Zulassung zum Medizinstudium Warum der Wegfall der Wartezeitquote zu kurz greift

Die Kultusminister der Länder wollen das Zulassungsverfahren für Medizinstudenten neu regeln und die Wartezeit der Bewerber künftig nicht mehr honorieren. Fairer wird das System dadurch nicht.

Medizinstudenten (Symbolbild)
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Medizinstudenten (Symbolbild)

Eine Analyse von Karl-Heinz Reith


Wer Medizin studieren will, soll künftig nicht mehr damit punkten können, dass er jahrelang auf den Studienplatz gewartet hat. Für eine schwer zu schätzende, aber sicherlich in die Zehntausende gehende Zahl von Bewerbern heißt das nun: Pech gehabt. Sie haben umsonst gewartet, der Traum vom Medizinstudium wird sich für sie nicht erfüllen. Es sei denn, sie haben während ihrer Wartezeit eine Ausbildung als Rettungssanitäter oder Krankenschwester gemacht. Oder sie haben einen guten Anwalt.

Bisher galt: 20 Prozent der Medizinstudienplätze werden nach Wartezeit vergeben. Das heißt, je länger das Abitur her ist, desto größer ist die Chance auf einen Studienplatz - auch bei schlechten Noten.

Die Amtschefs der KMK - das sind die höchsten Beamten in den jeweiligen Landesministerien - wollten diese Wartezeitquote zunächst ersatzlos streichen. Aber ganz so einfach ist das nicht, denn geschätzt mehr als hundert Rechtsanwälte haben sich schon auf Hochschulzulassungsfragen spezialisiert.

Nach der Abi-Note auszuwählen spart Arbeitszeit

Nach Auffassung der Juristen lässt sich zum Beispiel darüber streiten, ob ein Hinweis auf eine Wartezeit von x Semestern eine verbindliche Zusage ist oder einfach nur eine Prognose, die besagt, dass bei gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen und bei einer gleichen Relation von Bewerbern zu Studienplätzen mit einer Zulassung gerechnet werden könne. So könnten Bewerber, die seit Jahren auf einen Studienplatz warten, sich auf Umwegen doch noch einen erstreiten.

Um eine Klagewelle abzuwenden, suchen die KMK-Experten deshalb jetzt nach Lösungen. Im Rahmen einer "Talentenquote" für Altbewerber sollen etwa besondere Boni geprüft werden. Wer zum Beispiel in seiner Wartezeit nach dem Abitur berufliche Qualifikationen in einem medizinischen Pflegeberuf erworben oder sich sozial engagiert hat, soll leichter an einen Studienplatz kommen. Ob das aber alle abgewiesenen Bewerber zufriedenstellen wird, ist fraglich.

2003 war den Universitäten mit einer Änderung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) zugestanden worden, sich 60 Prozent der Studienanfänger in Medizin selbst auszusuchen. Damit war die Hoffnung verbunden, dass sie bei der Auswahl der Bewerber deren Motivation und persönliche Eignung für den Arztberuf und ihre einschlägig soziale wie medizinisch-berufliche Vorbildung stärker berücksichtigen würden. Doch in der Praxis wählten die meisten Universitäten weitgehend nur nach dem Abi-Notenschnitt aus. Auswahlgespräche kosten halt Arbeitszeit. Und die ist bei Medizinprofessoren ein rares Gut.

Nach dem Willen der Kultusminister sollen die Unis nach wie vor 60 Prozent der Bewerber selbst aussuchen. Allerdings hatten auch hier die Verfassungshüter mangelnde Transparenz und fehlende einheitliche Kriterien bemängelt. Deshalb wollen jetzt die Kultusminister den Hochschulen neben der Abi-Note "mindestens zwei weitere eignungsbasierte Kriterien" bundesweit vorgeben.

Ein Problem, das auch die Verfassungshüter erkannt haben, wird aber vorerst bleiben: die mangelnde Vergleichbarkeit der Abiturzeugnisse von Bundesland zu Bundesland. Die Schulminister in der KMK wollen diesen inzwischen intern eingestanden Missstand nunmehr bis 2021 behoben haben - unter anderem durch den bundesweiten Aufgabenpool für die Reifeprüfung, der gerade aufgebaut wird.

Die Richter haben den Ländern für die Beseitigung der Mängel eine Frist bis Ende 2019 gesetzt. Deshalb soll es ab dem Sommersemester 2020 zunächst für eine Übergangszeit einen mathematischen Ausgleich zwischen der unterschiedlichen Notenpraxis in den Bundesländern geben. Das wiederum heißt: Obwohl 20 Prozent der Medizinstudienplätze weiterhin an die bundesweit Abiturbesten vergeben werden, kann es je nach Bundesland bei einem Notendurchschnitt mit einem Komma hinter der eins schon mal knapp werden mit dem Studienplatz.

