Hilfe von der WG-Therapeutin "Ich kann meine Mitbewohnerin nicht mehr allein lassen"

Janina hat Angst um ihre Mitbewohnerin, die unter psychischen Problemen leidet. Weil sie sich etwas antun könnte, traut sich Janina kaum noch, die WG zu verlassen. Was kann sie tun?

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Janina* schreibt:

"Wir sind eine Dreier-WG, und unsere dritte Mitbewohnerin ist eher selten da, und somit bin ich mit der anderen Mitbewohnerin sehr oft allein. Sie leidet unter verschiedenen diagnostizierten psychischen Problemen: Depression, Magersucht, Bulimie und Schizophrenie. Vor Kurzem hat sie mir erzählt, dass sie sich selbst verletzt.

Wenn ich abends weggehe oder in meinem Zimmer bin, habe ich Angst um sie. Ich versuche zwar, nicht so viel unterwegs zu sein, aber jetzt kann ich sie gar nicht mehr allein lassen. Sie steht bereits unter ärztlicher Beobachtung und in der Klinik war sie auch schon, allerdings nur für eine Woche - länger hat sie es dort nicht ertragen.

Was kann ich tun?"

*Name geändert

Zur Person
  • Amac Garbe
    Sabine Stiehler lindert den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

Sabine Stiehler antwortet:

"Hallo Janina,

Sie können nicht wissen, wie sich die Situation mit Ihrer Mitbewohnerin entwickelt. Sie fühlen sich aber verpflichtet, sich um sie zu kümmern. Doch je mehr Sie das tun, umso mehr könnte sie die Hand nach Ihnen ausstrecken. Auf lange Zeit überfordern Sie sich mit einer solchen umfassenden Betreuung.

So ein Zusammenleben funktioniert nicht, weil Sie sich zu sehr mit dem Alltag und den Gedanken Ihrer Mitbewohnerin beschäftigen. Sie schränken sich ein, trauen sich nicht, die Wohnung zu verlassen. Sie müssen deshalb Konsequenzen ziehen, sonst geraten Sie immer tiefer in diesen Strudel mit rein.

Ich rate Ihnen deshalb, sich langsam aus Ihrer Rolle als Betreuerin zu lösen. Sagen Sie ihr, dass Sie sich verantwortlich fühlen und sich Sorgen machen, aber dass Sie sich nicht um sie kümmern können. Signalisieren Sie ihr aber, dass Sie sie in eine Klinik bringen würden, wenn sie dorthin will oder muss. Ich kenne die Vorgeschichte und die Diagnosen Ihrer Mitbewohnerin nicht, aber habe den Eindruck, dass sie dringend behandelt werden muss.

Fragen Sie Ihre Mitbewohnerin auch, ob Sie Angehörige oder Freunde von ihr kontaktieren sollten. Aber machen Sie das nicht eigenmächtig, dann könnte sich Ihre Mitbewohnerin übergangen fühlen. Unterstützung können Sie sich zudem beim Sozialpsychiatrischen Dienst holen, den es in jeder größeren Stadt gibt. Die Mitarbeiter des Dienstes kommen auch zu Ihnen nach Hause und können nach Ihrer Mitbewohnerin schauen.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Wenn Sie merken, dass Sie sich nicht von Ihrer Rolle als Betreuerin lösen können, dann müssen Sie die WG verlassen. Ihre Mitbewohnerin sollten Sie jedoch nicht dazu bewegen auszuziehen, weil sie psychische Probleme hat."

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