Neue Mobbingvorwürfe an Max-Planck-Institut "Es herrschte eine Atmosphäre der Angst"

Schikanen, Drohungen und Diskriminierung von Schwangeren: Junge Wissenschaftler eines Max-Planck-Instituts erheben schwere Vorwürfe gegen eine Direktorin. Wieso das System der Elite-Institution Machtmissbrauch ermöglicht.

Wissenschaftlerin (Symbolbild)
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Als Bethany E. Kok in der achten Woche schwanger war, konnte sie kaum etwas essen und kaum etwas bei sich behalten. Dennoch ging sie jeden Tag zur Arbeit. Die junge Wissenschaftlerin hatte eine Stelle an einem Max-Planck-Institut in Sachsen ergattert. "Das MPI ist so renommiert, es ist eine Ehre, hier akzeptiert zu werden", sagt sie. In den ersten zwei Jahren lief mit ihrer Chefin, die auch Direktorin des Instituts ist, alles reibungslos. Bis Kok schwanger wurde.

"Als ich es ihr erzählte, war sie erst nett, doch am nächsten Tag kam sie ohne speziellen Grund in mein Büro und schrie mich an, sie würde keine Wohltätigkeitsorganisation leiten und ich müsse bis zur Entbindung doppelt so hart arbeiten", sagt sie. Später habe die Direktorin ihr verboten, während der Arbeitszeiten zum Arzt zu gehen. So erzählt es die junge Frau dem SPIEGEL. Inzwischen wohnt Kok in Irland, sie hat die Wissenschaft verlassen, ihre Tochter ist jetzt drei Jahre alt.

Die Direktorin weist die Vorwürfe zurück

Ob sich ihre Geschichte genauso zugetragen hat, ist schwer nachzuweisen. Kok hat keine Mails von damals gesichert. Doch auch andere Wissenschaftler, die anonym bleiben wollen, bestätigen dem SPIEGEL, dass die Direktorin oft ungehalten war, wenn sie erfuhr, dass jemand aus ihrem Team schwanger war.

Die Direktorin, die in diesem Text ebenfalls anonym bleiben soll, weist die Vorwürfe zurück. Über ihre Anwältin teilte sie dem SPIEGEL mit: "Fehlverhalten im wissenschaftlichen Bereich und/oder Verstöße gegen Scientific Rules sowie selektive Diskriminierungen bestimmter Personengruppen wie Schwangeren gab es nicht."

Die Max-Planck-Gesellschaft
    Sie ist eine der renommiertesten Forschungsorganisationen der Welt. Viele junge Wissenschaftler bewerben sich um eine Stelle an einem der mehr als 80 Institute und Forschungseinrichtungen, gelten sie doch als Sprungbrett für die Karriere. Die Einrichtungen entstehen um weltweit führende Spitzenforscher herum, die ihre Themen selbst bestimmen, beste Arbeitsbedingungen erhalten und Mitarbeiter frei auswählen können, wie es auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft heißt. Finanziert wird die Max-Planck-Gesellschaft je zur Hälfte von Bund und Ländern. Im Jahr 2017 lag die Grundfinanzierung bei etwa 1,8 Milliarden Euro. Hinzu kommen Drittmittel von öffentlichen und privaten Geldgebern sowie der Europäischen Union.

Es ist nicht das erste Mal, dass junge Wissenschaftler Vorwürfe gegen eine Professorin eines Max-Planck-Instituts erheben. Anfang des Jahres haben ehemalige Doktoranden und Postdocs dem SPIEGEL davon berichtet, wie sie von Professoren am Max-Planck-Institut für Astrophysik schikaniert wurden. Auch an zahlreichen Hochschulen gibt es immer wieder Fälle von Machtmissbrauch an Unis. Elite-Hochschulen wie die ETH Zürich sind davon nicht ausgenommen.

Schuld daran ist ein System, in dem Professoren über viel Macht verfügen. Sie bestimmen über Verträge und Arbeitszeiten, haben das letzte Wort bei Publikationen. Sie bewerten die Abschlussarbeiten und verfassen Empfehlungsschreiben. Kurzum: Sie halten die Zukunft ihrer Doktoranden und Postdocs in den Händen.