Das Problem betrifft alle NC-Fächer

Auch wenn das Verfassungsurteil sich nur auf die Zulassung zu den begehrten medizinischen Studiengängen bezieht - Beschwerden über die mangelnde Transparenz bei der Bewerberauswahl durch die Hochschulen und die mangelnde Vergleichbarkeit von Abiturnoten betreffen auch alle anderen Fächer mit örtlichen Zulassungsbeschränkungen.

Dazu ein Zahlenvergleich: Für die 11.000 Studienplätze in Human-, Zahn- und Tiermedizin gab es im vergangenem Jahr 62.000 Bewerber. Für andere, mit einem örtlichen NC zulassungsbeschränkte Studienfächer zählte die Stiftung "hochschulstart.de" 830.000 Bewerbungen - bei 150.000 erteilten Zulassungen.

Dabei mauern viele Hochschulen noch immer gegenüber der Stiftung, die bundesweit die Zulassung regeln soll, und bieten wegen mangelnder Akzeptanz und technischer Probleme nicht einmal die Hälfte ihrer NC-Studienplätze zur Vermittlung an. Wie weit die Kultusminister mit ihrem neuen Staatsvertrag hier eingreifen wollen, ist noch fraglich - wird aber darüber entscheiden, ob es beim Wettstreit um die knappen Numerus-clausus-Studienplätze künftig gerechter zugehen wird.

insgesamt 13 Beiträge
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Ortho4 19.06.2018
1. Verwaltung des Mangels analog zur Mietpreisbremse
Die gerechte Verteilung der Medizinstudienplätze ist schon kompliziert genug. Das Grundproblem kann aber nur durch eine signifikante Erhöhung der Anzahl der Studienplätze gelöst werden. Zwar gibt es heute so viele Ärzte in Deutschland wie noch nie, von eine Ärzteschwemme wie vor 30 Jahren kann aber keine Rede mehr sein. Die Absolventen in Human- und Zahnmedizin sind heute zu 60-80% weiblich. Das liegt am besseren Abi-Schnitt und an der besagten Gewichtung der Abinote. Diese Ärztinnen sind aus verständlichen Gründen nicht mehr zu selbstausbeuterischen Arbeitszeiten bereit, die eine Familiengründung unmöglich machen. Darum braucht man für das gleiche Arbeitspensum heute deutlich mehr ärztliches Personal in Praxen wie in Krankenhäusern. Derzeit wird der Mangel durch mehr oder weniger kompetente Ärzte aus Osteuropa ausgeglichen. Mit deutlichen Konsequenzen für Patienten, aber auch die deutschen Ärzte, die ihre neuen Kollegen häufig nicht verstehen. Da kommt es schon mal zu Missverständnissen. Eine Aufstockung der Studienplätze ist aber immens teuer. Dazu sind die Länder aber noch nicht bereit. Die Schmerzgrenze ist wohl noch nicht erreicht.
nelson76 19.06.2018
2. Und nochmal,
damit werden Ausbildungsplätze (die begrenzt sind) für Menschen blockiert die den eigentlichen Pflegeberuf erlernen und dann auch ausüben wollen. Aber über Mangel klagen!
tommirf 19.06.2018
3. Dadurch
gibt es keinen einzigen zusätzlichen Studienplatz, und damit auch keinen einzigen zusätzlichen Arzt, der bereit ist, außerhalb einer Großstadt zu arbeiten. Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum ist das große Problem, und das wird durch eine andere Verteilung der Studienplätze nicht gelöst.
LarsLondon 19.06.2018
4. @#3 tommirf
Zitat von tommirfgibt es keinen einzigen zusätzlichen Studienplatz, und damit auch keinen einzigen zusätzlichen Arzt, der bereit ist, außerhalb einer Großstadt zu arbeiten. Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum ist das große Problem, und das wird durch eine andere Verteilung der Studienplätze nicht gelöst.
Das soll durch diese Massnahme ja auch gar nicht erreicht werden.
sa7ra9 19.06.2018
5. x
Ich kann mir vorstellen es braucht zukünftig nicht mehr Ärzte ... auch die Digitalisierung wird vor der Medizin kein halt machen, die erste Fachrichtung die fällt oder sich zumindest massiv verändern wird ist , die Radiologie. Eine Abteilung mit heute 10 - 12 Radiologen wird in 15 - 20 Jahren nur noch 4 - 5 brauchen wenn überhaupt.
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