Menetekel Examen Juristen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ab morgen geben die Prüfungsämter die Noten fürs zweite Staatsexamen bekannt. Bei den Juristen grassiert Heulen und Zähneklappern. Ihr Horrorszenario: leider durchgefallen. Die meisten Kandidaten sind schon Ende zwanzig - und wollen endlich anfangen zu arbeiten.

Von Jona Kohl


Mit allem hatte er gerechnet. Nur nicht damit. Nils, 28, war Referendar am Kammergericht in Berlin und machte gerade Urlaub in Thailand, als er erfuhr, dass er durchgefallen war. "Es war grauenhaft", erzählt er, "ich saß allein in einem Internetcafé mitten in Bangkok und konnte es nicht glauben."

Rechtsreferendare (in Düsseldorf): Noch lachen sie
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Rechtsreferendare (in Düsseldorf): Noch lachen sie

Dabei steuerte der bis dahin erfolgsverwöhnte Jurist eigentlich auf Erfolgskurs. Eine internationale Großkanzlei aus Singapur hatte ihm ein Angebot gemacht. Und das musste er nun ausschlagen. Den Rest der Nacht zog er dann durch Bangkoks Bars: "Ich wollte einfach nicht mehr an die Sache denken. Also war erst mal Party angesagt."

Wahrscheinlich war er nicht der einzige, der in jenen Tagen versuchte, seinen Kummer im Alkohol zu ertränken. Denn das zweite juristische Staatsexamen gilt als eine der schwierigsten Prüfungen der Welt. Gut jeder fünfte Referendar scheitert im ersten Anlauf. So legten im Jahre 2006 in Berlin 752 Kandidaten die Prüfung ab, nur 569 kamen durch. Noch schlimmer das Bild in Sachsen-Anhalt - "leider nicht bestanden" hieß es für 35 von nur 124 Kandidaten.

Bimsen beim Privatpauker

Noch derber geht es im ersten Staatsexamen am Studienende zu. Verheerend ist die Durchfallquote zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, wo letztes Jahr 55 Prozent der Kandidaten scheiterten. In Bremen waren es 47 Prozent, in Nordrhein-Westfalen dagegen nur 23 und in Hessen sogar 19 Prozent. Auffällig in der Prüfungsstatistik: In Hamburg schnitten die Kandidaten durchweg besonders gut ab, in Sachsen-Anhalt besonders schlecht.

Bekanntgegeben werden die Noten für zweite Staatsexamen in den meisten Bundesländern in den nächsten Tagen, in Berlin und Brandenburg zum Beispiel ab Mittwoch. Während Hochschullehrer in vielen anderen Fächern alle Studenten, die überhaupt die Prüfungen erreichen, zur Belohnung mit Höchstnoten umkuscheln, sind die Durchfallquoten in den Rechtswissenschaften erschreckend hoch. Vor allem, weil die Prüfung am Ende einer anspruchsvollen und langwierigen Ausbildung steht. Und wer zur zweiten Staatsprüfung antritt, hat eigentlich schon längst bewiesen, dass er juristisch denken kann.

Acht Semester Regelstudienzeit, dann ein Jahr Vorbereitung beim Repetitor - so nennen Juristen Privatlehrer, die den Nachwuchsanwälten das nötige Examenswissen eintrichtern. Und erst danach meldet man sich in der Regel zum ersten Staatsexamen an. Nur wer hier besteht, qualifiziert sich für die praktische Ausbildung als Referendar bei Gerichten, Anwälten und Behörden.

Viele Kandidaten sind daher bereits Ende zwanzig oder sogar Anfang dreißig, wenn sie die letzte und entscheidende Prüfung ablegen. Es liegt an den langen Ausbildungszeiten, aber auch an vielen Unterbrechungen. So müssen sich Studenten in manchen Bundesländern etwa ein Jahr gedulden, bis sie die Prüfungsergebnisse für das erste Examen erhalten. Zudem bekommt nicht jeder Bewerber sofort einen Referendarsplatz - beinahe zwei Jahre verbringen manche Juristen in der Warteschleife.

Kein Wunder, dass da der Druck wächst. "Die Leute sind darauf angewiesen zu bestehen", sagt etwa Dr. Christian Birnbaum, Inhaber einer auf das Prüfungsrecht spezialisierten Kanzlei in Köln. "Mit dem ersten Examen kann man einfach nichts Anständiges anfangen."

