Moderne Lernstätten Mit der Pizza in die Bib

Der Weg ins digitale Zeitalter ist auch für ehrwürdige Bibliotheken unvermeidlich. Weil die Konstanzer Uni-Bib besonders fortschrittlich ist, wurde sie nun zum Primus des Jahres gekürt. Das Hochschulmagazin "duz" zeigt, was Bibliotheken tun müssen, um fit für die Zukunft zu sein.

Anna-Amalia-Bibliothek: Alte Bücherhallen sind schon hübsch, aber nicht mehr zeitgemäß
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Anna-Amalia-Bibliothek: Alte Bücherhallen sind schon hübsch, aber nicht mehr zeitgemäß


Bitte Ruhe! Darauf hinzuweisen war bis vor wenigen Jahren die erste Pflicht im Leben eines Bibliothekars. Als der frühere Direktor der Konstanzer Universitätsbibliothek, Dr. Klaus Franken, vor neun Jahren Getränke an den Arbeitsplätzen zwischen den Regalreihen erlaubte, reagierten manche Kollegen angesichts dieses Sittenverfalls natürlich mit Unverständnis. Denn wer schlürft, der quatscht auch.

Einige Wochen zuvor hatte die Unibibliothek am Bodensee den 24-Stunden-Betrieb eingeführt. Am Eingang stellte sie ein Telefon auf, mit dem Leser nachts das Pizzataxi rufen konnten. Zum Auftakt aßen Rektor und Bibliotheksdirektor um Mitternacht Pizzastücke. Plakative Werbung für einen Ort, an dem so selbstverständlich geflüstert wurde wie sonst nur in der Kirche.

Der Mut, alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen, hat sich gelohnt. In diesem Jahr führen die Konstanzer zum dritten Mal in Folge den Bibliotheksindex (BIX) an. Und am Wochenende nahm die Direktorin Petra Hätscher die Auszeichnung "Bibliothek des Jahres" am "Tag der Bibliotheken 2010" in Empfang.

Die Jury der Zeit-Stiftung zeigte sich begeistert von der "konsequenten Dienstleistungsorientierung". Das ist neben der Rund-um-die-Uhr-Öffnung der freie Zugang zu allen Büchern. Zudem punkteten die Konstanzer mit ihrer digitalen Bibliothek, ihrem eigenen Online-Publikationssystem sowie Schulung und Beratung für Forscher - kurz: ihrer Zukunftsorientierung.

Große Schritte in die digitale Welt

Das ist die wichtigste Botschaft: Die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland haben fünf Jahrhunderte nach dem Tod des Buchdruck-Erfinders Johannes Gutenberg eine Zukunft. Die Unibibliotheken stecken in einem Wandel wie nie zuvor. Was Forscher und Studenten schon immer unter dem Arm aus der Bücherkammer trugen, ist heute mit einem Mausklick von jedem Ort der Welt abrufbar. Es gibt eine ständige Flut neuer Daten. Die Unibibliotheken investieren inzwischen ein Drittel ihres 244 Millionen EuroEtats für Neuerwerbungen in elektronische Publikationen.

Damit schreiten sie mit großen Schritten von der analogen in die digitale Welt. Das bleibt natürlich nicht unbeobachtet. Dutzende Experten passen auf, ob die Bibliotheken in Deutschland die richtige Richtung einschlagen. Der Wissenschaftsrat wird im Januar Empfehlungen zur Forschungsinfrastruktur und den bibliothekarischen Verbundsystemen vorlegen. Und im März wollen 130 Experten der Kommission "Zukunft der Informationsstruktur" ein Gesamtkonzept für die Fachinformationsstruktur in Deutschland vorlegen.

Aus Sicht der Experten ist der erste Schritt in die digitale Welt schon gemacht. In einer ihrer Vorlagen nannte die Kommission "Google & Co" in einem Atemzug mit gedruckter Literatur. Die Experten erklärten, Wikis, Blogs und neue Dienste wie Twitter würden massiv in die Arbeit wissenschaftlicher Gemeinschaften integriert.

In dieser neuen Welt suchen die Unibibliotheken nach ihrem Platz. In Passau antwortet der Direktor der Unibibliothek, Dr. Steffen Wawra, auf die Zukunftsfrage mit dem Begriff der "embedded library". Die Bibliothek müsse viel mehr in die Lebens-, Lern- und Lehrgewohnheiten eingebettet werden, vom Angebot elektronischer Medien bis hin zur Architektur.

Lernen in der "Hybriden Bibliothek"

Die Bibliothek der Uni Konstanz hat deshalb verschiedenen Buchbereichen von Geistes- bis Naturwissenschaften eigene Gruppen im sozialen Netzwerk Facebook gegeben. Die Kollegen der Ludwig-Maximilians-Universität in München erklären den Nutzern ihrer Bibliothek ihre Serviceangebote mit Filmen auf dem Video-Portal "You Tube". Solche Trends zu verschlafen, davor warnt Dr. Frank Simon-Ritz, Direktor der Unibibliothek Weimar: "Es ist für die Bibliotheken die größte Gefahr, dass diese Dinge ohne sie stattfinden." Und damit meint er nicht nur populäre Trends, sondern vor allem das gesamte Angebot an digitaler Information. Ein anderer Trend bringt Simon-Ritz und seine Kollegen allerdings langsam um den Schlaf: Leser strömen in die Unibibliotheken wie lange nicht mehr.

Wegen der intensiven Lernarbeit in den Bachelor-Studiengängen sind Gruppenarbeitsräume gefragt wie nie. Statt Bücher hinaus, tragen Studenten Laptops in die Bibliotheken hinein. Deshalb werden etliche Häuser ausgebaut. Beispiel Freiburg: Hier entsteht bis 2014 für 44 Millionen Euro ein Palast aus Glas und Aluminium.

