Musiker Thees Uhlmann "Pädagogik-Seminare waren schrecklich"

Lehrer werden, das war der Plan von Thees Uhlmann. Doch die Uni wurde nicht seine Welt, Professoren wie Studenten nervten ihn. Also brach der Sänger und Gitarrist das Studium ab, konzentrierte sich ganz auf die Hamburger Band Tomte und sagte seinen Eltern: Sorry, euer Geld war in den Sand gesetzt.


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Musikerstudent Thees Uhlmann: "Einfach eine höllische Uni"
Thees Uhlmann ist Gründungsmitglied, Sänger und Gitarrist der Band Tomte. Er wurde 1974 im niedersächsischen Städtchen Hemmoor nahe Cuxhaven geboren. Sein Abitur machte er 1993 und studierte danach Politik und Englisch auf Lehramt in Köln, ab 1998 dann Politik, Englisch und Pädagogik in Hamburg. 2000 brach er sein Studium ab.

"Bei phantastischen Dozenten begreifst du in einem Monat, die Welt anders zu sehen. Jemand Schlaues erzählt dir was, du sitzt da und denkst: Ach, stimmt, so ist das! Wahnsinn! Du gehst zur Uni und wirst schlauer - das ist klasse: Wissen zu akkumulieren und zu versuchen, deine Meinung von der Welt durch Wissen noch reicher zu machen.

Eigentlich wollte ich Lehrer werden. Meine Eltern waren beide Lehrer, von ihnen habe ich gelernt, wie es ist, Lehrer zu sein. Für mich ist das ein fairer, guter und wichtiger Beruf. Deswegen habe ich in Köln Politik und Englisch auf Lehramt studiert. Für Politik musste ich eine Matheprüfung bestehen. Das habe ich dreimal versucht, mit viel Lernen, die ganzen Semesterferien durch, aber nie geschafft.

Nach zwei Jahren wechselte ich nach Hamburg - und es wurde noch schlimmer. Bei der Bewerbung machte ich so viel falsch, dass ich dreimal nicht reinkam. Irgendwo setzte ich ein Häkchen falsch. Diese Behördenprobleme ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

Der Referate-Marathon als Vorhölle

Um mich in Hamburg über Wasser zu halten, arbeitete ich ein Jahr bei einem privaten Altenpflegedienst. Die fragten mich, ob ich auch schwarz arbeiten kann. Ich sagte ja. Es machte großen Spaß, war aber ganz schön dirty - illegaler geht's kaum. Irgendwann war mir das zu heiß. Ich machte dann andere Jobs. Zu der Zeit hatte ich keine Krankenversicherung und brauchte das ganze Geld zum Leben.

Als ich endlich in Hamburg an der Uni eingeschrieben war, war ich schnell komplett desillusioniert: volle Seminare, uninteressierte Professoren, unreife Studenten - für mich einfach eine höllische Uni. In der ersten Sitzung ging es schon los: 'Okay, Scheine werden durch Referat vergeben. Ich reiche mal die Themen rum, wer will ein Referat machen? Nächste Woche müsst ihr es nicht so gut machen, ist ja das erste Referat.' Kann der Dozent mir nicht zuerst etwas erzählen, bevor ich selber was mache? Das ist überhaupt kein Style.

Pädagogik-Seminare waren schrecklich: Ich sah gleich, welche angehenden Lehrer später von den Schülern zerquetscht werden. Wirklich wahnsinnig machten mich aber Studenten im Politikseminar, die ihr Studium mit einem Treffen ihrer Politgruppe verwechselten. Der Typ da vorn soll erzählen, welche Lösung er für die die Probleme in der dritten Welt sieht, weil er sich damit auskennt. Und die Linken erzählen vom Klassenkampf. Vielleicht haben sie recht, aber ich will hier studieren und nicht deren Meinung hören. Genauso die FDP-Typen, die sagen: Wir brauchen doch nur einen freien Markt. Das interessiert mich nicht.

