Medizinstudium Numerus clausus? Es geht auch anders

Unis sollen ihre Medizinstudenten ab 2020 anders auswählen, damit nicht nur die Abi-Besten eine Chance auf einen Studienplatz haben. Einige Unis machen das bereits. Wie läuft's?

Medizinerausbildung (Archivbild)
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Konstantin März weiß, was es bedeutet, für seinen Traum zu kämpfen. Seit seinem Bundesfreiwilligenjahr im Rettungsdienst weiß er, dass er Arzt werden will. Die Arbeit mit den Patienten, ihnen helfen zu können: Das hat März beeindruckt, das wollte er auch.

Doch seinem Traum stand eine Zahl im Weg: die Abiturnote. März hatte die Hochschulreife mit 2,1 abgelegt und war damit weit entfernt vom verlangten Numerus clausus (NC) - der für ein Medizinstudium im unteren Einserbereich liegt.

Dennoch bewarb sich März eifrig über die Stiftung Hochschulstart, erhielt aber nur Absagen. Dann ließ er sich erst einmal zum Rettungsassistenten ausbilden und hoffte, dass er mit Wartesemestern einen Studienplatz kriegen könnte. März bewarb sich nach den eineinhalb Jahren Ausbildungszeit erneut. Doch wieder hatte er keine Chance.

Neues Auswahlverfahren ab 2020

Anfang Dezember hatten sich die Wissenschaftsminister und die Kultusministerkonferenz (KMK) darauf geeinigt, dass nicht mehr nur die Abi-Besten eine Chance auf einen Medizinstudienplatz haben sollen. Eine neue zusätzliche Eignungsquote soll unabhängig von der Abiturnote gelten. Zehn Prozent der Plätze sollen damit ab 2020 an Bewerber gehen, die sich beispielsweise durch berufliche Vorerfahrung auszeichnen - so wie Konstantin März.

Zudem werden Unis dazu verpflichtet , neben der Abiturnote andere Kriterien wie Tests oder Auswahlgespräche zu berücksichtigen. 60 Prozent der Medizinstudienplätze sollen so vergeben werden. Das Bundesverfassungsgericht hatte im Dezember 2017 entschieden, dass das bisherige Zulassungsverfahren teilweise verfassungswidrig ist und neu geregelt werden muss.

Eine Hochschule, die ihre Studenten schon seit über 30 Jahren nicht über den NC auswählt, ist die private Universität Witten/Herdecke (UWH). Ein Studium kostet hier 50.000 Euro. An der UWH wurde auch Konstantin März vor zwei Jahren genommen, denn hier entscheidet nicht der Abi-Schnitt, ob jemand für das Medizinstudium geeignet ist, sondern lediglich das Abschneiden im Bewerbungsverfahren.

Auf 1200 Bewerbungen vergab die UWH bislang 42 Plätze pro Semester, ab 2019 werden es doppelt so viele sein. Das Aufnahmeverfahren ist mehrstufig. Die Bewerber müssen ein sechsmonatiges Pflegepraktikum nachweisen, Zeugnisse, Gutachten und ein Motivationsschreiben einreichen und in vier Essays Stellung zu Fragen nehmen wie: "Gibt es unter Umständen ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht zu lügen?", "Was bedeutet für Sie gute Kommunikation?"

Wer es in die nächste Runde schafft, zuletzt waren das 270 Bewerber, muss einen Auswahltag absolvieren. Da gibt es Einzelgespräche über den eigenen Lebensweg. Jeder Bewerber muss einen Kurzvortrag zu einem selbstgewählten Thema halten. Es gibt sogenannte Multiple-Mini-Interview-Stationen mit Schauspielern, die Krankheiten simulieren und mit denen die Bewerber Anamnesegespräche führen müssen. Und es gibt nochmal Fragerunden mit ethischen Fragestellungen wie: "Dürfen Eltern ihren minderjährigen Kindern eine Nasen-OP spendieren?"

