Mit dem Rad von Berlin nach Bombay Vier Felgen für ein Halleluja

Felix Göpel, 25, und Kevin Meisel, 24, hatten es etwas weiter zur Uni als andere Studenten: Mit 50 Kilo Gepäck quälten sie sich einige Monate lang per Rad von Berlin erst nach Indien, dann bis nach Korea - und berichten bei UniSPIEGEL ONLINE über ihre verwegene Tour quer durch Europa und Asien.


Felix Göpel und Kevin Meisel: Nur noch schlappe 10.000 Kilometer bis zum Ziel
Felix Göpel

Felix Göpel und Kevin Meisel: Nur noch schlappe 10.000 Kilometer bis zum Ziel

Den härtesten Punkt der Fahrt erreichen wir im Iran. Im islamischen Gottesstaat steht auf alles, was das Studentenleben normalerweise begleitet, Gefängnisstrafe mit Anfassen. Alkohol, Frauen, Musik: alles verboten. Als Kevin und ich im November das Land durchqueren, wird auch noch das Essen und Trinken am helllichten Tag zur Straftat. Es ist Ramadan, und wir verstecken uns in den Pausen mit den Rädern in Ruinen und unter Straßenunterführungen, um uns eine Dose Tunfisch mit Ketchup aufzumachen.

Unser Plan sieht vor, in sechs Monaten mit dem Fahrrad nach Indien zu fahren und dort dann für ein Semester zu studieren. Da die indischen Unis sich auf unsere Bewerbungen nicht melden, beschließen wir, uns vor Ort einzuschreiben. Mit dem Fahrrad in die Uni: Im Sommer verlassen wir Berlin.

Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld... Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter. Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt.
Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke. Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden. Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.
Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray. Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher. Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.

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Unsere erste Etappe führt uns über Osteuropa nach Istanbul. Den ersten Konflikt mit der Polizei bekommen wir an der tschechisch-österreichischen Grenze. Wir campieren am Schlagbaum der grünen Grenze und werden morgens von der österreichischen Grenzpolizei geweckt. Bußgeld: 300 Schilling wegen illegalem Grenzübertritt. Versteckt hinter hohen Tannen finden wir wenig später im Wald ein riesiges Marihuanafeld, das uns für unsere Ausgaben an den österreichischen Grenzschutz entschädigt.

Bulgarien ist nicht in Höchstform

Von Wien aus folgen wir dem Lauf der Donau über Bratislava und Budapest bis nach Jugoslawien. In Novi Sad nehme ich mein letztes Bad in der Donau vor der von der Nato zerstörten Freiheitsbrücke. Flussabwärts ist das Wasser immer dreckiger als wir. Bulgarien präsentiert sich nicht in bester Form. Wir halten an jeder schönen Stelle und kommen so schnell durchs Land. Am 12. September erreichen wir die Türkei. Von hier aus wollen wir weiter in den Iran und über Pakistan nach Indien.

Das prächtige Istanbul hält uns drei Wochen - nicht nur, weil wir solange brauchen, um Ersatzteile zu besorgen. Wir durchqueren Anatolien. Für Abwechslung sorgen die Kämpfe mit den Hirtenhunden, die immer erst im Nachhinein komisch sind. Der Fahrtwind wirft mir das eigene Pfefferspray ins Gesicht, mein Fluchen die Hunde von der Straße. Mit der Osttürkei kommen die Berge, und der beeindruckendste ist der Ararat, auf dem der Legende nach die Arche Noah strandete.

Kurz vor der iranischen Grenze kommt es doch noch zu einem Scharmützel mit den Kurden: Kevin wird von einem völlig überfüllten Kleinbus angefahren. Als wir auf die Brüder zumarschieren, um unserem Unmut Luft zu machen, geht die Fahrgemeinschaft im Kollektiv auf uns los. Da wir zwei flexible Jungs sind, entschuldigen wir uns gestenreich für unsere Existenz und können die kurdischen Wogen glätten.

Luxusleben in Teheran

Im Iran gehören wir zu den wenigen Touristen, die trotz der amerikanischen Luftangriffe auf Afghanistan im Land sind. Uns beschert das günstige Teppichpreise, von denen ich aber nur in Isfahan profitiere, als ich versehentlich einen in Brand stecke.

Die Landschaft präsentiert sich so abwechslungsreich und farbenfroh wie ein graues Blatt Tonpapier. Aber mit den Iranern haben wir eine Menge Spaß. Wir bleiben alleine dreieinhalb Wochen in Teheran, der wahrscheinlich hässlichsten Hauptstadt der Welt. Nach den Strapazen auf der Straße genießen wir den Luxus bei unseren wohlhabenden iranischen Freunden in vollen Zügen. Sie haben sogar einen Butler!

