Medizin-NC vor dem Bundesverfassungsgericht Sie können doch nicht warten, bis alle grau sind

Das Bundesverfassungsgericht prüft, ob der Numerus clausus für Medizin rechtens ist. Dabei geht es um die Frage, welche Befähigung für das Studium nötig ist. Darf die Abinote das ausschlaggebende Kriterium sein?

Medizinstudenten an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Archiv)
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Medizinstudenten an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Archiv)


Wer in Deutschland Medizin studieren darf, muss ein sehr gutes Abitur vorweisen, oft lange warten und nicht zuletzt großes Glück haben. Dabei werden die Bewerbungen zentral verwaltet, bei der Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) in Dortmund. Deren Anwalt, Max-Emanuel Geis, steht heute stark unter Druck: Er muss dem Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts Rede und Antwort stehen.

Die Richter prüfen, ob die Zulassungsbedingungen für das Medizinstudium mit ihrer starken Konzentration auf die Abiturnote überhaupt der Verfassung entsprechen: dem Grundrecht auf die freie Wahl des Ausbildungsplatzes und dem Gleichheitsgrundsatz.

"Dem Gericht geht es offenkundig nicht nur um Kleinigkeiten. Es hinterfragt alle Teilaspekte des gesamten Verfahrens", sagt Dirk Naumann zu Grünberg, der als Fachanwalt den Prozess beobachtet. Der Vorsitzende Richter, Ferdinand Kirchhof, stellte die Frage, ob die Abiturnote in einem föderal differenzierten Schulsystem überhaupt aussagekräftig sei - schließlich gibt es schwere und leichte Abis.

Hintergrund des Normenkontrollverfahrens sind Klagen von zwei Bewerbern für das Studienfach Humanmedizin vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Die Richter dort halten Teile der Regelungen für verfassungswidrig. Zur Klärung hat das Bundesverfassungsgericht nicht nur die SfH und Vertreter der Bundesländer geladen, sondern auch Sprecher der Medizinstudenten und verschiedener Ärzteverbände, sowie Experten, die von ihren Erfahrungen mit alternativen Zugangstests berichten.

Aktuell werden 20 Prozent der Studienplätze nach Abiturnote vergeben, 20 Prozent nach Wartezeit und der Rest in einem Auswahlverfahren direkt an den Hochschulen, bei dem allerdings auch die Abiturnote eine große Rolle spielt. Bei der direkten Vergabe nach Notendurchschnitt sei heute ein Wert von 1,0 bis 1,2 erforderlich. Nach Kirchhofs Angaben drängen sich aktuell fast 62.000 Bewerber auf knapp 11.000 Ausbildungsplätze. Im Wartezeitverfahren dauert es 14 bis 15 Semester bis zur Zulassung.

Das Gelsenkirchener Gericht hält Wartezeiten, die die Regelstudienzeit überschreiten, für verfassungswidrig. Der Anwalt der SfH erwiderte, ein System, das Optimierungsbedarf habe, sei nicht automatisch verfassungswidrig. Die Richter reagierten skeptisch: "Sie können doch nicht warten, bis alle Studenten graue Bärte haben", sagte Kirchhof.

System ändern? Sorry, die Software ist zu alt

Dem Gericht stellt sich auch die Frage, ob Universitäten "ohne eingehende, gesetzlich vorgegebene Kriterien nach eigenem Ermessen" die Bewerber auswählen dürften. Eine Studentenvertreterin kritisierte die Intransparenz des Verfahrens. Trotz der zentralen Organisation der SfH müssten sich die Bewerber mit den Anforderungen von Dutzenden Unis vertraut machen.

Bei der SfH müssen außerdem alle Bewerber angeben, an welchen Orten sie am liebsten studieren würden, die Ortspräferenz ist auf sechs Städte begrenzt. Auch das ist ein Kritikpunkt der Studenten: Wer mit seinen Ortsangaben Pech hat, kann leer ausgehen, obwohl er eigentlich alle Bedingungen erfüllt.

Daraufhin fragten die Richter, woher denn die Begrenzung auf sechs Städte komme. Antwort der SfH: Das wurde mal so programmiert in unserem System. Rückfrage: Lässt sich das ändern? - Nein, die Software ist zu alt. Da gab es Lacher im Saal.

Das Gericht interessierte sich für Vorschläge, den Anteil spezifischer Tests auszuweiten. "Wir sind dafür, in einem zentralen Test die menschlichen, empathischen und ärztlichen Fähigkeiten zu prüfen", sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf gibt es bereits gute Erfahrungen mit sogenannten "Multiple Mini Interviews", berichtete Wolfgang Hampe, der dort Eingangstests durchführt.

Die Methode ist in Kanada verbreitet und zielt darauf ab, neben den Fähigkeiten zum Wissenserwerb auch die Eigenschaften der Bewerber im Umgang mit Menschen möglichst objektiv einzuschätzen. Das Gericht hakte detailliert nach und wollte wissen, wie sichergestellt wird, dass es dabei nicht zu Diskriminierung kommt, etwa wenn jemand einen fremd klingenden Namen hat.

Am Nachmittag wird die Verhandlung weitergehen, danach wird man auf die Entscheidung des Gerichts warten müssen: Sie wird frühestens in ein paar Wochen vorliegen, und ob es am Abend eine sogenannte Sachstandszusammenfassung geben wird, ist keinesfalls sicher.

