Windige Mediziner-Promotionen Frau Doktor Dreist

Erfundene Daten, kopierte Texte: Aktuelle Plagiatsfälle in Medizin-Doktorarbeiten aus Münster und ein besonders dreister Fall in Berlin zeigen, wie wenig ein "Dr. med." oft wert ist.

Doktorschmiede Charité: 600 neue Promotionen im Jahr
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Doktorschmiede Charité: 600 neue Promotionen im Jahr

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Abschreiben ist nicht gleich Abschreiben. Die einen formulieren fremdes Gedankengut um und geben es als das eigene aus. Andere übersetzen fremdsprachige Texte und verschweigen ihre Quelle. Besonders dreiste Schmalspur-Akademiker aber machen sich nicht mal diese Mühe: Sie kopieren einfach eine vorhandene Arbeit und schreiben ihren Namen darüber.

Einen derart drastischen Fall gab es an der Berliner Universitätsklinik Charité: Eine niedergelassene Ärztin formulierte nicht nur Passagen um, sondern reichte offenbar eine nahezu komplette Kopie einer zwei Jahre zuvor erschienenen Arbeit ein - beim selben Doktorvater, der schon die Quellarbeit zur gültigen Promotion gemacht hatte. Die Doktorandin fügte auf den 55 Seiten ihrer Arbeit im Fachbereich Urologie nur wenige eigene Sätze und einzelne Wörter ein. Der Rest des Textteils der Arbeit ist ein Komplettplagiat, die Quelle wird in ihrer Arbeit an keiner Stelle genannt. Copy, Paste, fertig.

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Dreistes Dr.-med.-Plagiat: "Dankbar für die Leistung von Vroniplag"
Auf der letzten Seite erklärt die Promovendin, die mittlerweile in einer Berliner Gemeinschaftspraxis als Urologin arbeitet, sie habe ihre Dissertation "selbst verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt". Die Arbeit sei "ohne die (unzulässige) Hilfe Dritter verfasst" und enthalte "auch in Teilen keine Kopien anderer Arbeiten".

Acht von zehn Medizinern machen den "Dr. med."

Kopie und Vorlage werten einen Datensatz aus, der sich auf Operationen an der Charité in den Jahren 1999 bis 2005 bezieht. Bei Doktorarbeiten im Fach Medizin ist ein solches Vorgehen nicht ungewöhnlich, sondern gängige Praxis. Die Arbeiten entstehen oft schon während des Studiums und unter Zeitdruck. Das hat dem "Dr. med." den Ruf der akademischen Massenware eingetragen: In einem Positionspapier bemängelte der Wissenschaftsrat bereits 2011 diese Promotionspraxis. An der Masse der Promotionen hat das nichts geändert: Acht von zehn Medizinern schließen in Deutschland ihr Studium mit dem "Dr. med." ab. Die Charité ist als größte Uni-Klinik auch Deutschlands Doktormeister, mit 600 Graden im Jahr.

Pikant ist an dem aktuellen Berliner Fall auch, dass die Doktorandin wohl auch die Daten ihrer Arbeit frisiert hat. Sie gibt an, nur Daten von Patienten verwendet zu haben, die anders behandelt wurden als in der Quellarbeit. Trotzdem zeigen die Tabellen an mehreren Stellen Rechenergebnisse, die sich auch in den Tabellen der Originalarbeit finden. Rechenfehler oder Copy-Paste und erfundene Zahlen? Das wird die Prüfung der Charité ergeben, die bereits begonnen hat.

Vroniplag überprüft Hunderte Medizin-Doktorarbeiten

Der Doktorvater, heute Urologie-Professor an einer Privatklinik, hatte auf derselben Datenbasis bereits 2006 einen englischsprachigen Aufsatz verfasst. Heute kann er sich an die Berliner Doktorandin nur vage erinnern. Er habe sie gekannt und die Promotion "wohl in den Händen gehalten". Er sei aber nicht sicher, ob er die Arbeit selbst betreut habe, sagte er SPIEGEL ONLINE.

2010 habe er die Charité verlassen. Woran sich der Professor, der nicht genannt werden will, allerdings erinnert: "Wir waren eine sehr große Forschungsabteilung, sicherlich eine der besten." Über so viele Publikationen könne er nicht den Überblick haben. Die betroffene Ärztin selbst war für SPIEGEL ONLINE nicht zu sprechen.

Dokumentiert haben den Fall die Plagiatssucher der Webseite Vroniplag-Wiki. "Wir wenden zurzeit ein Verfahren an, das alle Dissertationen einer Hochschule miteinander vergleicht", sagt Plagiatsexpertin Debora Weber-Wulff, Professorin für Informatik an der Hochschule für Technik und Wissenschaft Berlin. 4000 Charité-Promotionen hat das Netzwerk laut Weber-Wulff auf seinen Rechnern gespeichert, die nun erst digital, dann händisch abgeglichen werden sollen. Eine weitere Dissertation, ebenfalls an der Charité mit dem Dr. gekrönt, enthalte auf mehr als der Hälfte der Seiten nicht kenntlich gemachtes fremdes Gedankengut. "Wir haben einige Arbeiten an der Charité als verdächtig eingestuft, nun werden sie von unserem Team in ehrenamtlicher Tätigkeit manuell überprüft", sagt Weber-Wulff.

