Zu wenige Studienplätze Das Master-Desaster

Zum Auftakt des Wintersemesters wird klar: Viele gute Bachelor-Absolventen haben sich vergebens auf einen Master-Studienplatz beworben. Die Unis sind den 2,5 Millionen Studenten nicht mehr gewachsen, viele Talente verlassen Deutschland.

Von Feliks Todtmann

Jan Keitel

Die meisten Lehramtsstudenten wollen später mal Beamte werden, auch die in Hamburg. Sie wollen Schülern etwas beibringen, klar. Und sie wollen dem Staat dienen und ihm bei seinem Bildungsauftrag helfen. Notorische Rebellen werden eher selten Lehrer.

An einem Freitagnachmittag Ende September aber wusste sich eine Gruppe Lehramtsstudenten der Universität Hamburg nicht mehr anders zu helfen, als ein bisschen zu protestieren. Enja Weyhe, 23, Studentin für Sonderpädagogik Deutsch, und ihre Mitstudenten entfalteten in einer Sitzung des Wissenschaftsausschusses ein Transparent: "Master Desaster überwinden" und "Schluss mit dem erzwungenen Studienabbruch", forderten sie.

Weyhe und etliche Kommilitonen haben im Sommer ein Lehramts-Bachelorstudium an der Uni Hamburg abgeschlossen, doch Master-Studienplätze hatte ihre Hochschule für sie nicht. Ihre Bewerbungen wurden abgelehnt, sie steckten fest. Ihr Problem: Für Lehrer ist der Master der Regelabschluss, ohne ihn gibt es kein Referendariat. Damit ist ein Bachelor-Abschluss gerade ein besseres Zwischenzeugnis und kaum das Papier wert, auf dem es ausgedruckt wurde.

Ohne Studienplatz sind plötzlich Job und Bafög weg

"Ich finde es eine bodenlose Frechheit. Überall heißt es, Lehrer werden dringend benötigt, aber wir werden ausgebremst", sagt Weyhe. Trotz einer Bachelor-Note von 1,5 kam sie in Hamburg nicht weiter. Wechselte sie die Stadt, müsste sie etliche Module nachholen.

Mit Beginn des Wintersemesters 2013/2014 zeichnet sich ab, was Bildungsexperten und Kritiker der Bologna-Reform schon früh prophezeiten: Bei weitem nicht jeder Bachelor-Absolvent bekommt einen Master-Platz, viele stehen nach dem ersten Abschluss vor einer akademischen Zwangspause. Und die kann neben akademischem Frust auch schnell zu existentiellen Problemen führen: Ohne Studienplatz verlieren die Ex-Studenten ihren Bafög-Anspruch. Der Hiwi-Job fällt weg, ein deutlich höherer Beitrag für die Krankenversicherung muss selbst geschultert werden.

Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) sah im Juni noch keinen Mangel bei den Master-Plätzen. In ihrem Bericht zur Situation im Master-Bereich im Wintersemester 2012/2013 stellte sie für den vergangenen Winter fest, "dass erneut kein Mangel an Master-Studienplätzen zu erkennen ist". Dass für die Studie lediglich Studenten befragt wurden, die bereits einen Master-Platz hatten, kritisieren unter anderem die Studentenvertreter des fzs. "Das ist so, als würde eine Aussage zur Situation von Obdachlosen mit einer Umfrage unter Reihenhausbesitzern begründet. Das ist absurd", sagt fzs-Vorstandsmitglied Erik Marquardt. Studentenvertreter fordern schon lange: Jeder, der will, solle einen Master machen dürfen.

Zu optimistisch gerechnet

Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), findet, Wissenschaftsminister und KMK hätten von Anfang an zu optimistisch gerechnet. Sie waren fest davon ausgegangen, dass nur jeder zweite Bachelor-Absolvent einen Master anschließen würde. Ziegele hingegen geht von 85 Prozent aus, die sich nach ihrem ersten Abschluss für ein Master-Studium entscheiden. Mit drastischen Folgen: 2016 würden rund 36.000 Master-Studienplätze in Deutschland fehlen, schätzt Ziegele.

Eine Leitidee des gestuften Systems aus Bachelor- und Master-Studium war es, dass ein guter Teil der Studenten nach drei bis vier Jahren Bachelor-Studium die Hochschule zumindest mittelfristig verlässt - und sich schleunigst eine Arbeit sucht. Was in Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften mitunter gehen mag, ist neben angehenden Lehrern auch für junge Leute mit dem Berufswunsch Psychotherapeut kaum möglich: Psychologiestudent Adrian Stevens etwa macht sich keine Hoffnungen auf einen Master-Platz an der Uni des Saarlandes in seinem Fach. Er rechnet mit einer Bachelor-Note von 2,3. Gut, aber fürs Weiterstudieren wohl zu schlecht.

Psychologie: Mit 2,2 zu schlecht für den Master

"In Psychologie ist der Notendruck besonders groß", sagt der 26-Jährige. "Die Chancen auf einen Master-Platz mit einem Bachelor-Durchschnitt von 2,2 und schlechter sind gleich null." An seiner Hochschule kamen auf 100 Master-Plätze rund 600 Bewerber, der lokale Numerus clausus für den Psychologie-Master an der Saar lag bei 1,9.

Das war an den meisten deutschen Hochschulen nicht anders. Nahezu überall werde wohl ein Numerus clausus von 1,9 und besser für eine Master-Zulassung verlangt, schätzt Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Er erkennt seit der Einführung des Bachelor-Master-Systems eine dramatische Veränderung bei seinen Studenten: "Es geht nur noch um Noten. Ich finde das unmoralisch und menschenverachtend gegenüber den Studenten." Auch Margraf ist überzeugt, dass mit einem Psychologie-Bachelor keine Arbeit zu finden sein wird. "Das ist völlige Fiktion", sagt der Chef des Psychologenverbandes DGP.

