Nach Fächern feiern Die Wahrheit über Studentenpartys

Trinken Mediziner aus Reagenzgläsern? Warum hat die "Psychoparty" einen Ruf wie Donnerhall? Und werden Juristinnen nach vier Gläsern Champagner wirklich nymphoman? Studienspezifische Merkmale der Partyszene deutscher Universitäten, unter besonderer Berücksichtigung des Knutschfaktors, vorgelegt von Mathias Irle und Christoph Koch.


Jura / BWL

Auch wenn es die anderen Fächer abstreiten: Die gemeinsame Feier der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften ist das Partyereignis des Jahres, und beinahe alle wollen hin. Sei es, um die Gerüchte über nach vier Gläsern Champagner nymphoman agierende Juristinnen zu überprüfen, sei es, um die Coverband, die schlimmen Classic Rock noch schlimmer nachspielt, mit Eiswürfeln zu bewerfen. Oder durch einen gefundenen Autoschlüssel den Rest des eigenen Studiums zu finanzieren. Oder, um zu sehen, wie sich der Sohn eines Düsseldorfer Antiquitätenhändlers, der einen Namen wie Busso oder Wiegand trägt, mit dem Schrei "Ich bin der König der Welt" an einer Lichterkette aus dem Fenster des Juridicums mitten in die Tanzfläche hineinschwingen will - sich mit seiner Burschenschaftsschärpe jedoch im Fensterkreuz verfängt, stürzt und von Sanitätern heulend abtransportiert werden muss.

Ort: Die schönste und teuerste Grünfläche der Stadt - familiäre Beziehungen in den Stadtrat sowie massives Brauereisponsoring machen es möglich

Beliebtester Anmachspruch: "Gehen wir zu mir oder zu dir - oder in meine Zweitwohnung?"


Psychologie

Die "Psychoparty" hat einen Ruf weit über ihren Fachbereich hinaus. Wie und warum er entstanden ist, kann niemand mehr erklären. Denn ergattert man eine Karte und geht hin, stellt man fest: Auch hier stehen die Leute nur herum, trinken Bier und tanzen ungelenk. Der hohe Frauenanteil des Studiums wird durch exakt aus diesem Grund angereiste Maschinenbauer ausgeglichen. Die Psychologieparty ist die einzige, auf der immer noch "The Passenger" von Iggy Pop und "Boys Don't Cry" von The Cure läuft. Denn auch wenn die Psychologiestudenten inzwischen eher adrett daherkommen, einen gepflegten Kleinwagen fahren und sich gern zum "woken" treffen: Ein Großteil der Anwesenden hat feste Wurzeln in der Waveszene, las früher regelmäßig "Zillo" und bewarf sich schwarz gekleidet auf einschlägigen Konzerten mit Mehl.

Ort: Die Instituts-Tiefgarage

Beliebtester Anmachspruch: "Moment mal, kenne ich dich nicht vom Bizarre-Festival 1999?"


Sport

Partytime, Zeit für öde Sprüche: "Bist du schon lange hier?"
DDP

Partytime, Zeit für öde Sprüche: "Bist du schon lange hier?"

Noch während die Rhönradgruppe des Hochschulsports die Party mit ihrer alljährlichen Aufführung eröffnet, müssen schon die ersten Gäste wegen Schwächeanfällen wieder nach Haus - kein Wunder, schon seit der Gymnastikprüfung am Vormittag ist der Fachbereich am trinken. Als die ersten Takte der Guano Apes erklingen, springen Männer wie Frauen in Trainingsanzügen und Kapuzenpullovern pogend auf die Tanzfläche. Im weiteren Verlauf des Abends grölen sie jedes Lied von Udo Jürgens mit - und benetzen sich dabei gegenseitig mit Speichel. In einer Ecke des Zelts erzählt ein Kommilitone detailgetreu die Jackass-Folgen der letzten Wochen, während im Eingangsbereich Promotionteams von Red Bull und Schwarzer Krauser versuchen, per Geduldsspiel für ihre Produkte zu werben. Mit großem Erfolg, denn: Die 40-jährigen Promoter haben selbst bis vor zwei Semestern an der Fakultät Sport studiert.

