Studentenheim in Skopje Überleben im Schrott

Mazedoniens größtes Studentenwohnheim ist ein feuchter Betonklotz mit riskanter Stromversorgung, schimmeligen Wänden und gefährlichen Aufzügen. Gut möglich, dass das "Goce" noch jemanden umbringt.

Maximilian von Lachner

Von Sophia Münder


Marina wohnt in Block B, direkt unter dem Dach. Wer sie dort oben im 14. Stock besuchen will, sollte zu Fuß laufen, denn eine Fahrt im Aufzug könnte tödlich enden.

Das Zimmer, das Marina zugewiesen wurde, ist ein elf Quadratmeter großer Raum, in dem der Putz von der Decke bröckelt und sich grüner Schimmel die Wände entlangfrisst. Unter der Decke hat sie Styroporplatten gegen die Feuchtigkeit angebracht, doch der Regen kommt trotzdem durch und tropft auf ihren Schreibtisch, dessen Holzplatte schon ganz verzogen ist. Wenn die 22-Jährige das Zimmer verlässt, zieht sie alle Stecker: Zu groß ist die Gefahr eines Kurzschlusses und Kabelbrands.

Das Haus, in dem sie lebt, trägt den Namen "Goce Delčev" und steht in Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens. Es ist das größte Studentenwohnheim des Landes, wurde nach einem mazedonischen Revolutionär benannt und ist seit 1971, als es eingeweiht wurde, nicht mehr renoviert worden. So verkam das staatlich betriebene "Goce" zu einem maroden und unheimlichen Bunker, der eigentlich abgerissen werden müsste, aber immer noch über tausend Studenten beherbergt.

Mazedonien ist ein von Krisen gebeuteltes Land mit einer Arbeitslosenquote von fast 30 Prozent. Infolge des Krieges, der im ehemaligen Jugoslawien tobte, wurde es 1991 unabhängig. Vier Jahre später nahm es diplomatische Beziehungen zur EU auf. Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung machte sich breit - doch die haben viele im "Goce" längst aufgegeben.

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Schmutzig-grau wachsen die vier Betontürme aus dem Boden. Viele kaputte Fensterscheiben wurden nur notdürftig mit Plastikplanen und Klebeband geflickt. Stinkende Müllberge häufen sich vor dem Eingang. Wenn die Bewohner nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause kommen, benutzten sie auf den Fluren und in den Treppenhäusern ihre Handys als Taschenlampen, weil die Deckenleuchten seit Jahren nicht mehr funktionieren.

Dass sich die Studenten das Leben im "Goce" antun, hat finanzielle Gründe. In der Stadt kostet ein WG-Zimmer etwa 200 Euro pro Monat und ist daher für die meisten Studenten und ihre Eltern unbezahlbar. Ins "Goce" kann man für 3645 Denar einziehen, umgerechnet sind das knapp 60 Euro. Zum Zimmer bekommt man Coupons im Wert von 4000 Denar, die in einem Laden und in der Mensa gegen Lebensmittel und Mahlzeiten eingetauscht werden können. Wer bescheiden haushaltet, kann sich davon einen Monat lang verpflegen. Aber man muss aufpassen, dass man noch etwas abkriegt: Wer nicht rechtzeitig kommt, muss nehmen, was übrig geblieben ist.

"Operation Dormitory" kämpft gegen die Zustände im Heim

Marina studiert Finanzwesen im fünften Semester und will ihren Nachnamen lieber nicht nennen. Mit 15 anderen Studenten gründete sie nämlich die "Operation Dormitory" und kämpft zum Missfallen der staatlichen Betreiber gegen die Zustände im Heim. Sie stellte zum Beispiel Fotos von kotverschmierten Toiletten und Waschbecken ohne Wasserhahn ins Internet. Am ersten Tag sei die Website, auf der auch Ekelbilder von Ungeziefer im Mensa-Essen zu sehen waren, tausendmal geteilt worden. Marinas Blog war noch erfolgreicher und brachte es innerhalb von wenigen Tagen auf über eine Million Klicks.

Zwei Wochen nachdem die Internetseiten online gingen, kündigte die Regierung an, den vierten Turm zu renovieren. Das habe man sowieso schon länger vorgehabt, behauptete sie. Tatsächlich rückten Bauarbeiter an, und mit ihnen das Staatsfernsehen: Alle sollten sehen, wie sehr sich die Regierung um die Jugend kümmert. Die Aufnahmen wurden ausgestrahlt, die Arbeiten schon bald wieder eingestellt. Dabei werde es mit jedem Tag gefährlicher, in den Türmen zu leben, sagen die Studenten.

