14 Wartesemester für Medizin Länger hoffen als studieren

Wer Medizin studieren will und keine Spitzennoten hat, muss mittlerweile sieben Jahre auf einen Studienplatz warten. Das ist ein neuer Höchststand. Das Bundesverfassungsgericht prüft, ob das gegen das Grundgesetz verstößt.

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Fast unerreichbar für viele Bewerber: ein Hörsaal für Medizin in Leipzig
DPA

Fast unerreichbar für viele Bewerber: ein Hörsaal für Medizin in Leipzig


Christina L., 26, hatte so gehofft, nach sechseinhalb Jahren endlich Medizin studieren zu dürfen. Ihren Abiturschnitt muss sie nicht verstecken, Note: 1,9, und im vergangenen Wintersemester hätte es noch gut ausgesehen. Da bekamen Bewerber mit einer Wartezeit von 12 Semestern einen Studienplatz. Doch das ist passé.

Zum Semesterstart im Herbst kletterte die Wartezeit auf 14 Semester, wie die Stiftung für Hochschulzulassung in dieser Woche bekannt gab. Sieben Jahre, das ist ein historischer Höchststand. "Die Wartezeit war im Wintersemester noch nie so lang", sagt Hochschulrechtler Wilhelm Achelpöhler.

Seit Jahren steigt die Zeit, die Bewerber ohne Spitzennoten im Abitur auf einen Studienplatz in der Humanmedizin warten müssen, immer weiter an. Nun hat sie ein Level erreicht, das gegen die Grundrechte verstoßen könnte. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe prüft derzeit, ob die aktuelle Fassung des Hochschulrahmengesetzes geändert werden muss.

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte die Frage, ob die Wartezeit für Humanmedizin die Dauer eines normalen Studiums übersteigen dürfe, bereits im März 2014 dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt. Die Regelstudienzeit beträgt an den meisten deutschen Hochschulen 12 Semester und drei Monate.

Bewerber könnten deshalb nun womöglich aussichtsreich auf eine Zulassung klagen. "Wer jetzt geltend macht, dass der Ablehnungsbescheid sein Recht auf Teilhabe an einem verfassungsmäßigen Auswahlverfahren verletzt, hat gute Chancen, damit Gehör beim Gericht zu finden", sagt Achelpöhler. Das Bundesverfassungsgericht will noch in diesem Jahr zu einer Entscheidung kommen.

Jeder fünfte Platz über die Wartezeit

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte sich 2013 schon hinter einen 25-jährigen Physiotherapeuten aus Münster gestellt, der sich fünf Jahre lang erfolglos beworben hatte. Die Richter hatten daran gezweifelt, dass sich solche Wartezeiten mit dem Recht auf freie Berufswahl und dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz vereinbaren lassen. Insgesamt drei ähnlich gelagerte Verfahren hat das Gericht bis zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ausgesetzt.

Jeder fünfte Studienplatz in der Humanmedizin wird über Wartesemester vergeben. Ein weiteres Fünftel wird anhand der Abiturnote ausgewählt. Die übrigen 60 Prozent der Erstsemester haben hochschuleigene Auswahlverfahren durchlaufen.

"Ich habe mich über die Jahre bundesweit schon fast überall beworben", sagt Christina L. Für die Ausbildung zur Rettungsassistentin und die vielen medizinischen Praktika, die sie in der Wartezeit absolvierte, bekam sie bei den Bewerbungen jedoch weniger Pluspunkte als erhofft. Am Freitag wird sie ihren x-ten Ablehnungsbescheid bekommen. Doch die 26-Jährige aus Bad Salzuflen will nicht aufgeben: "Es ist mein fester Wunsch, Medizin zu studieren. Ich kann mir nichts anderes vorstellen."

Sie und die anderen erfolglosen Bewerber können hoffen, dass sich das Bundesverfassungsgericht an eine Entscheidung aus dem Jahr 1977 erinnert. Schon damals erklärten die Richter Wartezeiten von sechs und mehr Jahren für verfassungswidrig.

Hilfe!
  • Corbis
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Seite 1
ovi100 14.08.2015
1. Aufnahmepruefung
Aufnahmepruefung einfuehren und zwar jedes Jahr und die Sache hat sich erledigt. In vielen anderen Europaeischen Laendern wird es bestens praktiziert und es hereschen gleiche Chancen fuer Alle. Ueber diesen alternativen Weg muss dringend weitergedacht werden wenn die bisherigen Methoden versagen!
Phil2302 14.08.2015
2.
Und dann? Verschlechtert sich die Lehre in noch überfüllteren Seminaren und Vorlesungen? Ich verstehe ja, dass es blöd ist, nicht das studieren zu können was man will - und ein 1,0 Abitur sicher kein Zuckerschlecken ist. Aber dann muss ich mich eben nach etwas anderem umsehen.
sachse78 14.08.2015
3. Wer so lange wartet
Hält das Studium hoffentlich auch durch. Einen Verstoß gegen freie Berufswahl kann ich kaum entdecken. Ansonsten muss man die NC Regularien halt endlich abschaffen und anonyme Eignungstests nutzen.
danielc. 14.08.2015
4. Wunsch und Wirklichkeit
Die besten Schüler müssen nicht zwangsläufig die besten Mediziner werden, aber wenn ich so lange warten muss, würde ich mir Alternativen überlegen. Dem Wunsch zu helfen kann man auch in weniger überlaufenen Ausbildungen nachkommen, und wenn es im das möglicherweise irgendwann beziehbare Einkommen geht, gibt es ebenfalls Berufe, die dieses leichter und schneller erreichen. Was heißt schon freie Berufswahl? Ich wäre gerne Bundespräsident. Kann ich klagen, weil ich es bisher noch nicht einmal zum Gemeinderat geschafft habe? Das Recht auf freie Berufswahl bedeutet, dass der Staat einem nicht vorschreibt, was man machen soll, aber er ist doch nicht verantwortlich, wenn man der Konkurrenz nicht gewachsen ist, oder keinen Job in seinem Wunschberuf findet. Sonst könnte jeder Arbeitslose klagen, der keine Stelle nach seinen Wünschen findet. Wo leben wir?
gullliver 14.08.2015
5. Wozu brauchen wir Ärzte aus dem Ausland?
Wir haben genug Interessenten - und wir brauchen Studienplätze - das ist alles ...
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