Medizinstudium Neuer Verteilungsplan, altes Problem

Die Kultusminister haben sich auf neue Zugangsregeln für das Medizinstudium geeinigt. Künftig soll die Wartezeit kein entscheidendes Kriterium mehr sein. Klingt gut, löst aber nicht das grundlegende Problem.

Medizinstudenten (in Leipzig)
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Medizinstudenten (in Leipzig)

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Sieben Jahre oder länger auf seinen Wunschstudienplatz in Medizin warten zu müssen, ist weder zumutbar noch mit der grundgesetzlich geschützten Freiheit bei der Berufswahl zu vereinbaren. So hat es das Bundesverfassungsgericht vor einem knappen Jahr entschieden und die Länder damit gezwungen, ein neues Auswahlverfahren zu entwickeln.

Das Ergebnis wurde von der Kultusministerkonferenz am Donnerstag als Staatsvertrag mit viel gegenseitigem Schulterklopfen vereinbart. Es ist hinreichend differenziert, juristisch - hoffentlich - nicht angreifbar und bietet Menschen die Chance auf ein Medizinstudium, die sich diesen Wunsch bisher kaum erlaubt hätten. Dazu erhalten notenunabhängige Auswahlfaktoren ein größeres Gewicht. Das ist richtig und gut.

Gar nicht gut ist jedoch, dass das Grundproblem nicht gelöst, wird. Es wird im Gegenteil verkompliziert. Dieses Problem ist simpel: Es gibt in Deutschland etwa 11.000 Medizinstudienplätze pro Jahr - und es gibt deutlich über 50.000 Bewerber. Die neue Regelung ändert an diesem Missverhältnis nichts. Sie sorgt nur dafür, dass Rechtsanwälte mit dem Spezialgebiet Studienplatzklage weiter gefragt bleiben.

Natürlich muss nicht jeder, der sich für einen Medizinstudienplatz bewirbt, diesen Studienplatz auch bekommen. Natürlich muss es Auswahlkriterien geben, die sicherstellen, dass die erfolgreichen Bewerber ihr für die Gesellschaft verhältnismäßiges teures Studium auch in annehmbarer Zeit erfolgreich absolvieren.

Aber dass angesichts des Fachkräftemangels bei Ärzten, insbesondere auch auf dem Land, der neue Verteilungsplan für Bewerber als großer Wurf gefeiert wird, zeigt leider nur: Der Leidensdruck durch den Mangel an Studienplätzen und Ärzten ist immer noch nicht groß genug.

Es stimmt, dass das Bundesverfassungsgericht nicht über die Zahl der Medizinstudienplätze, sondern nur über das bisherige Auswahlverfahren geurteilt hat. Trotzdem hätte es den Ländern gut zu Gesicht gestanden, sich nicht allein auf die Reform der Mangelverwaltung zu fokussieren. Sie haben die Chance verpasst, die Ärzteausbildung in einem gemeinsamen Kraftakt stark auszubauen.

Denn es braucht nicht nur neue Regeln, es braucht mindestens 1000 Studienplätze mehr und das möglichst schnell.

Da Studienplatzfragen jedoch Ländersache sind, hat es für diesen großen Wurf nicht gereicht. So bleibt es beim Mangel und seiner Verwaltung. Und so werden künftig bloß andere Bewerbergruppen diskriminiert - bis zur nächsten Reform des Zulassungsverfahrens.