Naumann zu Grünberg glaubt, dass die Richter dem Bund und den Ländern deutliche Änderungen des Verfahrens abverlangen werden. "Das Gericht zielt erkennbar auf eine gerechtere und auch fachlich sinnvollere Verteilung des Mangels." Andere Beobachter sind da zurückhaltender: Alles, was weit über den Numerus clausus hinausgeht - auch das wurde in der Verhandlung deutlich -, wäre sehr viel Aufwand für die Hochschulen.

mamk/AFP/dpa

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dasistdasende 04.10.2017
1. NC als Kriterium hat auch nicht zu besseren Ärzten geführt
Zumindest nach meinen persönlichen Arzt Erfahrungen nicht, die leider zahlreicher sind, als ich es mir wünschen würde. Viele Ärzte haben nur ein durchschnittliches Fachwissen. Und von menschlichen Qualitäten fange ich besser gar nicht erst an. Die meisten Ärzte vermitteln einem sehr gut den Eindruck, dass es Ihnen nicht um den Patienten, sondern primär um die eigene Geldbörse geht. Das Ziel ist möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit. 5 Minuten sind da schon zuviel. Nächster bitte. Sicher gibt es Ausnahmen, aber die sind rar. Vielleicht wäre es doch mal an der Zeit, die Maßstäbe dafür, wer Arzt werden darf/kann, zu überdenken. Eine 1 in Erdkunde, Musik, Sport, Geschichte etc. kann es ja wohl nicht allein sein.
ruhepuls 04.10.2017
2. Ärzte überfordert?
Vorausgeschickt, ich bin kein Arzt, kenne aber die Branche recht gut. Unser Kassensystem sorgt dafür, dass Ärzte "effektiv" arbeiten, d.h. möglichst viele Patienten "behandeln". Anders kommen zumindest Hausärzte kaum auf ihre Kosten. Das führt dann genau zu der "5-Minuten-Medizin", die gerne beklagt wird. Leider haben Sie recht mit dem Fachwissen. Das Medizinstudium ist vollgestopft mit Wissen, das aber nach der jeweiligen Klausur, für die es gebüffelt wurde, auch schnell wieder vergessen wird - wie übrigens in vielen Studiengängen. Verständnis um Zusammenhänge wird zu wenig gefördert - und Empathie schon gar nicht. Das Studium spiegelt damit im Grunde schon die spätere Realität. in der es wichtig ist, möglichst schnell eine "Diagnose" zu stellen und dann das passende Pharmakon zu verordnen oder den Patienten einem weiteren Facharzt vorzustellen.
simax2118 04.10.2017
3. Mein Zahnarzt
und gleichzeitig bester Freund, galt als Kind als hyperaktiv. Nach der Grundschule gab es die Empfehlung ihn auf eine Hauptschule zu schicken. Noch während dem ersten Jahr auf der Hauptschule waren sich die Lehrer einig daß er völlig unterfordert mit dem Lernstoff sei und daß er mindestens auf die Realschule muß. Nach der mittleren Reife ging es dann weiter auf ein Gymnasium, welches er aus "Zeitmangel" eher durchschnittlich abschloss. Er wurde trotzdem an der Uni Tübingen zum Medizinstudium zugelassen. Heute betreibt er eine Zahnarztpraxis für Erwachsene und zwei Kinderzahnarztpraxen. Zu seinen erwachsenen Patienten gehören etliche Bundesligaprofis, Motorsport Asse und zahlreiche andere bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten aus der gesamten Bundesrepublik. Sein Abischnitt von 3,2 hat ihm dabei weder geholfen, noch hat er ihn daran gehindert zu einem genialen Zahnarzt zu werden.
Pela1961 04.10.2017
4. Hm - und dann?
Schade, dass ich schon so alt bin. Ansonsten würde ich mir doch überlegen, gegen die Arbeitgeber zu klagen, die mir vor nunmehr knapp 40 Jahren sagten, dass sie bestimmte Ausbildungsberufe nur an Bewerber mit Abi vergäben. Und dann gabs noch die, die einen bestimmten Notendurchschnitt verlangten - sonst war das nix mit der Ausbildungsstelle. Alles verfassungswidrig? Blödsinn - das Recht auf freie Berufswahl bedeutet in meinen Augen nicht den Verzicht auf jegliche Qualifikationsanforderung. Und sei sie noch so albern. Wer jemals ein Assessment-Center mitgemacht hat, weiß, wovon ich schreibe.
lemmuh 04.10.2017
5. Alte Ideen
Kurz nach dem zweiten Weltkrige hat man schon allerlei abenteuerliche Ideen gehabt, wie man die Studenten, die zum Zahn- und Humanmedizinstudium zugelassen werden sollten, auswählen sollte. Da würde bereits vorgeschlagen, mehrtägige Prüfungsveranstaltungen zu organisieren, die alle physischen, psychischen, charakterlichen und sozialen Eigenschaften auf Herz und Nieren prüfen sollten. Ein zukünftiger Zahnart hätte zum beispiel nicht nur einwandfreie Noten haben müssen, nein, er hätte auch verschiedene Arten von Sandpapier durch Tasten nach Körnungsgröße sortieren können müssen. Dazu hätte er durch die Ableistung besonders niederer Arbeiten in der Krankenbetreuung nicht nur seine Widerstandsfähigkeit, sondern auch seinen absoluten Gehorsam nachweisen müssen. Ein Psychologe sollte dann feststellen, wie wahrscheinlich es wäre, dass der Bewerber sein Studium auch wirklich beendet. Vor diesem Hintergrund kann man sich denken, wie das NC-Modell entstanden ist: Es gab keine anderen praktikablen Vorschläge. Dies ist heute nicht viel anders. Zwar ist es möglich, dass die Universitäten, wie es heute der Fall ist, einen kleinen Teil der Bewerber über eigene - mitunter vollkommen Absurde - Verfahren und Tests auswählen, aber für die Masse ist das nicht möglich.
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