Und das ist keine Fehlinvestition. Denn als Schnittstelle zwischen den Technologien und den Informationen wird die Unibibliothek weiterhin Menschen anziehen. Bibliothekare werden überall zu "Personal Librarians", zu individuellen Lotsen im Informationsozean. Die Chefin der Unibibliothek Bochum, Dr. Erda Lapp, nennt ihr Haus den "gateway" zum globalen Wissen. "Die Bibliothek muss der Grund sein, warum junge Leute an dem Ort studieren und Wissenschaftler dort lehren und forschen wollen."

Die Datenwelt für Forscher und Studenten im Netz erschließen und zugleich beliebter Arbeitsplatz sein, diese Idee bündelt der Begriff der "Hybriden Bibliothek". Es ist die Idee vom zweiten Leben der Bibliothek nach dem Ende der Vorherrschaft des gedruckten Wortes in der Wissenschaft. "Die moderne Bibliothek als moderner Dienstleister kann und macht (fast) alles", sagt der Direktor der Unibibliothek Wuppertal, Uwe Stadler.

Das zeigt sich schon jetzt an den vielen Baustellen, die sie gleichzeitig bearbeiten muss, um den Weg ins digitale Zeitalter zu schaffen.

Das Magazin "duz" zeigt sieben entscheidende Punkte, an denen Bibliotheken arbeiten müssen, um fit für die Zukunft zu sein:



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insgesamt 10 Beiträge
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Allegorius 26.10.2010
1. Schön!
Es ist schön zu sehen, dass der alte Bibliothekenmief in den Ruhestand geschickt wird. Falsche Ehrfurcht hat manch einen abgeschreckt diese Orte aufzusuchen. Ob nun Pizza um Mitternacht sein muss, bleibt zu diskutieren. Zumindest wird es termingebundenem Arbeiten gerecht.
Burkhard58 26.10.2010
2. Ziemlich krank
Mit Nachtarbeit und Pizza zur Bibliothek des Jahres. Es sollte sich in Kreisen der "Wissenschaft" herumgesprochen haben, dass Nachtarbeit krank macht. Die in der Express-Pizza enthaltenen Analogkäse und Transfettsäuren, tun ein Übriges. Eine 24-Stunden geöffnete Bibliothek dürfte außerdem unwirtschaftlich sein, da die meisten Studenten besseres zu tun haben, als nächtens über Büchern zu hocken. Sie täten jedenfalls gut daran, sich am Tag-Nacht-Rhythmus zu orientieren, damit es nicht schon in den Praktiumsstellen, zum Burn-Out kommt.
Katharina1985 26.10.2010
3. Die Konstanzer Bib- it doesn't get better
Zitat von Burkhard58Mit Nachtarbeit und Pizza zur Bibliothek des Jahres. Es sollte sich in Kreisen der "Wissenschaft" herumgesprochen haben, dass Nachtarbeit krank macht. Die in der Express-Pizza enthaltenen Analogkäse und Transfettsäuren, tun ein Übriges. Eine 24-Stunden geöffnete Bibliothek dürfte außerdem unwirtschaftlich sein, da die meisten Studenten besseres zu tun haben, als nächtens über Büchern zu hocken. Sie täten jedenfalls gut daran, sich am Tag-Nacht-Rhythmus zu orientieren, damit es nicht schon in den Praktiumsstellen, zum Burn-Out kommt.
Als ehemaliger Konstanzer Student glaube ich, mir ein Urteil erlauben zu dürfen. Die Konstanzer Unibib ist wahrlich eine der besten, die Deutschland hat, da habe ich schon ganz anderes gesehen, sowohl hier als auch im Ausland. Die Mitarbeiter sind freundlich und exzellent geschult, der Bestand ist riesig, und wenn mal was nicht da ist, wird es bestellt und ist dann meist sehr schnell vorhanden. Zu dem 24h-Konzept: obwohl ich persönlich kein Nachtarbeiter bin, kenne ich genug Kommilitonen, die das genutzt haben- z.B. vor Prüfungen oder für Gruppenarbeit. Es gibt genug Studenten, die tagsüber noch jobben müssen, und so erst abends zum Lernen kommen. Und was ist die Pizza angeht: machen sie sich mal keine Sorgen, die Unimensa bietet ein recht gutes Abendessen an, und für danach gibts auch Automaten mit Müsliriegel und Co. Wobei von einer Pizza ab und zu noch keiner gestorben ist...
jierdan 26.10.2010
4. Pizza?
Ehrlich gesagt, habe ich in der Konstanzer Bib noch nie jemanden Pizza essen gesehen... Aber die Nachtöffnung ist eine gute Sache. Teilweise sind Abgabefristen so kurz, dass man garnicht anders kann, als nachts zu arbeiten. Wenn jetzt noch das Problem behoben wird, dass manche Fachbereiche seit 2007 keine neuen Zeitschriften mehr anschaffen konnten, hat die Konstanzer Bibliothek den Preis auch verdient.
halbeshemd 26.10.2010
5. Schööön
Ich freue mich sehr über die Auszeichnung der Konstanzer Bibliothek und die Erwähnung selbiger bei SPON. Das letzte Mal, als die Uni Konstanz bei Spiegel online - unverdientermaßen negativ - erwähnt wurde, war im Zusammenhang mit diesen Blödel-Rappern, die der Uni die Schuld für ihr Straucheln gaben. Nachzulesen hier: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,713394,00.html Grüße vom Bodensee, halbeshemd
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