Nach der Wahl In fünf Schritten zur Bildungsrepublik Deutschland

Bleibt Johanna Wanka, wird sie abgelöst? Wer auch immer neuer Bildungsminister wird, übernimmt ein Ressort mit viel Geld, wenig Macht - und großen Aufgaben: Das Bafög verstaubt, Deutschlands Schulen sind ungerecht, Lehrer schlecht ausgebildet. Eine To-do-Liste.

Corbis

Von und


Egal wer's wird, fest steht schon jetzt: Viel Macht bekommt die neue Bildungsministerin, der neue Bildungsminister nicht. Denn auf Bundesebene findet Schul- und Hochschulpolitik kaum statt. Einerseits weil sich um Bildung die Länder kümmern, so will es das Grundgesetz. Andererseits weil die langjährige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) ihr Ministerium eher verwaltet als gestaltet hat. Also muss ein neuer Bildungsminister vor allem eines: lauter werden. Er oder sie muss Diskussionen anstoßen.

Ja, der Etat des Ministeriums ist gewachsen, gegen den Trend. Ein Erfolg, aber das Geld kommt vor allem der Forschung zugute. Für mehr Studienplätze und die Lehre haben Bund und Länder zwar den Hochschulpakt aufgestockt und eine Qualitätsoffensive für die Lehrerbildung auf den Weg gebracht. Knapp bleibt das Geld trotzdem - wie ein Blick in volle Hörsäle und baufällige Labore zeigt.

Was außerdem auf der To-do-Liste stehen muss:

  • Kooperationsverbot abschaffen
    Selbst wenn die Länder pleite sind, darf der Bund ihnen kein Geld für Bildung überweisen - das verhindert das Kooperationsverbot. Seit Jahren schon streiten Politiker darüber, geändert haben sie bislang nichts.
    Die Vorgeschichte des Verbots reicht bis ins Jahr 2006 zurück: Mit der Föderalismusreform wurde es ins Grundgesetz aufgenommen. Es untersagt dem Bund, in Bereiche zu investieren, für die allein die Länder zuständig sind. Das gilt vor allem für Schulen, aber auch für dauerhafte Vorhaben an Hochschulen. Zwar kritisierten Politiker das Verbot immer wieder, doch konnten sie sich bislang nicht einigen, was genau sich ändern soll. Die alte Bundesregierung sowie die unionsgeführten Länder wollten das Verbot bislang nur bei den Hochschulen lockern, SPD und Grüne bestanden bisher auf eine große Lösung: Sie wollten auch den Ausbau von Kitas, Ganztagsschulen und die Förderung von Inklusion miteinbeziehen.
    Das Kooperationsverbot kann nur geändert werden, wenn eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat zustimmt. Keine leichte Aufgabe für den neuen Bildungsminister - er muss es aber durchdrücken.

  • Bildungsaufstieg ermöglichen
    Im letzten Koalitionsvertrag hatten sich Angela Merkel und ihre Leute der Aufgabe verschrieben, eine "Bildungsrepublik Deutschland" zu schaffen. Doch mehr als das Schlagwort selbst ist nicht geblieben. Im Jahr 2013 hat ein Kind aus einer Professorenfamilie noch immer eine etwa dreimal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als ein Kind aus einer Arbeiterfamilie, bei gleichen intellektuellen Fähigkeiten. Noch immer produzieren deutsche Schulen doppelt so viele Absteiger wie Aufsteiger. Und auch später wechseln prozentual gesehen wesentlich weniger Kinder aus Arbeiterhaushalten an die Uni als Kinder von Akademikern. Der neue Bildungsminister muss - neben der Förderung von Spitzenleistungen - auch und vor allem auf Gerechtigkeit setzen.

  • Lehrer besser ausbilden
    Jahr für Jahr erleben Referendare und Junglehrer den Praxisschock: Sie fühlen sich durch ihr Studium unzureichend vorbereitet auf das, was sie in der Schule erwartet. In Deutschland herrscht bei der Lehrerausbildung kein einheitlicher Standard, sondern föderales Kuddelmuddel. Die Länderchefs lassen sich ungern reinreden bei Auswahl und Schulung ihrer Lehrer.
    Und trotzdem versucht das Bundesministerium, die Ausbildung zu verbessern: Deswegen hatte Schavan eine Qualitätsoffensive initiiert, in den nächsten zehn Jahren sollen die Länder dafür eine halbe Milliarde Euro vom Bund bekommen. "Ziel der 'Qualitätsoffensive Lehrerbildung' ist es, eine praxisorientierte Ausbildung zu fördern, die die Schulwirklichkeit einbezieht", heißt es auf der Seite des Ministeriums. Johanna Wanka (CDU), Schavans Nachfolgerin, hatte bereits angekündigt, daran anzuknüpfen. Daran muss sie festhalten, wenn sie Bildungsministerin bleibt.

