Mohammed-Karikaturen Große Weltpolitik im kleinen Ilmenau

Der Konflikt um die umstrittenen Mohammed-Karikaturen hat jetzt auch die kleine TU Ilmenau in Thüringen erreicht. Dort stellten einige Studenten die Zeichnungen ins Internet - der Meinungsfreiheit zuliebe. Muslimische Kommilitonen sind empört.

Von Christian Werner


Am vergangenen Feitag stellten Studenten der TU Ilmenau Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" ins Internet - auf den privaten Seiten eines studentischen Internet-Portals. Muslimische Studenten baten die Betreiber bislang vergebens darum, diese Karikaturen zu entfernen.

Ilmenauer Diskussion: Áusritt in die Weltpolitik
Christian Werner

Ilmenauer Diskussion: Áusritt in die Weltpolitik

Seither schwelt in Ilmenau, eine überschaubare Uni mit knapp 7000 Studenten, in weniger drastischer Ausformung der gleiche Zwist, der in der großen Weltpolitik islamische Länder und den Westen zu spalten droht. Die muslimischen Studenten empfanden es als besonders provozierend, dass einige Studenten das Passbild ihres persönlichen Portal-Profils mit einer der Karikaturen, mit dänischen Flaggen und "Buy danish"-Sprüchen ersetzten. Ein Student, der alle zwölf Karikaturen online stellte, flankierte seine Aktion mit den Sätzen: "Support free speech, piss off the mullahs! BUY DANISH!"

Fast alle Ilmenauer Studenten haben ein Login für das Portal, um Nachrichten und Bilder online zu stellen oder es als Tagebuch und Forum zu benutzen. Betreiber ist der studentische Verein "Forschungsgemeinschaft elektronische Medien". Dass auf den Seiten teilweise Passbilder ersetzt wurden, findet Yves Steglich vom Verein "schade". Er verweist jedoch auf die Eigenverantwortung jedes Studenten für seine Seite im Portal und sieht deshalb keine Handhabe. Die Diskussion findet er wichtig: "Wenn sie nicht hier geführt wird, dann woanders", so Steglich.

"Als wäre ich Bin Laden"

Bassam Alrifaee, 23-jähriger Informatikstudent an der TU Ilmenau, reagierte als einer der ersten auf die Veröffentlichungen. Der syrische Muslim bat im Portal darum, die Karikaturen zu entfernen, und rief gleichzeitig in seinem Forum zum Diskutieren auf. Einige Studenten nahmen daraufhin die Bilder von ihren Seiten, andere stellten sie erst recht online. Alrifaee fand einige Forumsbeiträge beleidigend: "Manche haben mich behandelt, als wäre ich Bin Laden", so Alrifaee.

Die gewaltsamen Ausschreitungen in islamischen Staaten nennt er "unmoralisch und unislamisch". Obwohl er die Pressefreiheit befürwortet, findet er auch, mit den Veröffentlichungen sei eine Grenze überschritten worden. Alrifaee beruft sich auch auf die Nutzerbedingungen des Portals. Dort steht, dass "pornographische, rassistische, stark offensive und irgendwie abartige Bilder (...) genauso unerwünscht" sind.

TU-Mitarbeiter Maher Al Ibrahim fragt sich, ob die Ilmenauer Studenten aus Dummheit oder Unwissenheit handelten. Der um Integration seiner Landsleute bemühte Al Ibrahim hat keine der Karikaturen angeschaut, ist aber vom Verhalten der TU-Studenten enttäuscht: "Wir tun hier so viel für den Kulturaustausch, und dann kommen ein paar Dummköpfe und zerstören alles."

Sehen, worüber man eigentlich diskutiert

Ganz anders sieht das der Student Jan Vervoorst, der die Karikaturen auf seine Seite im Portal stellte. Er sieht in der Möglichkeit der Veröffentlichung ein Exempel für die Meinungsfreiheit, "weil ich es kann und weil ich es darf". Er habe gewusst, dass er damit womöglich Gefühle verletze, so Vervoorst. Doch habe er auch genug gehabt von einer Diskussion um Dinge, die kaum einer kenne. "Mit der Veröffentlichung auf meiner Seite wollte ich klare Fakten schaffen", erklärt Vervoorst.

Eine Gruppe besorgter Studenten organisierte am Mittwochabend eine Diskussionsrunde an der TU, zu der fast 200 Besucher kamen. Die Organisatoren sehen den akademischen Frieden in Gefahr. Anders die Uni-Leitung: Es gebe keine Anzeichen für Fanatismus, doch Rektor Peter Scharff mahnte, dass alle Studenten und Mitarbeiter bei der Sache "ihren Verstand einsetzen sollen".

Rechtliche Schritte wollen die Betreiber des Portals erst dann einleiten, wenn solche Schritte aus ihrer Sicht strafrechtlich notwendig werden würden. "Also dann, wenn sich jemand persönlich beleidigt fühlt und uns das sagt", so Yves Steglich. Ein muslimischer Student forderte indes, dass sich die Uni-Leitung entschuldigen solle.



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