"Wir sind dankbar für die Leistung von Vroniplag"

Der Verdacht gegen die Charité-Promotionen ist nicht der erste, dem die Vroniplag-Rechercheure nachgehen: Im Mai entdeckten die Plagiatsjäger eine auffällige Häufung von Verdachtsfällen an der medizinischen Fakultät in Münster. Auch dort scheint eine Arbeit fast komplett den Wortlaut einer anderen Dissertation bei demselben Betreuer abzubilden, die wiederum bei einer anderen abgeschrieben wurde. Die Universität Münster bildete daraufhin eine aus 14 Fachleuten zusammengesetzte Kommission, um alle neun Verdachtsfälle zu prüfen.

An der Charité heißt es, solche Fälle könne es aktuell kaum mehr geben. "Wir haben in den letzten Jahren die Promotionsordnung auseinandergerissen und neu zusammengeschraubt", sagt Radiologe Jörg-Wilhelm Oestmann, Vorsitzender der Promotionskommission. "Routinemäßig überprüfen wir jede 50. Promotion auf unsauberes Arbeiten, außerdem solche, die verdächtig wirken", sagt Oestmann.

Die meist anonymen Plagiatssucher müssen vielen Medizinern als akademische Nestbeschmutzer vorkommen, doch Oestermann nimmt sie ausdrücklich in Schutz: "Wir sind dankbar für die Leistung von Vroniplag", sagt Oestmann. "Die Plattform arbeitet an der Qualität der Wissenschaft - nichts anderes wollen wir auch." In den nächsten Tagen will er sich mit den Plagiatsforschern persönlich treffen, um zu sehen, wie sie arbeiten.

Die Berliner Urologin sei gebeten worden, ihre Daten nachzureichen, damit die Prüfungskommission ein eigenes Gutachten der Arbeit erstellen kann. Sollte die Kommission zu einem ähnlichen Schluss kommen wie die Vroniplag-Rechercheure, ist die Ärztin den Doktortitel wieder los.

Promotionsbetrug im Selbstversuch



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 158 Beiträge
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wrzlbrnft 30.05.2014
1. Manchmal ist es anderes
An einer Münchner Uniklinik soll ein Chef mehrfach Themen als für eine Uniklinik unwürdig zurückgewiesen haben. Dies scheint aber die Ausnahme zu sein.
gruebi01 30.05.2014
2. Uiuiui Mediziner-Promotionen...
...oder wie ein heute längst emeritierter Prof seinen Physik-Doktoranden tröstend sagte: "OK, die kriegen ihren Dr. geschenkt, dafür habe sie später oft einen beschissenen Berufsalltag".
econit 30.05.2014
3. Wertlosigkeit des Dr. med. ist seit Jahren bekannt -
- zumindest, wenn man mal weiter hinten in den Berichten des Wissenschaftsrates blättert. Aber auch ohne diese Lektüre sollten sich bei gesundem Menschenverstand Zweifel einstellen, wieso man im Bereich der Medizin eine "Doktorarbeit" bereits im fünften Semester beginnen kann - also zu einem Zeitpunkt, zu welchem normale Studierende noch nicht einmal ihren Bachelor haben. Um ein Gefühl für das (lächerliche) Niveau medizinischer Doktorarbeiten zu bekommen, empfiehlt sich der Genuss einiger online zu findender "Doktorarbeiten" der ach so elitären Charité. Eine Beleidigung für jeden, der Jahre mit seiner Dissertiation im nicht-medizinischen Bereich zugebracht hat! Allein der Umstand, dass das Gros der "Doktorarbeiten" in der Medizin von "ProfessorInnen" betreut wird, die als Apl.-Profs nicht einmal an einer Uniklinik sind, spricht Bände und steht in scharfem Kontrast zu nahezu allen anderen Wissenschaften (wobei die Frage, ob Medizin überhaupt eine Wissenschaft ist, wohl eh mit Nein zu beantworten ist).
hackspechtchen 30.05.2014
4. Ist doch egal ...
... der deutsche Dr. med. wird doch eh in den meisten Ländern nicht anerkannt, weil er nicht den Anforderungen an einen "echten" Doktortitel genügt. Ist wie mit den Titel vieler Schweizer Privatunis. Kann man haben, muss man aber nicht und es bringt letztendlich auch nichts.
EvaBaum 30.05.2014
5. Dr(med) wie Dipl.ing(FH)
Genau genommen ist das "med" hinter dem Dr. eine Eischränkung, dessen nennung Pflicht sein müsste. Ohnehin sind diese Doktorarbeiten überwiegend wertlos, weil von uninteressierten Studenten verfasst. Jede Diplomarbeit ist mehr wert, was soll das für ein Dr. sein?
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