Mysteriöser Aktenschwund 110 Klausuranmeldungen sind futsch

In Köln hat das Staatliche Prüfungsamt die Formulare für eine Klausur verschlampt, zu der 110 Lehramt-Studenten Anfang Dezember antreten sollten. Shocking, finden die Examenskandidaten. Ein Sachbearbeiter hat jetzt Hausverbot.

Von Volker Eschenbach


Mehr als 100 angehenden Lehrerinnen und Lehrern an der Universität Köln plumpste Mitte der Woche unangenehme Post in die Briefkästen. Ihre für den 9. Dezember angesetzte Klausurprüfung müsse leider ausfallen, schrieb das Landesprüfungsamt für Lehrämter: "Leider sind zurzeit ihre Meldeunterlagen im Sachgebiet des ehemaligen Aushilfsangestellten W. unauffindbar. Es wird Monate dauern, einen korrekten Überblick zu bekommen." Konsequenz: Frühestens Mitte Januar gebe es einen neuen Termin für eine Nachholprüfung.

Uni Köln: Hups, wo sind bloß die Akten?
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"Jetzt muss ich mein komplettes Zeitmanagement umstellen", klagte Tijana Sladacovic. Die 24-Jährige steckt mitten im Examen und entsprechend unter Druck. "Im Moment bin ich so gestresst, dass ich wahrscheinlich eine Prüfung absagen werde, und damit wäre das Studium für mich ein Semester länger", erklärte sie der Kölner Zeitung "Express".

Zöge sich ihr Studium tatsächlich so lange hin, wären möglicherweise auch Studiengebühren fällig, die sie sonst nicht bezahlen müsste. Nordrhein-Westfalens Studienanfänger mussten schon fürs Wintersemester 500 Euro überweisen, allen anderen Studenten langt die Landesregierung zum kommenden Sommersemester in die Taschen.

Im Prüfungsamt wird die folgenschwere Panne derzeit untersucht. Aushilfs-Sachbearbeiter W., offiziell Angestellter der Kölner Bezirksregierung, hat bereits Hausverbot erteilt bekommen. Außerdem hat das Prüfungsamt arbeitsrechtliche Schritte eingeleitet. Was der Mann mit den 110 Akten gemacht hat, ist bisher allerdings noch völlig unklar. Für die Studenten ein Rätsel: Landeten die Anmeldungen im Altpapier? Hat der Sachbearbeiter das Aktenbrikett im Kamin verfeuert? Sabotierte er gar die Klausuren aus Hass auf Examenskandidaten?

Die Behörden sputen sich

Man weiß es nicht. Studentenvertreter und Uni-Mitarbeiter halten ihren Ärger auf das Prüfungsamt nicht zurück. "Es kann ja wohl nicht sein, dass jetzt die Leute ein Semester verlieren", schimpft Daniel Weber vom Kölner Asta. Und Uni-Sprecher Patrick Honecker zeigte sich ebenfalls "richtig sauer: Die Leute haben natürlich ein Recht darauf, dass sie ihr Studium ordentlich und in der vorgesehenen Zeit beenden können."

Ein Fall für die " Geld-zurück-Garantie", die das neue NRW-Hochschulgesetz - jedenfalls theoretisch - für gebührenzahlende Studenten vorsieht, wird die Kölner Aktenschlamperei wohl trotzdem nicht. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE haben das Staatliche Prüfungsamt und das zuständige Schulministerium bei einer Krisensitzung am Donnerstagnachmittag in Düsseldorf beschlossen, mit einer "spontanen Personalhilfsmaßnahme" zu reagieren.

Im Klartext: Sie wollen sich mächtig sputen, um den Examenskandidaten aus der Patsche zu helfen. Ein eigens abgeordneter neuer Sachbearbeiter soll die verlorenen Anmeldungen rekonstruieren - und die Klausuren sollen wie geplant am 9. Dezember stattfinden. Uni an Prüflinge: Alles wird gut.

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