Muff von 1000 Jahren Mit Volldampf in die Vergangenheit

An der Freien Universität Berlin werden Rituale wieder belebt, die seit der Studentenrevolte als überholt galten. Der neue Rektor Dieter Lenzen schmückt sich mit der goldenen Amtskette - ein Zeichen professoraler Macht. Was Alt-68er in Wallung bringt, lässt die Studenten eher kalt.

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Amtskette (in Leipzig): Symbol für überkommene Tradition
DDP

Amtskette (in Leipzig): Symbol für überkommene Tradition

Berlin - Sie waren die Symbole für Hierarchie und autoritäre Strukturen an deutschen Universitäten - der Talar und die Amtskette. "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren", skandierten protestierende Studenten Ende der sechziger Jahre und forderten mehr Demokratie an ihren Unis. Nicht an allen, aber doch an einigen westdeutschen Unis wurden Talar und Amtskette seitdem in den hintersten Schrank verbannt und dafür Studentenparlamente gegründet.

Jetzt sorgen die längst vergessenen Insignien der akademischen Macht wieder für Aufruhr - und das ausgerechnet an der Berliner Freien Universität, die seit den siebziger Jahren als eher links-liberale Uni bekannt ist. Der scheidende Präsident Peter Gaehtgens hatte sich "freimütig" dazu bekannt, dass eine Amtskette nicht nur in den Safe gehöre. Und sie prompt seinem Nachfolger Dieter Lenzen bei der feierlichen Übergabe des Präsidentenamtes um den Hals gehängt.

Insignien akademischer Allmacht

Das hatte es seit der Studentenbewegung von 1968 nicht mehr gegeben. Denn die traditionelle Amtsübergabe wurde 1969 von dem ehemaligen Präsidenten Rolf Kreibich und seinem Vize Uwe Wesel abgeschafft. Und Talar und Amtskette wanderten als Kennzeichen professoraler Macht für viele Jahre ins Archiv.

Hamburger Uni (1967): Das Muff-Plakat wurde zum Symbol der Studentenbewegung
DPA

Hamburger Uni (1967): Das Muff-Plakat wurde zum Symbol der Studentenbewegung

Der neue Uni-Präsident hatte die Kette eigentlich nur in die Hand nehmen wollen, um eine "leicht clowneske Form" der Übergabe zu verhindern. Denn ihm ist der Symbolgehalt, der in der feierlichen Übergabe steckt, durchaus bewusst - und gerade deshalb schätzt er die goldene Kette. Sie wurde 1948 zur feierlichen Gründung der Universität geprägt und trägt drei Begriffe: Veritas, iustitia, libertas - Wahrheit, Recht und Freiheit. "Drei Begriffe, die uns wichtig sind", sagt Lenzen.

Weniger Verständnis für die letzte Amtshandlung seines Ex-Präsidenten bringt Peter Grottian auf. Der Politikwissenschaftler des Otto-Suhr-Institutes hält die Amtsübergabe mit Amtskette für einen "demonstrativen Akt", der zeige, dass konservative Strömungen an der Universität wieder unterstützt würden: "Die Amtskette ist hochschulpolitisch belegt. Sie jetzt anzulegen will einen bewussten Gegenpol zu den Alt-68ern schaffen."

Und die Studenten? Sie grinsen

Was die Kämpfer von einst empört, lässt die Studenten von heute eher kalt. "Das ist kein großes Thema bei uns gewesen", sagt Christian Wohlrabe, Landesvorsitzender des Rings Christlicher Studenten (RCDS) in Berlin und Brandenburg. Er gibt sich pragmatisch: "Ich finde die ritualisierte Übergabezeremonie dem Amt angemessen. Und grundsätzlich ist es ja nicht verwerflich, Traditionen mal wieder aufleben zu lassen." Aber trotzdem sei klar, dass die Strukturen heute andere seien und man nicht zu den alten Strukturen zurück wolle.

30 Jahre später: Detlev Albers (l.) und Gert Hinnerk Behmler, die einstigen Rebellen, in der Hamburger Uni
DPA

30 Jahre später: Detlev Albers (l.) und Gert Hinnerk Behmler, die einstigen Rebellen, in der Hamburger Uni

Auch Heiner Fechner lächelt über den bizarren Streit in Berlin. "Wir halten das Gehabe generell für albern", sagt der Sprecher des Freien Zusammenschlusses von Studentinnenschaften (fzs) und meint damit auch die Anrede mit "Magnifizenz", die es vor allem an ostdeutschen Universitäten wieder gibt. "Das passt doch überhaupt nicht mit dem Auftreten der Hochschulrektoren zusammen, die sich sonst eher als Manager gerieren".

Vor allem aber schüttelt Fechner den Kopf über die Diskussion. Denn: "Wir haben im Moment doch wirklich andere und wichtigere Probleme an den deutschen Hochschulen."

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