg aus eigener Kraft bewältigen sollen, bleibt ein Rätsel.

Dass Bundesforschungsministerin Annette Schavan gerade mit den Ländern über Finanzspritzen für die Forschung verhandelt, hilft der Lehre kaum. Bleibt es bei den kruden Föderalismusreform-Plänen, darf der Bund in der Lehre nicht eingreifen, und die Einnahmen aus Studiengebühren können den Geldbedarf der Länder nicht decken. Wie sie auf den prognostizierten Abiturienten-Ansturm reagieren wollen, lassen die Bundesländer fast durchweg schlicht offen.

Den Ausbau der Studienplätze aber können die Hochschulen nicht selbst leisten. Wenn sie den Ruin vermeiden wollen, bleibt ihnen eine einzige Möglichkeit - die Rektoren müssten den offenen Konflikt mit der Politik riskieren: Notwehr durch massive Zulassungsbeschränkungen in nahezu allen Studiengängen. Dann müssten sie aber auch Studienbewerber zu Zehntausenden vor den Kopf stoßen.

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