Medizinstudenten in Wien Einige meiner besten Freunde sind Ösis

Trotz aller boshaften Scherze über die "Piefkes": Die meisten Medizinstudenten aus Deutschland fühlen sich im Nachbarland wohl. Ob sie nach dem Examen gehen oder in Österreich bleiben wollen, hängt vor allem von den beruflichen Perspektiven ab.

Von Benedikt Mandl


"Studierst du Medizin, oder bist du nur zufällig ein Piefke?", wurde der Student von einem Kommilitonen gefragt. Einem Österreicher natürlich. Das Gespräch fand in der Wiener Tram statt, der Straßenbahn. Der Anlass: Seit zwei Jahren kommt in Österreich etwa jeder fünfte Medizinstudent aus Deutschland - fast durchweg Numerus-clausus-Flüchtlinge, die daheim keinen Platz bekommen konnten.

Student Ahlbrecht: Keine Gehässigkeiten

Student Ahlbrecht: Keine Gehässigkeiten

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"Gehässigkeiten durch Studenten oder Professoren habe ich keine erlebt", sagt Jonas Ahlbrecht. "Im Gegenteil: Ich habe bisher nur positive Erfahrungen gemacht, die Leute sind hilfsbereit und nett." Gelegentliche ironische Sticheleien von Tutoren oder das Herumreiten auf Piefke-Stereotypen seien nicht boshaft gemeint.

Jonas Ahlbrecht stammt aus Hannover und ist ein klassischer NC-Flüchtling; seit Oktober 2006 studiert er in Wien Medizin. Er lebt in einer WG mit zwei weiteren Deutschen und fühlt sich trotzdem gut integriert: "Unter meinen Freunden finden sich sowohl Österreicher als auch Deutsche." Für die Zulassungsquote zum Schutz der einheimischen Österreicher hat er Verständnis - und auch eine Erklärung dafür, dass Deutsche bei den Eignungstests besser abschneiden als ihre österreichischen Mitbewerber: "Deutsche, die zu Hause keinen Studienplatz bekommen haben, sind natürlich hochmotiviert und bereiten sich daher besser auf den Test vor."

Ein wesentlicher Punkt ist aber, ob er auch nach dem Abschluss seines Medizinstudiums in Österreich bleiben wird. Oder ob er sich mit seiner teuren Ausbildung im Gepäck gen Norden absetzt, wie das Österreichs Bundesregierung befürchtet. "Grundsätzlich würde ich nicht ausschließen, dass ich bleibe - allerdings hätte ich eigentlich schon vor, wieder nach Deutschland zu ziehen", sagt Ahlbrecht.

Das liege vor allem an den Perspektiven in Österreich: Wer hier das sechsjährige Medizinstudium abschließt, darf nicht direkt in die Facharztausbildung gehen, sondern muss erst ein bis drei Jahre in der klinischen Praxis verdingen, dem sogenannten "Turnus" - zumeist schlecht bezahlt und oft erst nach mehrjähriger Wartezeit. "In Deutschland könnte ich gleich mit der Ausbildung zum Facharzt beginnen", sagt Jonas. Das würde Jahre sparen und macht eine Karriere in Österreich im Vergleich unattraktiv.

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