Morbide Schüler-Scherze Humor in den Zeiten des Terrors

Seit dem 11. September ist bekanntlich alles anders - auch der Teenager-Slang amerikanischer Schüler. Sie flachsen über die New Yorker Attentate bis hart an die Schmerzgrenze: ein Ventil für unterdrückte Ängste, sagen Linguisten und Soziologen.


Schule in New York: Just kidding?
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Schule in New York: Just kidding?

Das Schlafzimmer ist ein fürchterliches Durcheinander? "Ground Zero", fällt US-Schülern dazu ein. Den fiesen Klassenlehrer nennen sie einen "Terroristen", die Maßregelung eines Schülers "totalen djihad". Kommt eine Mitschülerin mit besonders unmodischen Klamotten vorbei, fragen sie schon mal hämisch: "Ist das eine Burka?" Und der Mädchenschwarm aus der Nachbarklasse ist jetzt nicht mehr nur süß, sondern "firefighter cute" - so süß wie ein Feuerwehrmann.

Die Tage der Angst nach dem 11. September haben überall an US-Schulen ihre Spuren hinterlassen, auch im Vokabular der Schüler. Sie würzen ihren Slang mit Anspielungen auf die Attentate, auf Osama Bin Laden und auf den Krieg in Afghanistan. Und manchmal sind die ihre Sprüche hart an der Schmerzgrenze, vor allem für Schüler arabischer Herkunft.

"Meine Freunde rufen mich manchmal beim Spitznamenen 'Terrorist' oder 'Fundamentalist' ", sagte Nabeel Babaa gegenüber der "Washington Post". Der 17-jährige Schüler kommt aus Kuweit und lebt schon lange in den USA. Nabeel findet die Sprüche aber in Ordnung: "Das verletzt mich nicht, weil wir einfach nur herumalbern."

Auch Najwa Awad, ein palästinensisch-amerikanischer Schüler in Fairfax, hält es nicht für weiter schlimm, wenn Mitschüler ihn "Taliban" nennen oder fragen, ob er Anthrax dabei hat. "Der 11. September war so aufreibend, dass man ruhig ein wenig darüber witzeln kann. Das ist doch lustig."

Manche Wissenschaftler sehen das ähnlich. "Wenn Schüler Witze machen, lassen sie Luft ab und fühlen sich stärker verbunden", meint Alan Lipman, Gewaltforscher in Georgetown. "Wenn Jugendliche ihre Tapferkeit zur Schau tragen und sie scheinbar nichts verletzen kann, verbirgt sich dahinter eine gewaltige Angst, dass alles sie verletzen kann." Humor sei die beste Möglichkeit, Schreckensvisionen kleinzukriegen, sagte Lipman gegenüber der "Washington Post".

Grenzen des Humors: Kein Wort über Burkas, wenn Mitschülerinnen sie tragen
DPA

Grenzen des Humors: Kein Wort über Burkas, wenn Mitschülerinnen sie tragen

Die Lehrer machen sich in den USA mehr Sorgen als die Schüler, dass der Teenager-Slang die Grenze zwischen Spaß und Beleidigung überschreiten könnte. Und Wissenschaftler beginne jetzt, den "Terror-Humor" zu erforschen - ein Thema zum Beispiel für die Internationale Gesellschaft für Humorforschung, die diesen Sommer in Italien tagen wird.

"Teenager sind schneller wieder respektlos oder grob und wollen ihre Gefühle nicht unterdrücken", weiß Paul Lewis, Englischprofessor in Boston. Vorsichtiger verhalten sich Schüler allerdings, wenn sie tatsächlich jemanden beleidigen könnten. Auf Witze über Burkas verzichten die meisten etwa an der J.E.B. Stuart High, einer ethnisch bunt gemischten Schule - denn dort gibt es tatsächlich Schülerinnen, die Burkas tragen.

Das hält die Schüler aber nicht davon ab, zum Beispiel Anthrax-Witze zu reißen. Gehen sie mit dem Spott zu weit, müssen sie mit einem passenden Echo rechnen. Ryan Hoskin, 17, kennt den Bumerang-Effekt: Flachst jemand zu wüst über Araber, kommt garantiert ein grober Scherz über die weißen Amokläufer zurück, die vor einigen Monaten ein Massaker an der Columbine High School anrichteten.



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