Münsteraner Krimi-Posse Wilsberg und der zornige Professor

Weil er sich in einem Lokalkrimi verunglimpft fühlt, zieht ein Münsteraner Hochschullehrer vor Gericht. Aus Angst vor einem Karriereknick will er ein Verkaufsverbot des jüngsten Romans aus der "Wilsberg"-Reihe erstreiten. Der Krimi-Autor indes kann darüber nur lachen.

Von Kristina Wahl


Kehrer-Roman "Wilsberg und der tote Professor": Ermittlungen im Uni-Milieu

Kehrer-Roman "Wilsberg und der tote Professor": Ermittlungen im Uni-Milieu

Geheimsprachenforscher Klaus Siewert ist sauer. Im neuesten Roman des Münsteraner Schriftstellers Jürgen Kehrer identifiziert sich der Akademiker ausgerechnet mit dem Antihelden. An Hand weniger markanter Übereinstimmungen sei deutlich zu erkennen, dass er als lebendes Vorbild für den Negativ-Charakter des Werkes gedient habe, sagt der Privatdozent. Er fordert ein Vertriebsverbot des Buches unter Androhung eines Zwangsgeldes von 250.000 Euro. Schriftsteller Kehrer jedoch streitet jeden Zusammenhang zwischen Siewert und seiner Romanfigur ab. Wie Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht miteinander zu vereinbaren sind, soll nun am 23. Januar das Landgericht Münster entscheiden.

Der im Oktober 2002 erschienene Krimi mit dem Titel "Wilsberg und der tote Professor" gehört zur Reihe jener Romane um den Privatdetektiv Wilsberg, die vielen Fernsehzuschauern auch aus den ZDF-Verfilmungen bekannt sein dürften. Wilsbergs jüngste Ermittlungen finden im Uni-Milieu statt: Auf den Fluren der altehrwürdigen Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster stößt der Detektiv auf ein Geflecht von Intrigen und fragwürdigen Beziehungen. Ein Sprachforscher wurde ermordet, und Gründe, ihn ins Jenseits zu befördern, hatten viele: der verstoßene Sohn des Professors, die ausgenutzte Assistentin oder verfeindete Kollegen.

"Ich würde mich erschießen!"

Dozent Siewert sieht auffällige Parallelen zwischen sich und dem verhassten toten Professor: "Die Person ist identifizierbar auf Grund der detaillierten Angaben der wissenschaftlichen Tätigkeit." In der charakterlichen Darstellung erkenne er sich allerdings nicht wieder. "Wenn ich so wäre, würde ich mich selbst erschießen!"

Verfilmte Lokalkrimis: Privatdetektiv Wilsberg im ZDF (Schauspieler Leonard Lansink, l.)
Booß / Grafit

Verfilmte Lokalkrimis: Privatdetektiv Wilsberg im ZDF (Schauspieler Leonard Lansink, l.)

Grund zur Klage bieten dem aufgebrachten Privatdozenten vor allem der reale Schauplatz des Instituts für Sondersprachen und der Forschungsbereich Masematte, eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts in und um Münster entstandene Art Geheimsprache von Arbeitern und Vagabunden. Während Siewert umfangreich zum Thema Masematte publiziert hat, ist der alte Code auch das Steckenpferd des unliebsamen Akademikers in Kehrers Roman. Sogar aus einem Siewert-Buch zitiert haben soll der Autor.

Der Hochschullehrer, der 1998 habilitierte und zur Zeit eine Professur in Darmstadt vertritt, bangt um seinen Ruf. Zunächst habe ihn die Lektüre des überzeichneten Buches ja selbst amüsiert. Doch allzu zahlreich seien die Anrufe von Freunden und Kollegen gewesen, die ihm alle rieten, sich zur Wehr zu setzen. "Das ist gefährlich für mein soziales Umfeld", sagt Siewert. Gerade befinde er sich mitten in einigen Bewerbungsverfahren um Professuren deutschlandweit und fürchte um die Konsequenzen für seine akademische Zukunft.

Einen "persönlichen Rachefeldzug" vermutet er gar. "Ich habe den Kehrer einmal persönlich kennen gelernt", und von beiden Seiten sei eine deutliche Antipathie zu spüren gewesen. Und der findige Sprachforscher, ganz in seinem Element, kann auch einen passenden Ausspruch des Detektiven Wilsberg als Beweis anführen: "Ich mochte Prof. Kaiser nicht, obwohl ich ihn kaum kannte."