Als wir weiterfahren, beginnt der Ramadan, und die Kinder bekommen schulfrei wegen Schneefall. Wir fahren fröstelnd durch die Wüste aus Stein. In den Flaschen gefriert das Wasser; für die einzige warme Mahlzeit innerhalb von zehn Tagen müssen wir den einzigen Baum fällen, der sich auf dem Geröll durchsetzen konnte.

Cool Runnings in der persischen Steinwüste

Weiter im Süden bleibt die Landschaft grau, aber es wird wärmer. Wir bleiben eine Woche in Isfahan und freunden wir uns mit zwei iranischen Mädchen an. Ihre Kopftücher rutschen jeden Tag ein bisschen weiter nach hinten. Aber an dem Tag, an dem ich die schönere der beiden zärtlich auf den Mund küsse, werden sie von der Geheimpolizei verhaftet.

Wir saßen gerade zu viert in einem persischen Teehaus vor einer großen Wasserpfeife, als die lustige Runde von staatlicher Seite aufgelöst wird. Ich werfe vor Schreck die Pfeife zu Boden, und die heißen Kohlestücke brennen dicke Löcher in den Teppich. Die beiden Mädchen kommen nach eineinhalb Stunden wieder frei, und wir sehen zu, dass wir die Stadt schleunigst verlassen.

Den heiligen Abend verbringen wir bei 20 Grad und herrlichem Sonnenschein in einer kleinen Wüstenstadt bei einem Englischlehrer. Vor seiner Schulklasse erzählt Kevin abends die Weihnachtsgeschichte, zusammen singen wir "Jingle Bells". Die Texte haben wir aus dem Internet kopiert, und alle sind gerührt.

Nichts als Zamzam-Cola zum Anstoßen

Silvester verschlafen wir. In dem kleinen Restaurant in Baluchistan, unweit der afghanischen Grenze, mit dem muslimischen Kalender an der Wand und nichts als Zamzam-Cola zum Anstoßen (eines der vielen persischen Plagiate), will aber auch keine rechte Partystimmung aufkommen. Um ein Uhr nachts weckt uns ein iranischer Soldat, der mit seiner Kalaschnikow im Türrahmen steht. Er ist auf der Suche nach Flüchtlingen und will sich versichern, dass wir auch wirklich "Almanys" und nicht "Afghanis" sind. Wir wünschen ihm ein frohes Neues.

In Pakistan laden wir die Räder auf den Bus. Die Lage scheint uns zu angespannt im Land, um es per Rad zu durchqueren. In Quetta, 72 km von der afghanischen Grenze entfernt, müssen wir umsteigen. Auf dem Weg zum Bahnhof freunden wir uns mit einem Pakistani an und bleiben vier Tage in der Stadt. Nach den trockenen Monaten im Iran steht uns der Sinn nach einem kühlen Pils, aber der Liqueur-Store wurde kürzlich von den Taliban niedergebrannt. Unser sportliches Motto lautet: Afghanistankrise - mittendrin statt nur dabei.

Vorläufige Endstation: Felix und Kevin auf einem Campingplatz in Seoul
Felix Göpel

Vorläufige Endstation: Felix und Kevin auf einem Campingplatz in Seoul

Der Zug bringt uns nach Lahore, die letzten Kilometer bis zur indischen Grenze fahren wir wieder mit dem Rad. Der pakistanische Beamte an der waffenstarrenden Grenze verlangt zwei Dollar Bakschisch für die Weiterfahrt. Nach fünf Monaten auf der Straße und 7500 km im Sattel erscheint uns das nicht zuviel. Für zwei Dollar plus eine Mark Trinkgeld erreichen wir Indien.

Und in Indien? Stehen wir an den Universitäten vor verschlossenen Türen. Die Inder haben von den Engländern die schwerfälligste Bürokratie der Welt geerbt und sie gut verwaltet. Wir versuchen uns einzuschreiben, aber nach einer Woche in Delhi kenne ich nicht einmal den für mich zuständigen Angestellten.

Der Weg zur Uni war dagegen ein Kinderspiel.

Von Felix Göpel

Halb so schlimm - auf der Straße gefällt es den beiden ohnehin besser als im Hörsaal. Sie radelten weiter. Ihr neues Projekt: mit dem Fahrrad zur Fußball-WM. In einigen Tagen berichten Felix Göpel und Kevin Meiser bei UniSPIEGEL ONLINE über russische Hippies, chinesische Toiletten und die Ankunft in Seoul.



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