Mister Tagesthemen "Wickert, kaufen Sie mal Mariacron, wir müssen texten"

Als Student fand Ulrich Wickert die Juristerei "fürchterlich langweilig". Dennoch schaffte er das Examen und studierte zudem Politische Wissenschaften, bevor er Journalist wurde. Heute beurteilt der Moderator der "Tagesthemen" sein Studium etwas milder, wie er Publizistikstudenten verriet.


Herr Wickert, Sie haben in den sechziger Jahren in Bonn studiert. Erinnern Sie sich gern daran zurück?

Anchorman Wickert: "Dafür wird man auch noch bezahlt"
NDR

Anchorman Wickert: "Dafür wird man auch noch bezahlt"

Ulrich Wickert:

Ich fand Juristerei fürchterlich langweilig und konnte mich mit der Thematik überhaupt nicht anfreunden. Und dann die Überlegung, dass das, was mich im Studium schon so langweilte, dann Zeit meines Lebens als Beruf auszuüben - das war mir so zuwider… Beim OLG muss man einen handgeschriebenen Lebenslauf einreichen, wenn man sich zum 1. Staatsexamen bewirbt. Da habe ich schon als letzten Satz geschrieben, mit diesem Examen werde ich meine juristische Karriere beenden. Und ich behaupte, nur deswegen habe ich bestanden.

Welche Vorstellungen hatten Sie vom Beruf?

Wickert: Ich dachte, Beruf ist etwas, was ganz schrecklich ist, da muss man immer furchtbar arbeiten und sich quälen. Dass aber Beruf auch etwas sein kann, was nur Spaß macht und man auch noch dafür bezahlt wird, das hab ich erst hinterher gemerkt.

Welche waren ihre spannendsten beruflichen Stationen?

Wickert: Ich hatte viele spannende berufliche Stationen, ich könnte nicht sagen, dass es eine gewesen ist. Also, ich war in den siebziger Jahren bei "Monitor", da gab es eine ganze Reihe von sehr spannenden Dingen. Ich war in Paris ja zweimal, und es gab da so faszinierende Momente. Das eine war 1981, als Mitterand die Wahl gewonnen hat. Das war deswegen ein Moment, weil da der erste sozialistische Präsident in der fünften Republik an die Macht kam. Und ich war drei Jahre in New York. Das sind für mich heute immer noch drei wunderbare Jahre, weil in New York die Kultur blühte und man unglaublich viel mitbekam.

Wenn ich jetzt schaue, was ich bei den "Tagesthemen" mache, ist es was völlig anderes. Trotzdem erlebt man immer wieder große Ereignisse mit, sei es erst vor kurzem, als die Stimmen bei der Bundestagswahl ausgezählt wurden, sei es der 11. September, sei es damals schon der Putsch gegen Gorbatschow. Man ist dann zwar nur im Studio, aber doch sehr nah am Geschehen dran. Das sind immer wieder hochspannende Momente.

Sie erleben sicher in Ihrer Redaktion deutlich jüngere Kolleginnen und Kollegen. Beobachten Sie andere Eigenschaften und Wege in der Arbeit als bei Journalisten Ihrer Generation?

Wickert: Das ist was ganz Schreckliches. Als ich angefangen bin, sagte jemand, Wickert, gehen Sie mal 'ne Flasche Mariacron kaufen, wir müssen texten... Das gibt es heute nicht mehr. Aber ich habe nicht unbedingt den Eindruck, dass meine Generation und die nachwachsende Generation grundsätzlich unterschiedlich sind im Herangehen an die Dinge.

Was macht für Sie einen guten Journalisten aus?

Wickert: Ich finde, dass der gute Journalist etwas davon lernen kann, wenn er Jura studiert hat. Das merke ich heute noch, dass Sie gerade durch ein Studium wie das juristische Studium lernen, mit Fakten und mit Worten umzugehen. Das merken Sie immer wieder, weil Sie Fakten beurteilen müssen. Der Jurist macht ja sozusagen Text- oder Wortexegese. Ihm wird dann erklärt, dass Mord was anderes ist als Totschlag. Und in der Beurteilung von Politik werden Sie ja auch häufig davor stehen, dass Sie sagen: Was ist hier schon Fakt, was ist noch Gerücht? Insofern ist die Juristerei, so schrecklich ich sie fand, dann irgendwann doch ganz gut für mein Studium gewesen.

Wir konkurrierenden jungen Männer und Frauen schlagen uns manchmal ganz schön - nur im Geiste versteht sich - um Jobs und Anerkennung. Was kann richtig ekelhaft sein und Konzentration rauben? Haben Sie einen Tipp für solche Situationen?

Wickert: Ich empfehle immer folgendes: Machen Sie Ihren Job, machen Sie ihn gut, arbeiten Sie, soviel Sie nur können. Dann brauchen Sie sich nicht darum zu kümmern, was die anderen machen. Denn derjenige, der sein Handwerk gut macht und sich nicht ablenken lässt durch irgendwelche Intrigen, der kommt automatisch weiter.

Campus & Karriere / Deutschlandfunk



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