Jungs-Band Trümmer Wohin mit dem Hass?

Bitte rebellieren Sie jetzt: Die Band Trümmer vermisst bei ihren Altersgenossen die Lust am Aufruhr. Schließlich läuft ja so einiges schief.

TRÜMMER / [PIAS)

Von André Boße


"Haltet bloß nicht eure Klappe!" Paul Pötsch regt sich mal wieder auf. Er sitzt im Backstageraum des Kölner Klubs King Georg, in dem er gleich auf die Bühne muss, und schimpft über diese fürchterlichen und nicht ganz ernst gemeinten "Neunzigerjahre-Trash-Partys", die derzeit überall in Deutschland stattfinden und sich an Menschen zwischen 20 und 40 richten.

Er selbst ist zwar nie zu Gast auf solchen Veranstaltungen und war in den Neunzigern noch mit dem Dreirad unterwegs, aber egal. Er findet es prinzipiell einfach daneben, wenn man mit umgedrehtem Baseball-Cap und bei billigen Cocktails zu Songs von Blümchen, Scooter oder Mr. President tanzt. Oder zu Dr. Albans Song "It's my life", den er besonders verabscheut.

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Trümmer-Geräusche: Da läuft einiges schief

Pötsch, 21, ist der Sänger und Gitarrist der Hamburger Band "Trümmer" und entwickelt sich gerade zu einer wichtigen Figur der alternativen deutschen Musikszene. Seine wütende Tirade gegen die Neunziger-Partys ist nur eine von vielen, die noch folgen werden an diesem kalten Novemberabend in Köln, aber sie zeigt exemplarisch, was ihn und die beiden anderen Trümmer-Mitglieder Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) ausmacht: Die drei sind durchaus für einen Witz zu haben, aber mit der Ironie haben sie es nicht so, und sie können es auch nicht ertragen, wenn Musik immer nur ausschließlich Spaß machen soll.

Zuschauer sollen "in Aufruhr" geraten

Pötsch, ein hagerer Typ mit rötlichen Haaren, der wie der kleine Bruder von Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer aussieht, will den Leuten nicht nur gefallen und sie zum Tanzen animieren: Er will sie ernsthaft wachrütteln, politisieren, am besten "in Aufruhr" versetzen.

Er und seine Bandkollegen wissen, dass das nicht einfach wird, was auch daran liegt, dass Deutschlands Studenten offenbar immer unpolitischer werden und sich laut einer neuen Studie des Meinungsforschungsinstituts Infratest (SPIEGEL 44/2014) nur noch die Hälfte von ihnen dafür interessiert, was im Bundestag oder anderen Gremien so beschlossen wird. Dafür ist laut der Untersuchung anderes wichtig geworden im Laufe des vergangenen Jahrzehnts, zum Beispiel Karriere machen oder "schöne Dinge besitzen".

Trotzdem - oder gerade deswegen - haben die Jungs von Trümmer nun als Debütalbum eine konsequente Protestplatte vorgelegt, wie es sie Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger zuhauf gab, aber heute nur noch selten. Darauf sind Songs gegen ein System, das den jungen Menschen vorgaukelt, dass einzig Karriere und Konsum dem Leben Sinn geben. Aber auch selbstkritische Lieder gegen die eigene Generation und das eigene Ich. "If you want to fight the system, you have to fight yourself", lautet die Kernzeile aus dem Song "1000. Kippe".

Tanzbare Songs an den Bruchstellen des Systems

Das Trümmer-Album kam im Sommer raus, die Tour war lang und erfolgreich; einige Städte standen sogar mehrmals auf dem Plan, weil die Nachfrage so groß war. Auch der Gig in Köln ist mal wieder ausverkauft, und Pötsch hofft, dass die Menschen nicht nur deswegen gekommen sind, weil die Trümmer-Songs tanzbar sind und ins Ohr gehen. Sondern auch wegen der Texte, die es dem Hörer nicht immer einfach machen, weil er es verdammt ernst meint mit ihnen. "Ich lege Wunden offen, fordere mich und die anderen heraus."

Die Trümmer-Botschaft lautet: "Verkriecht euch nicht, zieht euch nicht zurück, haltet bloß nicht eure Klappe!" Es wäre leichter, einfach gegen das Böse anzusingen. Gegen gierige Banken und Neonazis, verlogene Politiker und Scheinheilige. Doch das wäre erstens langweilig und zweitens ohne große Wirkung. Die Mächtigen ändern sich nicht, nur weil eine junge Band aus Hamburg das so will. "Der effektivste Hebel, über den ich verfüge, ist die Arbeit an mir selbst", sagt Pötsch. Nur wer sich selbst erkennt, erkennt auch die Schwächen des Systems und seine Bruchstellen.

Was ihn so nervt an dieser Gesellschaft, hat Pötsch vor einiger Zeit auch während eines kurzen Gastspiels an der Universität festgestellt. Er hatte sich nach dem Abi für Philosophie eingeschrieben, ein Fach ohne Karriereausrichtung, und so wurde immer wieder die gleiche Frage gestellt: "Was willste denn damit werden?" Na, ein klügerer Mensch vielleicht? Dass diese Antwort kaum jemandem reichte, dass die Erwerbung von Wissen also gering geschätzt wurde, brachte ihn ins Grübeln - und schließlich dazu, die Band zu gründen. "Denn hier kann ich sein - sogar ziemlich klug", sagt er.