Die UWH muss sich als Privatuniversität nicht am Vergabesystem der Länder beteiligen. Deswegen ist es der Hochschule möglich, andere Wege bei der Auswahl zu gehen. "Wir haben unser Auswahlverfahren immer wieder erforscht, angepasst und verändert", sagt Marzellus Hofmann, Prodekan für Lehre an der Fakultät für Gesundheit. Hier zähle die Persönlichkeit. "Die intellektuellen Voraussetzungen für ein Medizinstudium haben viele, aber personelle und interpersonelle Kompetenzen sind essentielle Voraussetzungen einer erfolgreichen ärztlichen Tätigkeit."

Es sei aber sinnvoll, das zu beleuchten, denn man müsse sich fragen, was einen guten Arzt ausmache. "Gute Ärzte sollen einfühlend mit ihren Patienten umgehen und deren Autonomie respektieren können." Damit habe die UWH gute Erfahrungen gemacht. Die Abbrecherquote liege bei ein bis drei Prozent, und die Absolventen arbeiteten später häufiger als Allgemein- und Hausärzte als Absolventen anderer Hochschulen.

"Wir wollen die Kandidaten persönlich sehen"

Auch an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) werden 60 Prozent aller Studierenden zwar nicht unabhängig von ihrer Abiturnote ausgewählt, aber zumindest werden hier auch persönliche Voraussetzungen, das Engagement und die Interessen der Bewerber mitberücksichtigt. Durch die Abiturnote und die Ortspräferenz wird durch hochschulstart.de eine Vorauswahl getroffen, Interessenten mit einem Schnitt bis 1,4 (Stand 2018) werden dann eingeladen.

"Wir wollen die Kandidaten persönlich sehen. Medizin ist ein sprechender Beruf. Das Gespräch mit dem Patienten steht im Mittelpunkt der ärztlichen Bemühungen. Bewerber müssen sprachliche Gewandtheit, Empathie und soziale Kompetenz mitbringen", sagt Ingo Just, Studiendekan an der MHH. Von 450 eingeladenen Bewerbern werden 150 an der Hochschule genommen.

Mike Brüggemann ist einer von ihnen. Der 20-Jährige hat einen Schnitt von 1,4 und sich unter anderem in Bochum, Münster, Köln, Düsseldorf und Essen beworben. Überall wurde er abgelehnt. "Ich habe dann erst einmal ein Pflegepraktikum in einem Krankenhaus gemacht und danach als Aushilfe dort weitergearbeitet."

Dann hat er es in Hannover probiert und konnte beim Auswahlgespräch überzeugen. Brüggemann spielt Fußball, trainiert Kinder und ist Betreuer auf Skifreizeiten. Sein Abi hat er auf einem Berufskolleg abgelegt und er hatte Biologie und Sport im Leistungskurs - Punkte, die er beim Gespräch anbringen konnte: "Ich finde es fair, wenn man die Leute erst mal kennenlernt."

Brüggemann hat sein Studium im Oktober angefangen und sagt, seine Kommilitonen würden nicht darüber reden, wer über das Auswahlgespräch und wer über den NC reingekommen sei. Das spiegele sich auch nicht in den Leistungen an der Uni wider. So sieht es auch Konstantin März aus Witten-Herdecke.

Empathie für Patienten ist wichtig

"Rein notentechnisch bin ich gut bis sehr gut unterwegs", sagt März, "ich muss zum Lernen nicht geprügelt werden, weil alles sehr praxisnah und anschaulich vermittelt wird." Jede Woche gebe es einen neuen Fall, etwa eine Kniearthrose. Statt des Physikums, einer wichtigen Zwischenprüfung im Medizinstudium, gibt es an der UWH Prüfungen, die das Physikum ersetzen. Das verteile den Druck.

