Massenrauswurf an der Uni Köln Plötzlich war's vorbei

Die Universität Köln hat auf einen Schlag 32 Studenten zwangsexmatrikuliert. Sie waren noch in alten Diplom- und Magisterstudiengängen eingeschrieben - die aber bietet die Uni ab sofort nicht mehr an. Die Betroffenen wollen vor Gericht ziehen.

Uni Köln: Rausschmiss für 32 Diplom- und Magister-Studenten
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Uni Köln: Rausschmiss für 32 Diplom- und Magister-Studenten

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Eine Seite und sechs Paragrafen lang ist die "Auslaufordnung für den Diplomstudiengang Physik der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln" vom 10. Oktober 2007. Vier Jahre lang wurde sie nicht beachtet, Paragraf 5 des Werks dürfte kaum jemand gelesen haben. Darin heißt es: "Mit Ablauf des Wintersemesters 2010/11 werden die Studierenden, die die Diplomvorprüfung noch nicht erfolgreich abgeschlossen haben, exmatrikuliert."

Auch Jan Weber, 28, kannte diesen Satz nicht - bis er vor einigen Wochen den letzten noch ausstehenden Schein für sein Vordiplom machen wollte. "Nach § 3 der Auslaufordnung konnten Prüfungen des Grundstudiums letztmalig im Wintersemester 2010/11 abgelegt werden", teilte ihm der Vorsitzende des Prüfungsausschusses mit, alle anderen "haben ihren Prüfungsanspruch verloren" - keine Chance mehr, die Frist ist abgelaufen. Obwohl Jan Weber jahrelang als Studentenvertreter im Asta mitgearbeitet hat, wollte ihm die Uni keine Verlängerung genehmigen: "Ihr Antrag auf Fristverlängerung wird abgelehnt." Physik-Student Weber ist nicht der Einzige, der wegen der Umstellung auf Bachelor und Master nun plötzlich ohne Studiengang dasteht. 16 Semester ohne Vordiplom - solche Typen werden an den Hochschulen zum Auslaufmodell.

Mehr als 1600 Studierende mit dem Ziel Diplom oder Magister waren noch im Frühjahr alleine an der Kölner Universität eingeschrieben. Auch andere Unis würden ihre Langzeitstudenten gerne möglichst bald loswerden und setzen wahlweise wie in Berlin auf Beratungsgespräche oder wie in den Niederlanden auf finanziellen Druck. In Köln studierten die meisten Alt-Studenten in geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern der philosophischen Fakultät, sagt Uni-Sprecherin Merle Hettesheimer: "Allen Betroffenen haben wir eine persönliche Beratung angeboten, wie es für sie angesichts der auslaufenden Studiengänge weitergehen kann." Allerdings seien etliche Karteileichen und Scheinstudenten dabei gewesen, so dass letztlich nur 32 übriggeblieben seien, die jetzt zwangsweise von der Hochschule aussortiert wurden.

Härtefallregelungen auf Antrag

Die anderen, sagt Hettesheimer, hätten sich freiwillig zurückgezogen oder seien in entsprechende Bachelor-Studiengänge gewechselt. Außerdem habe es in vielen Fällen auch Ausnahmegenehmigungen gegeben, sagt die Uni-Sprecherin. Vor allem handele es sich um Studenten, die ihre Angehörigen gepflegt haben. Hier gebe es, jeweils auf Antrag, jeweils ein paar Semester Aufschub.

Doch bei den betroffenen Studenten ist der Ärger groß. "Bachelor und Master sind erkennbar gescheitert", sagt Felix von Massenbach, Kölner Magisterstudent mit dem Hauptfach Geschichte. Zwar darf er nach einem Härtefallantrag noch zwei Semester dranhängen, doch die Zwangsabschaffung der alten Studiengänge erzürnt ihn: "Ein vernünftiges Studium kann nicht darin bestehen, mit einer Frist im Nacken vorgefertigte Wissenschaftsinhalte entfremdet abzuarbeiten." Um zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu kommen und zu gesellschaftlich-kritischem Handeln befähigt zu werden, brauche es "Zeit und Muße" - und die gestehe die Uni den Studenten nicht zu.

Die Kölner Studentenvertretung hat sich mittlerweile mit den 32 Betroffenen solidarisiert. Asta-Vorsitzender Jonas Thiele: "Wir sind sehr enttäuscht darüber, dass die Zwangsexmatrikulation offenbar auch politisch als akzeptables Mittel gilt, die Umstellung auf Bachelor und Master abzuschließen." Die Bildungspolitiker im Land hielten sich jedenfalls auffällig aus den Ereignissen heraus.

Nur Köln setzt die Alt-Studenten zwangsweise vor die Tür

Ein Sprecher des NRW-Wissenschaftsministeriums sagt: "Wir haben den Vorgang rechtlich geprüft. Danach gibt es keine rechtlichen Einwände an dem Vorgehen der Hochschule." Ohnehin sei Köln die einzige NRW-Hochschule, an der derzeit zwangsweise exmatrikuliert werde. Nach dem aktuellen Hochschulgesetz habe das Ministerium jedoch "keine weiteren Handlungsmöglichkeiten".

Das bewertet der Anwalt von Physik-Student Jan Weber allerdings anders. "Hochschulmitglieder dürfen nicht wegen ihrer Tätigkeit in der Selbstverwaltung benachteiligt werden", sagt Christian Birnbaum. So stehe es im NRW-Hochschulgesetz, und deshalb habe er beim Verwaltungsgericht einen Eilantrag für seinen Mandanten gestellt.

Tatsächlich hatte Jan Weber für seine Arbeit als bildungspolitischer Referent viel Zeit beim Studium abgezwackt - die ihm jetzt fehlt. "Ich brauche nur noch zwei Scheine, einen für das Vordiplom, einen für das Hauptstudium", sagt er: "In der Physik ist es immer üblich gewesen, die Scheine zum Vor- und Hauptstudium nahezu zeitgleich abzugeben." So wollte er es auch handhaben - und bekam daraufhin die negative Antwort des Prüfungsamts. Mit der Klage will er jetzt erreichen, dass er auch zum Wintersemester - seinem dann 17. Fachsemester - wieder eingeschrieben wird und seine ausstehenden Prüfungen machen kann.

Es wird nicht der einzige Fall sein, mit dem sich die Kölner Verwaltungsrichter in der nächsten Zeit beschäftigen müssen. "Auch andere Kommilitonen bereiten Klagen vor", sagt Magister-Student Felix von Massenbach. Doch unabhängig von den aktuellen Streitfällen droht in vier Jahren eine neue juristische Runde. Denn in Paragraf 5 der Kölner Physik-Auslaufordnung heißt es auch: "Mit Ablauf des Sommersemesters 2015 werden die Studierenden, die die Diplomprüfung noch nicht erfolgreich abgeschlossen haben, exmatrikuliert." Weiterer Ärger scheint programmiert.



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