"Das ganze Mitleidsgerede ist hart"

Viele Kandidaten zwickt deshalb eine fast existenzielle Angst vor dem Scheitern im Examen. Vor allem die Wartezeit von in der Regel drei Monaten bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse ist zermürbend. Um von Anfang an auf Nummer sicher zu gehen, vergraben sich Referendare meist bereits Monate vor den Prüfungen in ihren Büchern.

Doch Mühe allein genügt nicht, die Anforderungen wachsen. "Die Prüfer verlangen immer mehr, das ist erschreckend", beobachtet etwa Frank Hansen. Als Repetitor bereitet der Rechtsanwalt Referendare aus Hamburg und Berlin auf die Prüfungen vor: "Selbst Kandidaten, die im ersten Examen gut waren, kämpfen darum zu bestehen." Er rät deshalb dazu, sich vor allem mit der Klausurtechnik vertraut zu machen. Man müsse lernen, Schwerpunkte zu setzen und mit der Zeit klug umzugehen. "Viele Leute werden einfach nicht innerhalb von fünf Stunden fertig, das ist ein Problem", so der erfahrene Repetitor.

Noten nach Fächern: Jura ganz hinten
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Wer durchfällt, muss nicht gleich alle Hoffnung fahren lassen und bekommt eine zweite Chance - erst danach ist in der Regel Schluss. Doch der Weg zum Wiederholungsversuch ist schwer. Vor allem gilt es, ein angeknackstes Ego wieder aufzubauen. Nils erzählt, dass er in den ersten Monaten bewusst andere Juristen gemieden hat. "Alle fragen: Wie ist es denn bei Dir gelaufen? Und dann musst Du Dir dieses ganze Mitleidsgerede anhören. Das ist hart."

Die meisten Durchfaller haben für gutgemeinte Sympathiebekundungen gar keine Zeit. Wer einmal durchgefallen ist, muss sich sputen und hat meist etwa vier Monate Zeit, sich auf die Wiederholungsprüfungen vorzubereiten. Und im zweiten Anlauf haben die meisten Kandidaten Erfolg. Das zeigen etwa die NRW-Zahlen in Nordrhein-Westfalen - von den knapp 3000 letztes Jahr geprüften Kandidaten haben nur 42 das Examen endgültig nicht bestanden. Das sind 1,42 Prozent.

Letzte Hoffnung: Der Gang vor Gericht

Das dürfte vor allem an der besseren Prüfungsvorbereitung liegen. Die Oberlandesgerichte sind für die Referendarausbildung zuständig und bieten für Durchfaller spezielle Nachhilfekurse an - dort unterrichten besonders engagierte Arbeitsgemeinschaftsleiter. Was es aber für einen Referendar bedeutet, endgültig nicht bestanden zu haben, verraten die Statistiken nicht. Davon weiß Christian Birnbaum zu berichten, der viele der Gescheiterten vor Gericht vertritt: "Die sind total fertig", berichtet er.

Wahrscheinlich sind sie deshalb auch bereit, für den Gang vor Gericht viel auszugeben. Rund 5000 Euro verlangt der Kölner Anwalt für eine Prüfungsanfechtung. Dabei sind die Erfolgsaussichten alles andere als rosig. Die Chance auf eine weitere Wiederholungsprüfung bekommt meist nur, wer seinen Prüfern Verfahrensfehler nachweist, etwa Baulärm oder einen unbeheizten Prüfungssaal. "Die Chancen liegen bei etwa zehn Prozent", schätzt Prüfungsspezialist Birnbaum.

Die Unglücklichen, die im zweiten Anlauf nicht bestehen, müssen sich schnell nach einem anderen Job umsehen. Auch Nils machte sich Gedanken über eine berufliche Alternative: "Eine Bar in Mittelamerika, das wär's für mich gewesen."

Doch dieser Traum ist geplatzt. Denn im zweiten Anlauf bestand der Berliner, und zwar mit Bravour. Ihm gelang ein Prädikatsexamen, das es für die Noten "voll befriedigend", "gut" oder (extrem selten" "sehr gut") gibt - für Juristen das Maß aller Dinge.



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