Unangenehme Chefs gibt es zwar auch in anderen Branchen, aber der Unterschied zur Forschung ist groß: Ob Professoren ihre Macht missbrauchen, wird bislang noch viel zu wenig kontrolliert. Für viele Nachwuchswissenschaftler ist eine Karriere in der Wissenschaft ein lang gehegter Traum; vielen fällt es nicht leicht, sich nach Jahren an Forschungsinstituten oder Hochschulen eine Stelle in der Industrie zu suchen.

Es gibt zwar auch Beschwerdestellen, aber Doktoranden oder Postdocs haben Angst, dass sie sich den Weg nach oben verbauen könnten, wenn sie Kritik üben - zumal sich viele Wissenschaftler untereinander kennen und sich schnell herumsprechen könnte, wer einem Professor unangenehm wurde.

Zugleich ist das System sehr kompetitiv, der Druck, möglichst viel zu publizieren, ist hoch. Auch die Professoren messen sich an der Zahl ihrer Publikationen in Fachzeitschriften und daran, wie oft sie zitiert werden. Ohne eine Heerschar billiger Arbeitskräfte, die bis spät abends und an den Wochenenden für sie Daten auswerten, wären die ganzen Publikationen allerdings gar nicht erst möglich.

Marcel Tanner, Präsident der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) in der Schweiz, sagte vor einigen Monaten der "NZZ am Sonntag": "Statt engagierten Nachwuchs auszubilden, schnitzen zu viele Professoren lieber an ihrem eigenen Monument - das ist eine schlimme Attitüde." Die Dozenten hätten ein Coaching dringender nötig als die Doktoranden.

Eine Atmosphäre der Angst

So sehen das auch die Nachwuchswissenschaftler, die am MPI in Sachsen geforscht haben. Sie werfen der Direktorin nicht nur vor, Schwangere diskriminiert zu haben. Sie soll viele ihrer Mitarbeiter auch persönlich angegriffen und mehrfach über Kollegen gelästert haben. "Es herrschte eine Atmosphäre der Angst", sagt ein ehemaliger Postdoc. Eine andere ehemalige Doktorandin sagt, die Professorin hätte ihr gedroht, ihre Promotion zu verhindern. "Ich habe mich so hilflos gefühlt, die Zeit am MPI hat mich richtig depressiv gemacht."

Eine weitere ehemalige Doktorandin sagt, sie glaube, die Direktorin habe verhindern wollen, dass sie Karriere mache. "Sie hat mir immer wieder gesagt, wie langsam ich sei und dass ich nicht gut genug wäre. Irgendwann habe ich das geglaubt." Die Direktorin habe sie mehr als einmal zum Weinen gebracht. "Ich wollte nur noch weg von dort."

Die Pressesprecherin der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Christina Beck, teilte mit, sie habe im vergangenen Jahr von "Vorwürfen wegen Fehlverhaltens im Umgang mit Mitarbeitenden" gegen die Direktorin erfahren. Eine formale Beschwerde, die die MPG zur Einleitung eines Verfahrens wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens veranlasst hätte, habe es allerdings nicht gegeben.

Weiter heißt es in Becks Statement: Es sei deutlich geworden, dass Maßnahmen ergriffen werden müssten, um das Vertrauen zwischen den Mitarbeiterinnen und ihrer Professorin wieder herzustellen. Daher sei ein "Mediationsprozess" eingeleitet worden, dessen Ziel es gewesen sei, "eine vertrauensvolle Umgebung zu schaffen".

"Schwere persönliche Belastung"

Über ihre Anwältin gibt die MPI-Direktorin aus Sachsen zu, dass ihre Arbeit "zu einer schweren persönlichen Belastung geführt (habe), aus der sich auf kommunikativer Ebene Schwierigkeiten in Problemsituationen ergaben". Sie habe sich entschuldigt und die Verantwortung übernommen, indem sie beispielsweise um ein Sabbatical gebeten habe. Die MPG unterstützte diesen Wunsch nach einer Auszeit, "um die Situation zunächst einmal zu beruhigen".

Mehrere Wissenschaftler, die bei der Direktorin gearbeitet haben, sagen, sie wollten sich nicht an einer "medialen Hetzjagd" beteiligen, aber auf das Wissenschaftssystem aufmerksam machen, das ein solches Verhalten ermögliche. Es sei nicht förderlich, wenn MPI-Direktoren so viel Macht hätten, wenn sie "gottähnlich herrschten und nicht abgesetzt werden könnten", sagt eine ehemalige Postdoktorandin aus Sachsen.