Meine Eltern sagten: Dummkopf - wenn was ist, komm zu uns

Aber ich war auch ein schlechter Student. Die guten Studenten machten mich wahnsinnig, weil ich an ihnen mein Scheitern merkte. Ich habe es halt nicht geschafft. Auf der anderen Seite war die Band die Flamme in meinem Herzen, die ich gespürt habe. Also brach ich das Studium ab.

Wenn du 500 Mark im Monat bekommst für etwas, das du nicht einhalten kannst, ist das per se mies. Ich habe dann den Gang nach Canossa gemacht, zu meinen Eltern: 'Vielen Dank für das ganze Geld, was ihr in mich investiert habt, aber das ist leider in den Sand gesetzt.' Dummkopf, sagten sie, hoffentlich geht das gut - wenn irgendwas ist, komm zu uns. Ich glaube, ich hätte wesentlich aggressiver reagiert.

Damals war Tomte noch nicht so bekannt, dass sie das irgendwie gut finden konnten. Heute sind sie aber schon stolz. Eine Band wie Tomte hätte auch keinen Erfolg, wenn die Leute denken: Der Typ, dieser coole Sänger, zieht noch sein Pädagogik-Studium durch. Das wussten die Leute nicht, aber das riechen sie auf der Bühne.

Ich kann gar nicht anders. Ich bin immer noch genauso wie früher und kann mich nicht in Systeme einflechten. Aber mir hat auch meine Rolle selbstgerecht gefallen: Ich war der abgefuckte Loner, dem alles auf den Sack ging."