  • Bafög reformieren
    Mehr als 40 Jahre Bafög, mehr als 40 Jahre Zaudern, Zögern, Zeit gewinnen. Bei jedem Bafög-Reförmchen stritten Politiker um Fristen, Prozentsätze und Freibeträge. Eine Novelle verspotteten Studenten mal als "Pizza-Reform": Denn viele bekamen nicht mal zehn Euro mehr im Monat, es reichte also gerade für eine Pizza. Noch- und vielleicht Wieder-Bildungsministerin Wanka hatte zwar bereits eine Bafög-Novelle in Aussicht gestellt, konkret äußerte sie sich in ihrer siebenmonatigen Amtszeit allerdings nicht.
    Dabei gäbe es einiges zu reformieren: Warum gibt es Altersgrenzen, wenn doch Politiker immer wieder von ihren Bürgern fordern, sich ein Leben lang weiterzubilden? Warum haben jene keinen Bafög-Anspruch, die in Teilzeit studieren? Wovon sollen Studenten leben, die vom Bachelor- ins Master-Studium wechseln? Bislang bekommen sie nur für einen Überbrückungsmonat Bafög - und auch nur dann, wenn sie endgültig für das Master-Studium zugelassen sind. Universitäten lassen allerdings ihre Studenten teilweise vorläufig zu, weil sie wissen, dass es oft Monate dauert, ehe Professoren die Bachelor-Arbeiten ihrer Studenten korrigiert haben. Und mehr Geld wäre natürlich auch nicht schlecht. Etwas mehr als zehn Euro sollten es aber schon sein.

  • Vergabe-Chaos beenden
    Mit 2,5 Millionen sitzen so viele Studenten in Deutschlands Hörsälen wie nie zuvor. Um das zu finanzieren, handelten Bund und Länder bereits 2006 den Hochschulpakt aus, im April stockten sie ihn noch mal um 4,4 Milliarden Euro auf. Angesichts des Studentenansturms sollte eigentlich mit den vorhandenen Plätzen gut gehaushaltet werden. Stattdessen wiederholt sich zum Semesterstart immer wieder das Durcheinander: Jedes Jahr bewerben sich viele Abiturienten an mehreren Hochschulen gleichzeitig. So wollen sie ihre Chancen auf einen Platz im Wunschstudium erhöhen. Jahr für Jahr bleiben deswegen Tausende Studienplätze unbesetzt - weil die Vergabe nicht funktioniert. Eigentlich sollte das Problem längst gelöst sein: Es wurde eins der modernsten Zulassungssysteme entwickelt, das sogenannte Dialogorientierte Serviceverfahren (DOSV), woran sich der Bund mit 15 Millionen Euro beteiligte, den Rest übernehmen die Länder. Doch viele Unis sind technisch nicht in der Lage, ihre Systeme an die neue Plattform anzubinden.
    Trotz des Chaos hielt das Bildungsministerium bislang an dem System fest. Es gebe keine Alternative, hieß es in einem internen Papier. Doch darüber sollte der neue Bildungsminister mit seinen Länderkollegen noch mal nachdenken. Tausende Studenten, die Jahr für Jahr am Zulassungschaos verzweifeln, würden es ihm danken.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sponnner 24.09.2013
1. Wir können ja die Kompetenzen gleich nach Brüssel geben
Warum sollte denn der Bund in die Lehre investieren und mitregieren / bürokratisieren? Wir brauchen nicht mehr Bürokratie, sondern weniger. Soll der Bund doch das BAföG richtig erhöhen, am besten so, dass auch Studiengebühren damit abgedeckt sind. Damit hätten Studierende auch einen Einfluss, und nicht immer nur neue undurchsichtige Behörden!
gestandeneFrau 24.09.2013
2. ...
Zitat von sysopCorbisBleibt Johanna Wanka, wird sie abgelöst? Wer auch immer neuer Bildungsminister wird, übernimmt ein Ressort mit viel Geld, wenig Macht - und großen Aufgaben: Das Bafög verstaubt, Deutschlands Schulen sind ungerecht, Lehrer schlecht ausgebildet. Eine To-Do-Liste. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/nach-der-wahl-was-sich-in-der-bildungspolitik-jetzt-aendern-muss-a-923878.html
Wer ist Johanna Wanka? Aaaach, die Nachfolgerin von wem? Aus dem Bundesbildungsministerium hat man ja schon lange nichts mehr gehört. MfG
Blablablablabla 24.09.2013
3. Hauptgrund für nichtvorhandenen Bildungsaufstieg
Kinder aus Arbeiterfamilien werden in der Regel auch zu Hause scheiße erzogen. Liegt gar nicht unbedingt am Individuum, aber ich sehe das ganz klar in meinem Umfeld: Meistens sind diese Kinder auch dümmer. Weil sie einfach nicht richtig gefördert werden. Klar gibt es für die sicher größere Hürden. Aber das ist ganz klar nicht das Hauptproblem.
malte.b 24.09.2013
4. In der Bildung ein Entwicklungsland
"Deutschlands Schulen sind ungerecht" Solange Schüler aus weniger betuchten Familien keinen Bonus bei den Noten bekommen, gilt diese Aussage leider nach wie vor. Da muss man sich nicht wundern, wenn gerade bei Schülern mit Migrationshintergrund deutsche Schulen einen schlechten Ruf haben.
epic_fail 24.09.2013
5.
Zitat von sysopCorbisBleibt Johanna Wanka, wird sie abgelöst? Wer auch immer neuer Bildungsminister wird, übernimmt ein Ressort mit viel Geld, wenig Macht - und großen Aufgaben: Das Bafög verstaubt, Deutschlands Schulen sind ungerecht, Lehrer schlecht ausgebildet. Eine To-Do-Liste. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/nach-der-wahl-was-sich-in-der-bildungspolitik-jetzt-aendern-muss-a-923878.html
Seit wann ist es denn im Interesse der Konservativen, den Pöbel auch noch zu bilden? Jeder Realschüler ist beispielsweise einem Ronald Pofalla oder HaPe Friedrich intellektuell doch haushoch überlegen. Bildung kann einfach nicht im Interesse DIESER Regierung sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.