Mit dem Fahrrad zur WM Hinter dem Hindukusch geht's weiter

In den letzten Monaten radelten Felix Göpel und Kevin Meisel erst nach Indien, dann weiter zur Fußball-WM nach Seoul. Im zweiten Teil ihres Tourreports berichten die beiden Studenten über kommunistische Kuckucksuhren und Chinas schwarze Lunge, über russische Hippies und die Ankunft in Korea.


Auf dem Campingplatz in Seoul: Felix und Kevin schwenken taktvoll ein WM-Fähnchen
Felix Göpel

Auf dem Campingplatz in Seoul: Felix und Kevin schwenken taktvoll ein WM-Fähnchen

Unser Plan sah vor, in sechs Monaten von Berlin nach Indien zu fahren und dort für ein Semester zu studieren. Doch auf dem Subkontinent müssen wir uns nach neuen Zielen umschauen. Die örtlichen Universitäten sind offensichtlich nicht an einem intellektuellen Input aus der westlichen Welt interessiert. Zumindest nicht, solange er von uns kommt. Weil es uns auf der Straße besser gefallen hat als jemals im Hörsaal, beschließen wir weiterzufahren. Das neue Ziel: die Fußballweltmeisterschaft in Korea.

Zunächst gönnen wir den Rädern und uns allerdings eine zweimonatige Verschnaufpause. Wir warten auf die Schneeschmelze im Himalaja und erkunden Indien mit dem Zug. Ein Unterfangen, das meist anstrengender ist als jeder Kilometer auf dem Fahrrad. An den herrlichen, palmenumdattelten Sandstränden Goas schlagen wir unser Winterquartier auf.

Zum ersten Teil der verwegenen Tour: Vier Felgen für ein Halleluja - der harte Weg von Berlin nach Bombay

Kevin hat sein erstes Rendezvous in Indien unter Mondenschein am Traumstrand, und alles läuft wie geschmiert: Die Polizei stört die traute Zweisamkeit und nimmt das Mädchen wegen Verdachts auf illegalen Drogenbesitz fest. Für 20 Euro aus unserer Gemeinschaftskasse gelingt es Kevin jedoch, die Beamten von der Unschuld des Mädchens zu überzeugen.

Für mich beginnt die Zeit des Schreibens. Ich leihe mir von einem Inder einen Computer und tippe auf der Terrasse mit phantastischem Blick auf den Indik an dem Buch zur Tour. Kevin reist auf eigene Faust weiter durch Indien. Das Land erweist sich als kein gutes Pflaster für ihn: Ich schreibe Reiseberichte, er Krankengeschichte. In Delhi muss er sich unter Vollnarkose einen Knoten aus der Brust operieren lassen, der sich als gutartiger Tumor erweist. Später sagt er mir, er sei Lance Armstrong noch nie so nah gewesen.

Als er wieder auf dem Fahrrad sitzt, protestiert sein Knie schmerzhaft gegen die Verlängerung der Reise. Er bleibt drei Wochen in indischer Behandlung, lässt sich Cortison ins Knie spritzen und trainiert für die Himalaja-Überquerung beim Aqua-Jogging.

In der Zwischenzeit fahre ich alleine mit dem Rad durch Nordindien Richtung Katmandu. Im nepalesischen Dschungel treffe ich auf einen russischen Hippie, der auch mit dem Rad nach China unterwegs ist. Der Mann lebt von zwei Dollar am Tag, inklusive ein Gramm Hasch. Wir verbringen drei Wochen miteinander.

Sieben Tage in Tibet

In Katmandu treffe ich Kevin wieder. Da sein Knie noch immer schmerzt, der Himalaja im Frühling mitnichten schneefrei ist und die Zeit bis zur WM drängt, entschließen wir uns, zunächst den Bus zu nehmen. So bleiben wir nur sieben Tage in Tibet.

Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter. Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher. Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt. Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke. Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.
Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld... Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden. Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray.

On the Road: Die Stationen einer langen Reise - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.


