Marschmarsch, Legionäre Die spinnen, die Freizeit-Römer

Passanten halten sie für übergeschnappt: Zehn Regensburger Studenten stapfen 500 Kilometer die Donau entlang, in voller Römermontur. 35 Kilogramm wiegen Tunika, Kettenhemd, Schwert, Helm. Die leidensfähigen Legionäre riechen streng und starren vor Schmutz - alles für die Wissenschaft.

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Auch wenn er der Centurio ist, müffelt Dozent Josef Löffl, 28, genauso wie seine Studenten. Denn anders als sein historisches Vorbild in der hohen Kaiserzeit des römischen Reichs reitet Centurio Löffel nicht standesgemäß neben seinen Legionären her. Der Freizeit-Römer ist zu Fuß unterwegs, vulgo: per pedes. Und das schon geschlagene drei Wochen lang.

"Man schwitzt schon enorm", sagt der Historiker Löffl. Immerhin tragen er und seine neun Mitläufer im möglichst originalen Römer-Outfit 35 Kilogramm mit sich herum. Von innen nach außen: wollene Untertunika, wattierte lange Weste alias subarmalis, Kettenhemd oder Spangenrüstung. Dazu soll ein Wollschal vor "ungünstigen Entzündungen" schützen, wenn das Metall am Hals scheuert.

Die Füße stecken in Ramshaw-Stiefeln, flachen Lederschuhen mit Nägeln unter der Sohle, benannt nach deren archäologischem Fundort Ramshaw, an dem die gut 2000 Jahre alten Römerschlappen ausgegraben wurden. Außen am Römer hängen Taschen, Beutel, Wasserschläuche, Kurzschwert und der Helm. Auf dem Rücken lastet ein sechs bis acht Kilogramm schwerer Schild - all dies übrigens selbst und so originalgetreu wie möglich gefertigt. Dass man bei so dicker, schwerer Verkleidung bald streng rieche, sei ganz normal. "So ist sie eben, die experimentelle Archäologie", sagt Löffl.

Blankes Theoriewissen im Alltagstest

Im richtigen Leben daheim in Regensburg ist er kein Centurio, sondern "der Magister Löffl", wie ihn Studenten und Kollegen ehrerbietig nennen. Er marschiert mit seinen Legionären derzeit 500 Kilometer weit den Donau-Limes entlang, den einstigen römischen Grenzwall im heutigen Österreich.

Bereits vor vier Jahren machte sich Löffl, damals noch Student, mit seinen Kommilitonen auf eine Römertour über die Alpen. Ziel war damals wie heute, die Alltagstauglichkeit der Römerausrüstung zu testen und zu erfahren, ob mit den überlieferten Marschtechniken die geschätzten Entfernungen möglich waren. 2004 gab es von Wissenschaftskollegen ein wenig Kritik an Löffls Marsch: Die Regensburger Studenten verschwendeten Zeit und Steuergelder - und originalgetreu sei ihr Aufzug ohnehin nicht.

Vor solcher Kritik nimmt Susanne Wilbers-Rost, promovierte Archäologin vom Museumspark Varusschlacht in Kalkriese, die jungen Marschierer von der Donau in Schutz: "Die experimentelle Archäologie ist sehr wertvoll für die Wissenschaft", sagt sie. Es sei sinnvoll, "die blanke Theorie aus den Büchern auszuprobieren, um herauszufinden, ob sie vielleicht Blödsinn ist". Natürlich gebe es Gruppen, die nicht ernsthaft an Wissenschaft interessiert seien, sagt Wilbers-Rost. "Das kann Klamauk sein - aber genauso gut wissenschaftliche Arbeit."

Wer einen geschichtlich korrekten Marsch plant, kommt am Militärhistoriker Marcus Junkelmann nicht vorbei. Der Kriegsforscher mit Faible für das alte Rom wurde zum deutschen Pionier des wissenschaftlichen Reenactments, also des Nachspielens historischer Gegebenheiten, als er 1985 mit einer kleinen Gruppe von Legionären von Verona nach Augsburg über die Alpen marschierte. Dazu veröffentlichte er das Buch "Die Legionen des Augustus".

Fladenbrot und Eintopf für die Fitness der Legion

Seine Experimentierfreude machte Junkelmann zum Vorbild auch für Josef Löffl. Anders als die meisten Gladiatorenspieler und unernsten Freizeit-Römer will er nah an der Realität sein. "Die meisten Reenactment-Gruppen können nur dekorativ auf der Wiese herumstehen", sagt Löffl etwa über Darsteller bei Touristenspektakel. "Wir sind kein Wanderzirkus und auch kein Streichelzoo", betont Löffl. Soll heißen: Wir sind echter als die anderen.

So versuchen die Regensburger Jungforscher auch, sich zu ernähren wie ihre kriegerischen Vorgänger anno 250 nach Christus. Und so kauen sie das römische Militärbrot, panis militaris, dem Vordenker Junkelmann ein ganzes Buch gewidmet hat. Außer diesem grobschrotigen, hartgebackenen Fladenbrot gebe es Eintopf aus Hülsenfrüchten, erklärt Löffl. Ein Unterschied zur Antike: Die Lebensmittel werden nicht mehr "furagiert". So hieß das früher, wenn sich die Soldateska aus den Getreidespeichern und Ställen der Orte bediente, in denen sie lagerte.

Anstelle des legalisierten Raubs der Antike verschenken die Gemeinden heute freiwillig Gemüse, Wasser und Feuerholz. Meist kommt dafür der Dorfbürgermeister mit dem Fotografen von der Lokalpresse vorbei und überreicht feierlich die Gaben. Linsen, Erbsen und Bohnen gäben ungeheure Kraft, versichert Centurio Löffl: "Da reicht eine gefüllte Schale Feldgeschirr pro Mann und Tag. Der Fitnessgrad steigt enorm."

Hunnen, Raubritter - oder einfach nur Verrückte?

Muss auch: Der Marschtag des römischen Legionärs ist hart. Geschlafen wird in der pikant verschwitzten Tunika, außen herum wickeln die Regensburger Studenten und Magister Löffl den Militärmantel - den Mantel der Geschichte, sozusagen. Die Kombination halte warm wie ein Schlafsack. Wecken ist um 3.45 Uhr, dann wird das Lager abgebaut und die Rüstung wieder angelegt.

"Die Metallteile sind vom Schweiß schwarz oxidiert", erklärt Löffl. Bienenwachs und Fett halten zwar die Ledergurte und Waffen geschmeidig - sie verdrecken Haut und Kleidung aber zusätzlich. Pro Tag marschieren Löffls Mannen 15 bis 25 Kilometer. Am liebsten auf Feldwegen oder querfeldein, denn der Asphalt ist mit den genagelten Stiefeln sehr rutschig - bei einem Übungsmarsch hat sich Löffl schon mal bös das Knie verdreht.

Und weil die Asphaltwege mit ihren metallenen Gullideckeln die Nägel unter der Schuhsohle ganz schön abnutzen, ist Schusterwerkzeug mit Nägeln, Schusterbank und Hammer stets dabei.

Trifft der Tross auf ganz normale Mitteleuropäer, gibt es ein großes Hallo. Manche würden gleich erkennen, dass es sich bei ihnen um römische Legionäre handelt, sagt Löffl. Andere aber schließen wegen Dreck und Mief der lumpigen Gestalten auf Hunnen oder Raubritter. "Und wieder andere", sagt Löffl und lacht, "halten uns einfach für verrückt."



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