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zora81 07.12.2018
1.
Ich denke, es könnte nicht schaden, einen bestimmten Prozentsatz der Studienplätze an diejenigen zu vergeben, die sich bereit erklären, danach eine gewisse Zeit Versorgungslücken zu schließen und in Gegenden mit starkem Ärztemangel zu arbeiten. So etwas ähnliches gibt es ja bereits im Rahmen von Förderprogrammen, wird aber vermutlich juristisch schwierig durchzusetzen sein. Diejenigen die über die Bundeswehr studieren und sich danach trotz Verpflichtung wieder ausklinken, scheinen auch keine realen Strafen fürchten zu müssen.
supermom 07.12.2018
2. BWL und Jura als Zugangsvoraussetzung
Leider sind heute die wesentlichen Voraussetzungen als Arzt erfolgreich zu sein, ausgeprägtes wirtschaftliches Denken sowie das Erkennen von juristischen Fallstricken. Naturwissenschaftlicher Sachverstand, Empathie und Engagement für die Patienten sind da eher hinderlich.
quark2@mailinator.com 07.12.2018
3.
Wozu hat man denn die Abinoten ? Eigentlich ja, um nachzuweisen, welche intellektuelle Leistungsfähigkeit ein Mensch mitbringt, inkl. Lernbereitschaft etc. Und das sollte dann eigentlich auch der Maßstab sein, wer den Vorrang beim Arztstudium bekommt. Aber leider sind die Abinoten nicht vergleichbar, weil nicht einheitlich ermittelt und leider werde Schulnoten generell nicht fair vergeben, weil eine Menge Studien belegt haben, daß Geschlecht, Hautfarbe und sogar Vorname einen Einfluß darauf haben, welche Note es für gleiche Leistung gibt. Und dann sollte man bitte zunächst dort mal ansetzen und die Abinoten ausschließlich nach Leistung vergeben.
derechtepeter 07.12.2018
4. 1.000 Plätze mehr, ist das ein Schreibfehler?
11.000 Studienplätze, 50.000 Bewerber und im Artikel werden 1.000 zusätzliche Plätze gefordert? Das sollte doch sicher 10.000 heißen. Damit wäre man bei etwa 50% freier Plätze für die Bewerber. Da ist also noch genug Luft um ungeeignete Bewerber abzulehnen.
keine-#-ahnung 07.12.2018
5. Deutschland bietet durchaus genügend Studienplätze ...
... für Erstsemester an. Es hat bloss ein paar Probleme - das Medizinstudium verlangt nach einer sicheren naturwissenschaftlichen Basis, die man IMHO nur auf dem Gymnasium erwerben kann, wenn man Mathematik, Chemie, Physik und Biologie nicht "abwählt". Wird sonst extrem stressig in Biochemie/Pathobiochemie, Physiologie/Pathophysiologie etc. Die hohe Exmatrikulationsquoten der medizinischen Fakultäten insbesondere in den ersten zwei Studienjahren sind dafür ein guter Spiegel. Es wird aus diesem Grund auch nicht viel Sinn machen, Krankenschwestern und Rettungssanitätern ohne Abitur Zugang zum Studium zu geben - die sind i.d.R. schneller wieder aus der UNI raus, als sie Trochanter mj. sagen können, eben weil diese base fehlt und noch erschwerend hinzukommt, dass bei ihnen der zeitliche Abstand zur Schule meist schon zu gross ist - das Medizinstudium ist aber insbesondere in der Vorklinik extrem verschult. Nächstes Problem ist die gruselige Bezahlung der Ärzte, wenn sie sich durchs Studium und die Weiterbildung gegrabbelt haben, da sind mittlerweile doch erhebliche Abwanderungsströme ins Ausland oder in die Industrie schmerzhaft bemerkbar. Die Versuche, das mit Kollegen aus vornehmlich Osteuropa zu kompensieren, sind eigentlich auch eher ein einziger Grusel - der Arztberuf ist immer auch ein sprechender Beruf, wenn man sich jetzt nicht gerade als Pathologe, Labormediziner oder Mikrobiologe spezialisiert. Ein weiterer Grund für die zunehmende Abwanderung von Arztkollegen ins Ausland ist die eigentlich unglaubliche Geringschätzung des Arztberufes in Deutschland, getragen von der "Arztflat" auf Karte (was nicht viel kostet, kann auch nicht viel taugen) und auch den Medien. Irgendwann nervt das so, dass man es keinem Kollegen übel nehmen kann, der Deutschland dann den Bettel vor die Füße wirft.
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