Das großartige Panorama und der Blick auf den Everest bleiben getrübt: Die Höhenluft schlägt mir dermaßen auf den Magen, dass ich zwei Tage lang ununterbrochen kurz vor dem Erbrechen stehe. Auf einem der 5000-Meter-Pässe, die wir passieren, ist es dann so weit - neben den tibetischen Gebetsfahnen lasse ich die Frühlingsrolle vom Vortag zurück.

Chinas Toiletten: Klare Verletzung der Menschenrechte

China präsentiert sich widersprüchlich: In der Volksrepublik ist praktisch nur noch die Fahne kommunistisch. Der lange Marsch ist längst bei Pierre Cardin und Kentucky Fried Chicken angekommen. Dennoch bleibt Mao omnipräsent, auf jedem großen Platz lächelt er von einem überdimensionalen Bild herunter. Und im ganzen Land bieten kommunistische Fanshops ihre Waren an: Es gibt Mao-Büsten (aus Plastik), Mao-Handtaschen (rot), Mao-Kaffeetassen (schwarz). Und wir finden sogar eine Kuckucksuhr, die zu jeder vollen Stunde "Der Osten ist rot" spielt.

Unsere Anwesenheit löst überall größte Aufregung aus. Bis zu hundert Chinesen versammeln sich in den Pausen schweigend und staunend vor unseren Rädern, um uns beim Essen zu beobachten. Mehr als einmal werden die natürlich nicht angemeldeten Versammlungen von der Polizei aufgelöst. Die chinesische Staatsmacht behalten wir so als die radfahrerfreundlichste der ganzen Tour in Erinnerung.

Im Reich der Mitte kommt die Gewalt trivialer daher: Die sanitären Anlagen stellen eine klare Verletzung der Menschenrechte dar. Und auf den Toiletten wird nicht nur an Putzmitteln und Wasser gespart - in China gibt es rund 1,3 Milliarden Menschen, aber nach meiner Schätzung keine 500 Klotüren.

Der Osten ist rot, nein, schwarz

Wir lassen auch das über uns ergehen. Auf den letzten chinesischen Kilometern müssen wir immer wieder trampen, damit wir es noch rechtzeitig bis zum ersten Anpfiff in Korea schaffen. Auf der Ladefläche diverser Laster durchqueren wir "die schwarze Lunge Chinas". Wir passieren reihenweise Braunkohlewerke, die durchweg älter als die Revolution zu sein scheinen.

Kleine Tanzeinlage: Endlich angekommen
Felix Göpel

Kleine Tanzeinlage: Endlich angekommen

Der Dreck verdunkelt die Sonne am Himmel, auf unsere Haut legt sich eine dicke Rußschicht, und nachts raubt uns ein hartnäckiger Husten den Schlaf. Der Osten ist schwarz!

Die letzten 200 Kilometer von Beijing zur Pazifikküste fahren wir wieder mit dem Rad. In Tianjin endet der aktiv-sportliche Teil unserer Reise. Wir setzen mit einer Fähre nach Incheon über und rollen pünktlich am 31. Mai um 12 Uhr mittags mit den Rädern von der Gangway auf koreanischen Boden.

Hinter uns liegen zehn Monate auf der Straße mit über 10.000 gefahrenen Kilometern auf dem Rad. Unser Portemonnaie ist leer, die Räder eiern, Kevin hinkt, ich huste. Aber die Sonne scheint.

Und das Glück ist mit uns: Sowohl die deutsche als auch die koreanische Presse zeigen reges Interesse an unserer Tour. Nach einem Interview schenkt uns ein ARD-Reporter zwei Stadionkarten für das Spiel Senegal gegen Uruguay. Am 11. Juni sitzen wir im Stadion. Der Ball rollt. Wir ruhen. Vorerst.

Von Felix Göpel

Endlich sind Felix und Kevin bei der WM angekommen und berichten in den nächsten Tagen bei UniSPIEGEL ONLINE über ihre Fußball-Erlebnisse. Die erste Folge: "Guten Abend allerseits" - wie Koreaner reagieren, wenn man ihren Slogan "Be the reds" in "Beat the reds" umwandelt.



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