Ort: Ein großes Bierzelt neben dem örtlichen Getränkehändler

Beliebtester Anmachspruch: "Erinnerst du dich noch an mich? Wir haben doch auf der Ruder-Exkursion zur Mecklenburgischen Seenplatte mal geknutscht!"


Pädagogik

Um zu zeigen, dass sie auch "über sich selbst lachen" können, geben die zukünftigen Grundschullehrer ihrer Party jedes Semester aufs Neue ein Motto, das auf eine Figur aus Kinderbüchern oder infantilen Fernsehsendungen anspielt. Überhaupt merkt man eine hohe Affinität zum Fernsehen, denn neben den unvermeidlichen Schlagern sind vor allem Fernsehmelodien wie "Herr Rossi" oder "Ein Colt für alle Fälle" die Dancefloorfiller des Abends. Die wenigen heterosexuellen Jungs des Studiengangs haben durchgehend schlechte Laune, da an diesem Abend fremde Männchen in ihre haremsartige Enklave eindringen und versuchen, unter den von der "Schlammbowle" angeschickerten Referendarinnen in spe ihre Beute zu schlagen - was ihnen jedoch nur gelingt, wenn sie sich dran erinnern können, mit welchem der drei Dutzend Mädchen in "Ahoj Brause"-T-Shirts sie sich gerade eben noch unterhalten haben.

Ort: Das Vereinsheim des Badmintonclubs oder eine Schulturnhalle

Beliebtester Anmachspruch: "Lach doch mal!" (unter Vorzeigen einer eigens zu diesem Anlass mitgebrachten Postkarte, die einen grinsenden Frosch zeigt)


Medizin

Schon der Begrüßungsdrink aus dem Reagenzglas, die aufgeblasenen Gummihandschuhe an der Wand und der rote Cocktail, der per Spritze in den Mund verabreicht wird, signalisieren: Hier sind Menschen stolz auf ihr Fach. Folgerichtig wird der Grad des Betrunkenseins in Alkoholblutwerten ausgedrückt und Kiffen als Veränderung der Synapsenverbindungen beschrieben. Gefühle werden als elektrische Aktionspotenziale angesehen. Das macht die Welt theoretisch begreifbar, die emotionale Praxis einer Party hingegen vor allem für die ehrgeizigen Medizinstudentinnen nicht immer leicht: Unbeholfen wird da zu Musik aus den Achtzigern getanzt und schmallippig Konversation über nichtmedizinische Themen geführt - nur um bald unter dem Vorwand des anstehenden Physikums den rational nur noch schwierig greifbaren Raum zu verlassen. Dort untersuchen die reagenzglastrinkenden Männer immer direkter die Brüste von angehenden Lehrerinnen linkisch mit ihrem Stethoskop und schwärmen ihnen von der Arztpraxis der Väter vor - um dabei gleich ein späteres Praxisfeld zu üben: jammern, um damit Liebe und Bewunderung zu erhaschen.

Ort: Im "Präp"-Saal, wo Medizinstudenten an ihren ersten Leichen herumschnippeln

Beliebtester Anmachspruch: "Wie stehst du zur Praxisgebühr?"


Kommunikationswissenschaft

Aus den Boxen ertönt perfekt gemixt geschmackvolle, angesagte Musik, es gibt Orangina, Astra-Bier und Afri-Cola, und in einem angeschlossenen Raum kann man Kicker, Boule und Tischtennis spielen. Dennoch sitzen in Kleingruppen nickelbrillige Journalismusanwärter zusammen und diskutieren ideologisch verbohrt die Agenda 2010 und die Theorien Niklas Luhmanns, um immer wieder lüstern auf die Tanzfläche zu glotzen. Dort werden ihre gut aussehenden Kommilitoninnen - angehende Kontakterinnen und PR-Frauen - von institutsfremden BWL- und Jura-Studenten mit seichten Worten umgarnt. Und ganz langsam dünkt dabei den männlichen Kommunikationswissenschaftlern: Nur der Besitz einer "Freitag"- Umhängetasche genügt langfristig für die Eroberung dieser Frauen nicht.

Ort: Im Heimatmuseum, das extra mit künstlichem Rasen ausgelegt wurde und mit Videoinstallationen erleuchtet ist

Beliebtester Anmachspruch: "Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?"



© UniSPIEGEL 1/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.