Militärgegner foppen Uni Pflichtkurs Kampfstoffkunde

Studieren Sie Krieg! Per Flyer wirbt die Uni Hannover für einen Master in "Military Studies" - doch den gibt's gar nicht. Militärgegner protestierten mit einem täuschend echten Fake gegen das, was sie Rüstungsforschung nennen. Humorfrei erstattete die Hochschule Anzeige.

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"Als ich das vor zwei Tagen gesehen habe, habe ich es auf den ersten Blick auch geglaubt", sagt Catharina Peeck, Pressereferentin des Asta an der Uni Hannover.

Grundausbildung: Doch kein Master in "Militär-Studien"
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Grundausbildung: Doch kein Master in "Militär-Studien"

Der Studentenvertretung war, wie auch den Fachbereichen, der Hochschulleitung und offenbar etlichen Unis in Niedersachsen und anderswo, per Post ein buntes Infoblatt zugeschickt worden. Vermeintlicher Absender: die Zentrale Studienberatung (ZSB) der Hannoveraner Leibniz-Universität, die angeblich auf den neuen Master-Studiengang "Military Studies" aufmerksam machen wollte.

Corporate Design und Gestaltung entsprechen fast exakt den Werbezetteln, die die Uni auch für ihre anderen Studiengänge herausgibt. Und erst bei genauem Lesen fällt auf, dass da einiges nicht stimmen kann. Als Arbeitsschwerpunkt wird etwa angegeben:

  • "In Kooperation mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr" werde "an der möglichst mobilen und auch in Auslandseinsätzen vor Ort anwendbaren Rekonstruktiven Wiederherstellung verletzter Soldaten" geforscht
  • Es gehe außerdem um "anwendungsorientierte Projekte in direkter Kooperation mit Industrie, Rüstungsforschung, Politik und Militär"
  • Pflichtkurse seien "Kampfstoffkunde I-III" und eine "Feldexkursion"
  • Studierende aus Drittstaaten müssten bei der Einschreibung einen Verfassungseid leisten

Kooperationspartner des Studiengangs sollen unter anderem die 1. Panzerdivision der Bundeswehr in Hannover und mehrere wehrwissenschaftliche Einrichtungen sein. Im Impressum tauchen nicht existierende Mitarbeiterinnen der Studienberatung, die ebenfalls frei erfundene Werbeagentur "das rote rauschen" und die Internet-Adresse des Schokoladenherstellers Rausch auf.

"Das geht zu weit", findet die Uni

Ein gut gemachter, aber harmloser Jux? "Auf keinen Fall", sagte Uni-Sprecherin Stefanie Beier SPIEGEL ONLINE. "Diese Broschüre in der Anmutung der Universität ist mit einem gefälschten Begleitschreiben offenbar weit über Hannover hinaus gestreut worden - das geht zu weit." Deshalb habe die Hochschule Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Hintergrund der Aktion sei "vermutlich der studentische Protest" gegen ein bestimmtes Forschungsprojekt, grenzt die Uni in einer Stellungnahme schon mal den Kreis der Verdächtigen ein. Am Institut für Grundlagen der Elektrotechnik und Messtechnik waren Forscher der Frage nachgegangen, wie man Computer- und Telefonanlagen, aber auch elektromagnetische Militärgeräte, gegen Störsignale abschirmen kann.

Gegen diesen "Rüstungsauftrag", wie es Kritiker nennen, hatte es in der Vergangenheit wiederholt studentische Protestaktionen gegeben, zuletzt beim Neujahrsempfang der Hochschulleitung. Beim Asta ist man trotzdem "ein bisschen erstaunt" über die heftige Reaktion der Universität auf den jetzt aufgetauchten Fake-Flyer. "Auch wenn wir damit nichts zu tun haben, finden wir das doch eigentlich eine ganz witzige Aktion", sagt Catharina Peeck vom Asta. Tatsächlich habe die Universität erst mit ihrer am Mittwoch verschickten Pressemitteilung für eine breitere Öffentlichkeit bei diesem Thema gesorgt.

Die Panzerdivision weiß von nichts, hat aber "Vermutungen"

Gelassener fallen die Reaktionen bei der in Hannover stationierten 1. Panzerdivision aus. Die wird auf dem Flyer ausdrücklich genannt, und deshalb gibt es dort "eindeutige Vermutungen" über die Urheber des falschen Master-Studiums. "Es gibt da eine Szene, die regelmäßig gegen die Zusammenarbeit von militärischen Dienststellen mit Wissenschaftlern protestiert", erklärte ein Divisionssprecher. Die Panzerdivision stehe immer mal wieder im Mittelpunkt. Hintergrund sei möglicherweise die für Anfang Juli geplante Veranstaltung "Celler Trialog", bei der Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Bundeswehr miteinander diskutieren.

In einer anonymen Pressemitteilung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, äußern sich die Macher des Flyers ausführlich zu ihren Motiven. Die Vielfalt der tatsächlich existierenden Rüstungsprojekte im Umfeld der Universitäten in Hannover zeige, "dass der Fake 'Military Studies' erschreckenderweise auf Realitäten beruht".

Die jetzige "subversive Aktion" ziele darauf ab, "durch eine überspitzte Provokation Irritationen und Reaktionen bei Universitäten, Studierenden und hochschulexterner Öffentlichkeit zu erzeugen". Irritationen und Reaktionen? Das haben die Militärkritiker flink erreicht.



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