Die jungen Wissenschaftler spielen damit auf das Harnack-Prinzip an, den Grundsatz und Leitgedanken der MPG: Nach diesem Prinzip wird um einen herausragenden Forscher herum eine MPI-Abteilung errichtet. Diese Forscher werden bis zu ihrer Emeritierung von der MPG versorgt. Sie können somit 20 bis 30 Jahre lang unabhängig forschen, müssen kaum Rechenschaft ablegen und werden selten kontrolliert.

Auch Jana Lasser, Sprecherin des PhDnet, dem deutschlandweiten Netzwerk aller MPG-Doktoranden, sagt, Professoren seien "Lichtgestalten im Wissenschaftssystem". "Doktoranden und Postdocs sind von ihnen abhängig, weil sie über die Vertragslaufzeit und die Vergütung bestimmen können und weil sie das Empfehlungsschreiben formulieren. Wenn man sich mit ihnen verkracht, hat man schlechte Karten."

Den Ombudsleuten wird nicht vertraut

Zwar schaut der Fachbeirat, ein Gremium aus externen Wissenschaftlern, den MPI-Direktoren alle paar Jahre auf die Finger, aber es überprüft vorrangig die wissenschaftlichen Leistungen des Instituts. Wie Direktoren ihr Personal führten, fließe kaum in ihre Bewertung ein, sagt Lasser.

Doch auch die bisherigen Anlaufstellen für Postdocs und Doktoranden seien nicht ideal. Nachwuchswissenschaftler könnten sich zwar an die Ombudsleute oder die Gleichstellungsbeauftragten wenden, "doch diese sind kaum bekannt und ihnen wird nicht vertraut", sagt Lasser. Die Leute, die als Ombudspersonen tätig sind, machen das neben ihrer eigentlichen Arbeit am Institut. "Wenn ein Doktorand also sieht, wie die Ombudsperson mit dem Direktor in der Kaffeeküche spricht, dann entsteht bei ihm nicht der Eindruck, die Person sei unabhängig."

Doktoranden und Postdocs fordern daher massive Änderungen: "Die MPG braucht unabhängige Ombudsleute, unabhängige Gleichstellungsbeauftragte und am Anfang sollte man die Zahl der Wissenschaftler, die ein Direktor zu betreuen hat, für eine Probezeit begrenzen", sagt eine ehemalige Postdoktorandin aus Sachsen.

Inzwischen hat die Max-Planck-Gesellschaft erste Schritte eingeleitet, um die Mobbing-Vorwürfe sowie die Anschuldigungen der sexuellen Belästigung am Max-Planck-Institut für Astrophysik aufzuklären. Es gab eine interne Umfrage, die die erhobenen Vorwürfe teilweise bestätigten. Die MPG hat zudem eine unabhängige Anwaltskanzlei eingeschaltet, an die sich alle Betroffenen wenden können.

Eine Task Force zum Fehlverhalten in der MPG

Anfang August verschickte MPG-Präsident Martin Stratmann zudem einen Brief an alle wissenschaftliche Mitarbeiter, der dem SPIEGEL vorliegt. Darin heißt es: "Jüngste Medienberichte über Mobbing und Belästigungen an unseren Instituten schaden dem Ansehen der Max-Planck-Gesellschaft. Wir stimmen alle darin überein, Belästigungen jeglicher Art oder sexuelles Fehlverhalten in unserer Gesellschaft nicht zu tolerieren."

Stratmann will nun die Anlaufstellen, an die sich Wissenschaftler wenden können, wenn sie Hilfe brauchen, innerhalb der MPG bekannter machen. Neue Mitarbeiter sollen darüber informiert werden.

Außerdem hat Stratmann eine Task Force ins Leben gerufen, die eine Umfrage über Fehlverhalten in der MPG organisieren soll. "Wir möchten wissen, ob die Ereignisse, die an einigen Instituten stattgefunden haben, Einzelfälle sind oder ob wir mit Strukturproblemen zu kämpfen haben, die es auch an anderen Instituten gibt."

Für die Direktorinnen der MPIs hat ihr Fehlverhalten bislang kaum zu Konsequenzen geführt. Die MPA-Direktorin aus München hat sich einem Coaching unterzogen, aber betreut weiterhin Doktoranden und Postdocs - wenn auch zusammen mit einer zweiten Person. Und die Direktorin aus Sachsen bekommt nach ihrem Sabbatical eine neue Gruppe von Wissenschaftlern.

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