Aufgezeichnet von Jan Hauser



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Seite 1
AKI CHIBA 16.02.2010
1. Wer ist begabt - und wer nicht?
Zitat von sysopLehrer werden, das war der Plan von Thees Uhlmann. Doch die Uni wurde nicht seine Welt, Professoren wie Studenten nervten ihn. Also brach der Sänger und Gitarrist das Studium ab, konzentrierte sich ganz auf die Hamburger Band Tomte und sagte seinen Eltern: Sorry, euer Geld war in den Sand gesetzt. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,678071,00.html
Der "Loner" hat eine granatenmäßig gute Bemerkung losgelassen: Er habe sofort gemerkt, welche Typen dereinst von den Schülern zerquetscht werden. Zu viele geraten in die Profession Lehrer ohne die Begabung dafür zu haben. Schad drum, dass der "Loner" mit Mathe nicht klar kam. Wahrscheinlich wäre er ein "Guter" geworden. Natürlich gilt es zu studieren - ein wenig "Deutsch" z.B. hätte ihm durchaus gut getan. Aber es ist halt so: Entweder du hast es oder nicht! Lehrer werden zum Zwecke der Existenzsicherung ist ein Weg ins Abseits. Es macht keine Freude mitzuerleben, wie viele Kollegen sich in eine aussichtslose Lage manövrieren und schlicht krank werden, weil sie "es" eben nicht haben. Frage an "Loner": Wer kann denn erfühlen und damit auch richtig auswählen, welcher Bewerber der Richtige ist? Es müssten ja Leute sein, die "es" selber haben - im Bauch. Pädagogikprofessoren wie "Loner" sie erfühlt hat - nicht.
PeteLustig, 16.02.2010
2. Tja...
Zitat von AKI CHIBADer "Loner" hat eine granatenmäßig gute Bemerkung losgelassen: Er habe sofort gemerkt, welche Typen dereinst von den Schülern zerquetscht werden. Zu viele geraten in die Profession Lehrer ohne die Begabung dafür zu haben. Schad drum, dass der "Loner" mit Mathe nicht klar kam. Wahrscheinlich wäre er ein "Guter" geworden. Natürlich gilt es zu studieren - ein wenig "Deutsch" z.B. hätte ihm durchaus gut getan. Aber es ist halt so: Entweder du hast es oder nicht! Lehrer werden zum Zwecke der Existenzsicherung ist ein Weg ins Abseits. Es macht keine Freude mitzuerleben, wie viele Kollegen sich in eine aussichtslose Lage manövrieren und schlicht krank werden, weil sie "es" eben nicht haben. Frage an "Loner": Wer kann denn erfühlen und damit auch richtig auswählen, welcher Bewerber der Richtige ist? Es müssten ja Leute sein, die "es" selber haben - im Bauch. Pädagogikprofessoren wie "Loner" sie erfühlt hat - nicht.
Firmen selektieren mittels simpler Vorstellungsgespräche auf dem (Zeugnis)Papier hochbegabte jedoch in der Praxis erfahrungsgemäß ungeeignete Kandidaten heraus. Durchlaufen Lehramts-Anwärter einen ähnlichen Test? Ich habe keine Ahnung. Erzählen Sie mal :) Der "Loner" zeigte mangelndes mathematisches Talent, bewies jedoch Risikobereitschaft. Und was noch viel wichtiger ist: Scheinbar ist ihm ein gewisses Maß an Selbstkritik/Realismus/Konsequenz eigen, das viele seiner Kommilitonen vermissen lassen. Gestalten, die von keiner fortführenden Instanz aus dem laufenden Studium herausgenommen werden konnten (Der breitschultrige Security, der dem wankenden Kneipenbesucher mit den Worten "Ich glaube, du hast genug. Wäre in unserem beiderseitigen Interesse besser, wenn du jetzt gehst" wohlwollend auf die Schulter klopft und hinaus in den regnerischen Abend begleitet...), erlebte wohl jeder Schüler.
AKI CHIBA 16.02.2010
3. Lobeslied auf Lustig
Zitat von PeteLustigFirmen selektieren mittels simpler Vorstellungsgespräche auf dem (Zeugnis)Papier hochbegabte jedoch in der Praxis erfahrungsgemäß ungeeignete Kandidaten heraus. Durchlaufen Lehramts-Anwärter einen ähnlichen Test? Ich habe keine Ahnung. Erzählen Sie mal :) Der "Loner" zeigte mangelndes mathematisches Talent, bewies jedoch Risikobereitschaft. Und was noch viel wichtiger ist: Scheinbar ist ihm ein gewisses Maß an Selbstkritik/Realismus/Konsequenz eigen, das viele seiner Kommilitonen vermissen lassen. Gestalten, die von keiner fortführenden Instanz aus dem laufenden Studium herausgenommen werden konnten (Der breitschultrige Security, der dem wankenden Kneipenbesucher mit den Worten "Ich glaube, du hast genug. Wäre in unserem beiderseitigen Interesse besser, wenn du jetzt gehst" wohlwollend auf die Schulter klopft und hinaus in den regnerischen Abend begleitet...), erlebte wohl jeder Schüler.
Lustig sama! Das mit der Risikobereitschaft isses! Das gehört zu einem guten Lehrer. Sie blicken weit tiefer in das Metier als Sie hier zugeben und das mit Humor. Ich brauche Ihnen also nicht verraten, dass angehende Lehrer auch nicht auf den von Ihnen erkannten und notwendigen Realismus "getestet" werden. Man lässt sie passieren und sie können dann auch nicht die Konsequenz entwickeln, den Weg ins Verhängnis durch eine andere Berufswahl zu vermeiden . Wichtiger ist es "Loyalität" (was immer das sein mag) zu präsentieren und auch lernen, wie man Seilschaften bildet und... Sie wissen schon, was ich sagen will.
Mathe-Freak, 16.02.2010
4. ...
Ist halt überall das gleiche mit der Lehrerausbildung. Kenne das auch nicht großartig anders. Langweilige Pädagogikvorlesungen, vorgeschriebene politische Meinung und Kommilitonen wo man sich sagt, meine Kinder sollen nicht von denen Unterrichtet werden. Lösen lässt sich das Problem auch nicht, ist halt kein Traumjob und wenn man mit den Bachelorsystem noch Probleme hat die wunsch Schulart zu besuchen drückt das noch mehr fähige Bewerber.
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