Vor einigen Monaten stürzte einer der Fahrstühle ungebremst aus dem achten Stock ab, der Bewohner, der gerade mitfuhr, blieb wie durch ein Wunder unverletzt. "Die Betreiber drohten ihm, dass er seine Sachen packen könne, wenn er es öffentlich macht", berichtet Marina. Ein paar Wochen später brannte ein Zimmer, weil sich ein fest installierter Heizlüfter entzündete. Danach hätten einige Studenten Wassereimer und Wasserpistolen verteilt und ein Schild aufgehängt: "Wenn ein Feuer ausbricht, bedient euch!", stand darauf. Die Not macht sarkastisch. Wahrscheinlich müsse wirklich erst etwas Schreckliches passieren, damit die Regierung aufwache, sagt Marina.

Seit einem Monat ohne warmes Wasser

Simona, 20, wohnt in Block A, fünfte Etage, Zimmer 512. Sie will sich die Haare waschen. Seit einem Monat gibt es kein warmes Wasser, deswegen erhitzt sie jetzt etwas in einem Kocher und füllt es in einen Behälter. Mit einer kleinen Plastikschale schöpft sie sich das Wasser über ihre Haare, den Kopf über das Waschbecken gebeugt. Wenn sie duschen will, geht sie manchmal zu Freunden, die nicht im "Goce" wohnen. In den Duschräumen, die von Männern und Frauen gemeinsam genutzt werden, kommt oft nur rostbraunes Wasser aus den Brausen, außerdem sind die Trennwände herausgebrochen worden.

Simona studiert im vierten Semester Informatik, sie teilt sich das 18-Quadratmeter-Zimmer mit einer Mitbewohnerin. Zwei Betten, zwei kleine Schreibtische, eine Spüle und ein Herd, der nicht funktioniert. Die Steckdosen haben die jungen Frauen mit Klebeband an der Wand fixiert, damit sie nicht rausfallen. Die Tapete wellt sich von der feuchten Decke, es zieht durch die undichten Fenster.

Simona weiß, dass es nichts nützt, sich aufzuregen. Nur manchmal ist Hohn in ihrer Stimme zu hören, zum Beispiel, wenn es um die Sache mit dem Aufzug geht. Seit sie eine Dreiviertelstunde darin gefangen war, geht auch sie zu Fuß. Sie bekam Platzangst im kaputten Lift, schwitzte und schrie. In das Zimmer zu investieren und es persönlich herzurichten, lohne sich nicht, sagt sie. Denn jedes Jahr müssen die Studenten in andere Zimmer umziehen - warum, wisse niemand so genau. Nur wer Kontakte habe oder Mitarbeiter besteche, könne länger in einem Raum bleiben, sagt Simona.

Nach dem Haarewaschen kocht sie auf einer elektrischen Kochplatte, die auf dem Fußboden steht. Im Schneidersitz hockt sie vor dem Topf mit dampfendem Wasser, sie will Instant-Cappuccino machen. Dazu gibt es Schweinefleisch aus dem Glas, das sie von zu Hause mitgebracht hat. Simona ist froh, dass es jetzt wieder Strom gibt: Der war nämlich zwei Tage lang ausgefallen in ihrem Block, wahrscheinlich wegen Überlastung. Viele Bewohner hatten Heizlüfter angeschlossen, weil die Heizung mal wieder nicht funktionierte und die Temperaturen nachts unter den Gefrierpunkt sanken.

Regierung investiert lieber in Nationalstolz als in Bildung

Nur ein paar Hundert Meter neben dem Wohnheim liegt die Skopje City Mall, in der es viele edle Boutiquen gibt. Sie ist ein Symbol für die Unterschiede Mazedoniens. Die Regierung des von Korruption und Vetternwirtschaft geprägten Landes investiert lieber in den Nationalstolz als in Bildung. Über einem Brunnen erhebt sich 25 Meter hoch eine Statue Alexanders des Großen, des gefeierten Eroberers und ehemaligen Königs von Makedonien. Laut dem Onlinemagazin "Balkan Insight" hat die Regierung in den vergangenen Jahren rund 350 Millionen Euro für Statuen und andere Monumente ausgegeben.