Das Motiv des Autors ist Siewert natürlich auch bekannt: Vor einigen Jahren habe er als Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprachen in Münster eine Vortragsreihe über Literaten in Münster organisiert. Kehrer, dessen literarische Größe er nicht anerkenne, wollte er damals nicht dabei haben. Der Autor habe ihm dies wohl nie verziehen und rechne nun mit ihm ab.

Rein fiktive Figur?

Siewert will es nicht auf sich sitzen lassen, nun mit dem "Arschgesicht", wie der Ermordete im Buch bezeichnet wird, gleichgesetzt zu werden. Denn: "Ich habe so viele Bücher gelesen, ein solcher Antiheld ist mir noch nie begegnet." Dabei hasse er den Kehrer nicht mal: "Was mich betroffen macht, ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die so etwas machen. Damit kann man Leute mit schwachen Nerven töten!"

Autor Kehrer: "Für einen Schlüsselroman reicht es ganz bestimmt nicht"
Matthias Zölle

Autor Kehrer: "Für einen Schlüsselroman reicht es ganz bestimmt nicht"

Obwohl als Krimiautor zumindest gedanklich mit Mord und Totschlag vertraut, hat Jürgen Kehrer dies nun ganz sicher nicht gewollt: "Es ist eine rein fiktive Figur, die allein meiner Phantasie entsprungen ist. Ich kann die Klage nicht verstehen." Ein wenig muss er aber doch über die Anschuldigungen Siewerts schmunzeln. Mancher Zeitgenosse nehme sich eben besonders wichtig, sagt er.

Dass sich in seinen Werken detaillierte Beschreibungen der Schauplätze befänden, sei indes nichts Neues. "Bücher mit Lokalkolorit leben schließlich vom Wiedererkennungswert." Kehrer wollte seinen neuesten Kriminalfall im Uni-Milieu spielen lassen. Weil er sich aber mit Quantenphysik wirklich überhaupt nicht auskenne, sei er auf der Suche nach einem geeigneten Thema der Hochschulforschung schließlich auf die Geheimsprachen gestoßen. Da lag nah, sich die Münsteraner Sondersprache Masematte auszusuchen, mit der sich im Buch übrigens neben dem unliebsamen Mordopfer noch zwei andere Wissenschaftler beschäftigen.

Vor Gericht wird es knifflig

"Warum sich Herr Dr. Siewert ausgerechnet mit dem Professor identifiziert, weiß ich nicht. Wenn überhaupt, weist er eigentlich viel mehr Gemeinsamkeiten mit einem seiner Assistenten auf", so Kehrer. Auch dabei, ein von dem Sprachwissenschaftler herausgegebenes Buch zur Recherche zu verwenden, habe er sich nun wirklich nichts gedacht.

An das Treffen mit Siewert kann sich Kehrer nur noch vage erinnern. Bei einem Weihnachtsessen des Waxmann-Verlages, bei dem sowohl Kehrer als auch Siewert Bücher veröffentlicht haben, seien sie sich wohl begegnet. "Wir sind ja quasi Kollegen. Herr Dr. Siewert ist mir aber weder negativ noch positiv aufgefallen - für einen Schlüsselroman jedenfalls reicht es ganz bestimmt nicht."

Für den Schriftsteller ist die Klage allerdings auch nicht die erste ihrer Art. Bereits 1991 fühlte sich ein Münsteraner Discotheken-Besitzer in Kehrers zweitem Krimi "In alter Freundschaft" diffamiert. Der ehemalige Bassist von Udo Lindenberg und Peter Maffay glaubte, sich in der Person eines Kinderpornohändlers und Geiselgangsters wieder zu erkennen. Das Landgericht Münster verwies jedoch auf die gesetzlich garantierte Freiheit der Kunst und sah das Persönlichkeitsrecht des Klägers durch die Phantasiefigur Kehrers nicht eingeschränkt.

Für den Musiker eine peinliche Niederlage, für Kehrer eine unbezahlbare Gratiswerbung. Freuen dürfte sich über die erneute Provinzposse auf jeden Fall auch diesmal der Grafit-Verlag, der Kehrers Bücher verlegt. Die Erstauflage des ermordeten Professors ist ohnehin bereits zu 85 Prozent ausverkauft.



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