Markus Pospeschill, Vorsitzender des Prüfungsausschusses Psychologie an der Saar-Uni, hat ebenfalls ein Problem mit der Bologna-Reform: Zwar solle der Bachelor der erste berufsqualifizierende Abschluss sein, aber es gebe keinen Stellenmarkt für den Psychologie-Bachelor. Erst der Master biete die Grundlage für die Ausbildung zum Psychotherapeuten, dem Berufswunsch vieler Studenten. Margraf und Pospeschill fordern daher, jedem Studierwilligen die Möglichkeit einzuräumen werden, einen Master zu machen.

Hamburger Protest, der sich auszahlt

Bachelor-Psychologe Adrian Stevens nutzt seine Zwangspause sinnvoll, demnächst startet er ein dreimonatiges Praktikum im Personalmanagement einer Firma in den USA. Danach will er sich wieder in Deutschland bewerben oder im Ausland weiterstudieren. Auch einen Master in Österreich oder in den Niederlanden kann er sich vorstellen. Denn mit Entspannung auf dem deutschen Master-Markt ist auch in den kommenden Jahren nicht zu rechnen.

So wie Stevens will auch Emilia Heise* die ungeplante Freizeit gewinnbringend nutzen. Nach ihrem Psychologie-Bachelor mit einer glatten Zwei an der Humboldt-Universität Berlin hatte sie sich an acht deutschen Unis beworben und nur Absagen erhalten. Ihr Berufswunsch Psychotherapeutin ist damit in weite Ferne gerückt. "Ich häng' jetzt in der Luft", sagt die Berlinerin. Aufgeben komme aber nicht in Frage. Sie bewirbt sich derzeit um Forschungspraktika in Großbritannien und den USA, um es dann im kommenden Jahr erneut zu versuchen.

Während die Psychologen ihr Heil im Ausland suchen, war zumindest für Enja Weyhe und ihre Hamburger Kommilitonen der Protest ein Weg zu einer Lösung: Zwar bat sie der Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses, kaum hatten sie ihr gelbes Laken ausgepackt, ihre "unzulässige Meinungsäußerung einzustellen" - was die Studenten auch taten und wieder gingen. Vor der Tür allerdings stellten sie die Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin der Hansestadt, Dorothee Stapelfeld (SPD), zur Rede und fanden Gehör.

Gemeinsam mit Wissenschaftsbehörde und Uni entstand ein Kompromiss, der den Bachelor-Lehrern das Weiterstudieren ermöglicht: So konnten in dieser Woche alle mit dem Master-Studium beginnen. "Interne Mittelumschichtung" hatten das möglich gemacht, hieß es in einer Pressemitteilung. Wo Protest und Wille sind, sind also Mittel. Auch wenn man das Geld dafür anderswo wegschneiden muss.

* Name von der Redaktion geändert



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Newspeak 18.10.2013
1. ...
Was wollen die Bachelor-Studenten eigentlich? Wissenschaftliche Assistenten, die sie im Master betreuen könnten, werden ja auch nicht eingestellt. Vielleicht realisiert man an den Unis mal, daß man alle in einem Boot sitzt...und daß die Unterfinanzierung und die deutsche Sklavenhaltermentalität...bloß nichts bezahlen wollen...sich mittlerweile durchzieht bis zum Professor. Die Besoldung in Hessen wurde z.B. vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt. Soweit ist man schon.
bücherwurm11 18.10.2013
2. Notenschnitt
In ganz vielen Bachelorstudiengängen liegt die Abschlussnote im Durchschnitt bei 2, denn es werden fast nur nocht "Traumnoten"vergeben. Dann muss man sich nicht wundern, dass es zu viele Studenten gibt die den Master machen möchten.
sponmeister 18.10.2013
3. Unterfinanzierte Unis - Studiengebühren =
schlechte und nun auch schon gar keine Ausbildung mehr. Die Gegner von Studiengebühren und die Politiker, die sich dafür haben wählen lassen, können stolz auf ihr Erreichtes sein. Soviel zur "Bildungsrepublik" Deutschland.
holi24 18.10.2013
4. Und...
Wo ist da jetzt die Neuigkeit? Dass das Bachelor / Master System in D nicht so funktioniert wie aus angelsächsischen Ländern ist ja kein Rocket Sience. In D benötigt man nach längere Schuldauer und Ausbildung keine Jahre mehr zwischen Bachelor und Master. Dass der überwiegende Teil hier sein Studium nicht 'abbrechen' will, sondern zügig fertig bis zum Abschluss (Master) studieren möchte ist doch logisch!!!
zzipfel 18.10.2013
5. Erstmal raus in die Praxis - paar Jahre Industrieerfahrung sammeln
Zitat von sysopCorbisZum Auftakt des Wintersemesters wird klar: Viele gute Bachelor-Absolventen haben sich vergebens auf einen Master-Studienplatz beworben. Die Unis sind den 2,5 Millionen Studenten nicht mehr gewachsen, viele Talente verlassen Deutschland. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/master-studium-bachelor-studenten-kaempfen-um-plaetze-a-925595.html
... und dann (gereift) ein Masterstudium beginnen. Es ist doch nun nicht der Zweck der Übung - einfach von einer Bildungsanstalt zu nächsten zu wandern und erst mit über 30 ohne relevante Erfahrung im Wirtschaftsleben zu bruchlanden, so war und ist die Aufteilung der Studiengänge nie angedacht gewesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.