Seit 2006 regiert der halbautoritäre Ministerpräsident Nikola Gruevski das Land, er hat Familienmitglieder und Freunde in hohe Ämter gehievt. Sein Cousin ist Geheimdienstchef, sein Trauzeuge Finanzminister. Oppositionspolitiker werden mit wirren Spionage-Anschuldigungen überzogen, regierungsskeptische Journalisten inhaftiert. Wer zu den Zuständen im Wohnheim recherchiert, wird vertröstet und ausgebremst. Ein Sprecher des Bildungsministeriums fragt, ob die Recherche für ein "kritisches Magazin" sei, und reagiert irgendwann nicht mehr auf Anfragen. Auch der Ansprechpartner des regierungsnahen Studentenparlaments, das sich für die Belange der Studenten einsetzen soll, ist nicht zu erreichen - wegen eines "Familiennotfalls", heißt es. Wann er wieder Zeit habe, sei unklar.

Studenten weinten, als sie das erste Mal ihre Zimmer betraten

Gorgi Bogatinov, 20, lebt im selben Block wie Simona. Neunter Stock, Zimmer 903. Gorgi studiert Maschinenbau. Wenn er seine Zimmertür öffnet, strahlt er und bietet Saft an. Schon sein Vater wohnte in dem Zimmer, in dem Gorgi jetzt lebt. Ein Zufall. Damals sei noch alles neu gewesen, jetzt sehe es hier aus wie auf einem Friedhof, habe sein Vater bei seinem letzten Besuch gesagt.

Seine Eltern, beide Ingenieure, verdienen zusammen etwa 600 Euro im Monat, sagt Gorgi. Er sei es also gewohnt, mit wenig auszukommen. Was ihn am meisten ärgert, sei seine Fakultät. Er wisse nie, wann und wo er eine Prüfung schreiben müsse. "Wenn man Glück hat, wird einem in der Nacht davor eine E-Mail geschickt. So um drei Uhr."

Gorgi trägt Stühle aus seinem Zimmer die Treppen hinauf. Am Abend will er mit Freunden auf dem Dach feiern. Um 23 Uhr sitzen sie dann bei Dosenbier und selbst gebranntem Schnaps zusammen und schauen auf die Stadt hinab. Vom Hausberg Skopjes leuchtet das Millenniumskreuz, eine 66 Meter hohe Stahlkonstruktion, die die Regierung gerade für 1,1 Millionen Euro erneuern ließ. "Und was tun die Politiker für uns?", fragt einer der Gäste.

Simona und ihr Freund Gorgi lehnen Arm in Arm an einem Geländer, nippen an ihrem Bier und schauen auf die Stadt. Sie habe schon Studenten weinen sehen, als sie das erste Mal ihre Zimmer betraten, sagt Simona. Sie will sich nicht vorstellen, dass auch ihre Kinder irgendwann unter diesen Bedingungen leben und studieren müssen. Wenn sie ihre Abschlüsse haben, wollen Simona und ihr Freund auswandern, vielleicht nach Deutschland. "Ganz ehrlich", fragt sie, "würdet ihr hier leben wollen?"



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insgesamt 21 Beiträge
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ioamin 06.05.2015
1. Fyrom
Interessanter Beitrag. Nur ist Skopje in FYROM und nicht in Mazedonien. Das liegt in GRIECHENLAND.
Didoxion 06.05.2015
2. 1982 haben tausende
Studenten in West-Berlin schlimmer gelebt, in besetzten Häusern. Was damals aus Kostengründen für viele alternativlos war. Sowas härtet ab, formt die Persönlichkeit und soziales Bewusstsein.
irukandji 06.05.2015
3. Eigeninitiative wäre auch gut
man kann Wasserhähne reparieren und toiletten reinigen. das können auch informatiker.
Mvk 06.05.2015
4.
Ähnliche Zustände findet man aber auch in anderen öffentlichen sowie privaten Gebäuden. Die Regierung hat in der Tat viel für Prestigebauen ausgegeben, aber auch für Infrastruktur, so das ein extremer Kontrast aus Alt und Neu entstanden ist. Trotz der Widrigkeiten ist das Goce aber vor allem ein soziales Angebot das auch Ärmeren erlaubt zu Studieren.
saw10 06.05.2015
5. Deutsche Kasernen
sind teilweise in einem vergleichbarem Zustand. Leider interessiert das niemand in der SPON Redaktion
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