Vom ersten Semester an sind die angehenden Mediziner in Kontakt mit Patienten. Empathie sei dabei sehr wichtig. "Der Arzt sollte dem Patienten Mitgefühl geben, ihm zuhören, sich Zeit für ihn nehmen", sagt März. An seinem Auswahltag saß ihm die Schauspielerin gegenüber. Sie spielte eine schwache Patientin mit hoher Temperatur.

"Beim Gespräch kam es darauf an, wie man den Patienten wertschätzt, fragt, wie er familiär eingebettet ist, dass man seine Ängste und Sorgen wahrnimmt", sagt März. Er sei damals sehr nervös gewesen. Es sei schließlich der Tag gewesen, an dem über seinen Traum entschieden wurde.

Die Frau hatte Pfeiffersches Drüsenfieber. Und März hat es geschafft.

insgesamt 83 Beiträge
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j.c78. 28.12.2018
1. Und dennoch...
Das Problem bleibt. Es gibt deutlich weniger Studieplätze als Interessenten UND das bei einem Ärztemangel im Land.
frank57 28.12.2018
2. Numerus Clausus
Wir haben wohl zu viele Ärzte, das wir uns es leisten können junge motivierte Menschen so vor den Kopf zu stossen? Und das nur auf Grund einer Benotung? Bildungsfreiheit sieht anders aus! Aber wenn man in einem Land ohne jegliche Qualifikation Gesundheitsminister werden kann....
jo126 28.12.2018
3. Humbug
Der NC war schon immer Unsinn. Eine gute Durschnitts-Abinote mit lustigen Fächern wie Deutsch, Geschichte, Kunst etc. befähigt doch nicht automatisch zu einem Medizinstudium. Für Jura - vielleicht. Aber ernsthaft: Viel qualifizierter wäre doch wohl jemand, der ein Staatsexamen als Krankenschwester/pfleger erfolgreich absolviert hat. Das Abitur wird generell absolut überschätzt. Warum ist eine abgeschlossene Berufsausbildung nicht als gleichwertig anzusehen? Immerhin wird in der dualen Ausbildung in Deutschland auch schulische Bildung vermittelt. Damit würde die berufliche Ausbildung aufgewertet und die alberne Macht der Handwerkskammern mit ihrem Meisterdünkel beschnitten.
issodu 28.12.2018
4. Es braucht auch mehr Studienplätze
Meiner Kenntnis nach gibt es etwa 9000 Studoenplätze je Jahr in Deutschland für Medizin, benötigt werden 11.000. Bedenkt man weiter, dass nicht alle Medizinstudenten Arzt werden, weil sie z.B. in die Industrie wechseln, oder dass nicht alle Ärzte noch vollzeit arbeiten möchten, muss die Platzanzahl wohl noch etwas weiter erhöht werden. Es ist sinnvoll, Menschen nicht nur nach der Arbiturnote auszusuchen, aber aich das fachlich-wissenschaftliche macht einen guten Arzt aus. Der selbst kritisch Studien, Behandlungsempfehlungen und Laborberichte prüft, der sich reflektiv weiterbildet, der auch sich einsetzt für Patienten und sie berät bei Behandlung und Überweisung zu anderen Ärzten. Dafür bräuchte man im idealfall mehr Ärzte, damit ein Arzt sich mehr Zeit nehmen könnte für seine Patienten oder höherqualifizierte medizinische Fachkräfte, die einen Teil der ärztlichen Arbeit in gleicher oder besser Qualität den Ärzten abnehmen kann ( Routineuntersichungen, Erstdiagnose einfacher/häufiger Krankheitsbilder, Überprüfung chronischer Krankheiten, natürlich soweit dies der Ausbildung entsprechend möglich und vertretbar ist).
m_arc 28.12.2018
5. hmm
warum nicht einfach mehr studienplätze und so gleichzeitig den ärzte/fachkräftemangel bekämpfen? ach ne, das wäre zu einfach.
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