"Diese Generation ist wie eine Bombe, die nicht zündet"

Pötsch ging ein Risiko ein, er tat etwas, was heutzutage "eher ungewöhnlich" sei, wie Trümmer-Bassist Kasper glaubt. Viele Studenten und Berufsanfänger machten es sich doch am liebsten in den eigenen vier Wänden gemütlich, ausgestattet mit den schönen Dingen, die man sich leisten kann, mit Plasma-TV und Breitband-Internet, Spielekonsolen und Apple-Computer, finanziert von einem Job, den man nicht gern tut, den man aber auch nicht aufgibt, weil er einen absichert, denn: Wer weiß schon, ob man was Besseres bekommt?

"Dieser Rückzug ist erklärbar", sagt Pötsch. "Aber er ist komplett falsch!" Warum eigentlich? Nun muss sich der Sänger, der auch schon Theater gespielt hat, erst einmal sammeln. Eben noch lag er auf der Couch im Backstage-Raum und löffelte dabei eine Tomatensuppe, jetzt brodelt es in ihm. "Das ist so offensichtlich, dass es mir schwerfällt, es zu begründen." Er streicht sich ein paarmal fast wütend durchs Haar, dann legt er los.

"Wir leben doch nicht nur im eigenen Wohnzimmer. Wir leben in einer Gesellschaft. Und Gesellschaft hat etwas mit Anteilnahme zu tun, mit Interesse und mit Teilhabe, die man ausüben kann, um etwas zu verbessern." Es gebe viele Länder auf der Welt, in der die Menschen für diese Teilhabe kämpften. Sie gingen auf die Straße, riskierten ihr Leben. "In Deutschland verzichten immer mehr Menschen freiwillig darauf, Anteil zu nehmen. Gerade auch die jungen Leute - und dabei wissen doch eigentlich alle, dass gesellschaftlich einiges schiefläuft." Es sei doch "verdammt noch mal" allen klar, dass es überall im Lande Armut gebe, dass nicht alle die gleichen Chancen hätten und dass einige Minderheiten noch immer diskriminiert würden. Doch geschehe etwas? Im Song "Papillon" singt Pötsch: "Diese Generation ist wie eine Bombe, die nicht zündet."

Bekennende Weltverbesserer

Dass viele junge Menschen lieber ihre Biografien optimieren, als sich mit der Weltverbesserung zu beschäftigen, regt die Musiker von Trümmer auf. Aber sie verstehen schon, warum das so ist: Ihre Generation sei Opfer einer Art Entpolitisierung geworden, die Hochschule würde nur noch zu Strebsamkeit und Karrierebewusstsein erziehen.

"Das humboldtsche Bildungsideal, nach dem die Uni junge Menschen zu autonomen Individuen machen soll, spielt eben keine Rolle mehr", sagt Pötsch. "Heute geht es darum, den Absolventen darauf vorzubereiten, möglichst viel Geld zu verdienen. Und damit er während des Studiums auf keine anderen Gedanken kommt, baut man mittels Prüfungen und Verschulung möglichst viel Druck auf, unter dem er dann leidet."

Für Kasper ist das ein "Leben im Hamsterrad, man trampelt und trampelt und erliegt der Illusion, voranzukommen. Dabei dreht sich in einem minimal kleinen Raum alles nur um einen selbst".

Er und Pötsch wollen nicht in diese Falle tappen, und sie werden mit ihrer Musik hart daran arbeiten, dass auch andere es nicht tun. Deswegen müssen sie auch jetzt da raus, auf die Bühne, wo die Menschen schon warten. Junge Männer und Frauen, die sich heute für unbequeme Texte entschieden haben - und gegen irgendeine Neunzigerjahre-Trash-Party, die ganz sicher auch noch irgendwo in der Stadt stattfindet.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
peter_gurt 01.01.2015
1. Werde erstmal erwachsen Junge!
Mehr ist dazu nicht zu sagen. Heirate, bekomme Kinder und dann reden wir nochmal.
trashmagfan 01.01.2015
2. langweilige Musik
bei dem Song bleibt die Euphorie wohl eher aus. Nach seinen Tiraden hab ich was cooleres erwartet.
Blindleistungsträger 01.01.2015
3. Diese Generation ist wie eine Bombe, die nicht zündet.
ZITAT: "Diese Generation ist wie eine Bombe, die nicht zündet." Ja, ich finde auch, Generation Blindgänger klingt viel aussagekräftiger als Generation Y.
diskretes Kontinuum 01.01.2015
4.
Zitat von peter_gurtMehr ist dazu nicht zu sagen. Heirate, bekomme Kinder und dann reden wir nochmal.
"He, junges Volk, was soll denn das? Und leistet ihr doch erst mal was! Ihr werdet auch noch mal gescheit. Das bringt die Zeit..."
Jo Ghurt 01.01.2015
5. Die 90er
Wer in den 90ern noch Dreirad gefahren ist, kann natürlich nichts mit diesen ach so schlimmen Trash-Partys anfangen. Für die anderen ist es eine schöne Erinnerung an eine Zeit, in der der Radio-Mainstream wesentlich besser zu ertragen war als heutzutage. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Entpolitisierung und Gleichgültigkeit bei jungen Menschen ein Problem ist. Aber deshalb alle Spaßveranstaltungen verdammen? Sicher der falsche Weg.
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