Nachwuchs-Filmemacher Die No-Budget-Produktion

Ein Spielfilm verschlingt normalerweise Millionen-Budgets. Davon können drei Kölner Filmstudenten nur träumen: Für ihren ersten Kurzfilm "Herzton" durften sie gerade einmal 800 Euro ausgeben. Und retteten sich mit Verhandlungsgeschick und Improvisation.

Von Britta Mersch


Dieter ist 45 Jahre alt und Abhörspezialist bei der Polizei. Seit zwei Wochen sitzt er in einem stickigen Van am Kölner Bahnhof Deutz und wartet auf einen Reisenden, der mit dem ICE aus Frankfurt kommen soll. Er soll eine Handy-Botschaft mitschneiden, die der Unbekannte bei seiner Ankunft weitergibt.

Dieter verfolgt also den ganzen Tag die Handy-Telefonate am Bahnhof, am liebsten die von Belinda. Die junge Frau ist oft am Bahnhof unterwegs, sie singt dann am Telefon Geburtstagslieder für ihre Freundinnen oder erzählt ihnen von einem Single-Tannenbaum, den sie gerade gekauft hat. Wenn Dieter in seinem Van sitzt und seine Abhörgeräte um ihn herum fiepen und pfeifen, versinkt er in Tagträumen mit Belindas Stimme.

Eigentlich sitzt Dieter aber gar nicht am Kölner Bahnhof, sondern in Erftstadt. Und sein Arbeitsplatz ist auch nicht der Van, sondern eine alte Garage. Und die gehört der Mutter von Claus Rusicke, einem Szenenbildner. Dieter ist im wirklichen Leben auch gar nicht Abhörspezialist, sondern Schauspieler - und als solcher in einer Low-Budget-Produktion von Kölner Filmstudenten gelandet.

Leihgaben von der Spezialfirma

Mit ganzen 800 Euro hat die Crew der Internationalen Filmschule in Köln den Kurzfilm "Herzton" auf die Beine gestellt - und davon nicht nur die komplette Requisite entworfen, sondern auch Kostüme beschafft und einen Stab aus 25 Personen versorgt.

Produzentin Katrin Hohendahl verwaltet die 800 Euro - mit viel Organisationstalent und Eigeninitiative: Die 25-jährige Studentin, die an der Kölner Filmschule Kreatives Produzieren studiert, verhandelte mit Fluggesellschaften, um Schauspieler aus Berlin kostenlos einfliegen zu lassen. Sie überredete eine Firma aus dem Rheinland, die sich auf Abhörgeräte spezialisiert hat, die Apparaturen kostenlos zu verleihen.

Geschätzter Wert eines Gerätes, das zwar nicht mehr ganz taufrisch aussieht, seinen Zweck aber erfüllte: 60.000 Euro. "Da rutscht einem schon das Herz in die Hose, wenn man weiß, wie teuer die Geräte sind. Und die stehen dann da so in der Garage", sagt Katrin Hohendahl. Letztlich sind es aber solche Tricks und Kniffe, die die Realisation des Kurzfilms ausmachen: "Alles hängt vom Verhandlungsgeschick ab", sagt Katrin Hohendahl, "beim Dreh später muss alles bereit stehen und funktionieren - egal, wie die finanziellen Mittel sind."

Die Spardevise gilt für alle Beteiligten. Schon beim Schreiben der Geschichte war klar: Die Kosten müssen möglichst gering bleiben. Clemente Fernandez-Gil schrieb das Drehbuch zu "Herzton", das Budget immer im Hinterkopf. "Ich musste die Idee in einem Rahmen erzählen, der auch finanzierbar ist", sagt der Filmstudent.

Manche Idee lässt sich nicht umsetzen

Und so fielen viele gute Ideen der Schere zum Opfer, was für den Jungautor mitunter eine schmerzhafte Erfahrung war: "Ich hätte ursprünglich gerne eine Geschichte erzählt, in der Ratten vorkommen", sagt Clemente. Aber Tiertrainer oder Animationen am Computer hätten die Kosten in die Höhe getrieben und eine Produktion unmöglich gemacht. "Einige Ideen gehen dann einfach nicht", sagt Clemente, "auch wenn sie gut sind und zur Geschichte passen."

Die technische Ausrüstung wie Kamera und Filmrollen bekamen die Filmschüler von der Schule gestellt. Doch auch hier wurde die Crew zur Sparsamkeit erzogen: Das Bandmaterial war so knapp bemessen, dass viele Einstellungen nur einmal gedreht werden konnten. Für die acht Minuten Film, die am Ende herauskamen, hatte Regisseur Felix Hassenfratz gerade mal 40 Minuten Bildmaterial zur Verfügung. "Man kann nicht einfach zurückspulen", sagt Felix Hassenfratz, "gedreht ist gedreht. Und bei nur 40 Minuten Rohmaterial muss so gut wie jede Szene auf Anhieb sitzen."

Spätestens bei Stunts wird das knappe Geld zum Problem: Als Dieter am Bahnhof verhindern will, dass Taschendiebe das Portemonnaie von Belinda klauen, wird er niedergeschlagen. Er fällt auf den Boden, seine Brille zerbricht. "Das war für uns die Horrorszene schlechthin", erzählt Felix, "den ganzen Nachmittag haben wir mit einer Stuntchoreographin den Schlag geübt. Wir haben die Szene zweimal gedreht, dann musste sie passen." Das Resultat im Film kann sich sehen lassen: Ein Mann schlägt zu, Dieter fällt, die Brille zerbricht.

Mehrere tausend Euro, schätzen die Filmstudenten, hätte der Kurzfilm unter normalen Bedingungen gekostet – Technik und den Verleih für Abhörgeräte nicht eingeschlossen. Derzeit produzieren die Nachwuchsfilmer gerade ihr nächstes Projekt, unter ähnlichen Bedingungen. Für ihren zweiten Film, bei dem sich zwei Stricher mit ihrem Freier im Wald verirren, haben sie 2500 Euro zur Verfügung. Der Haken: Dieses Mal müssen sie auch die Technik selbst bezahlen. Eine "Herausforderung", so nennt es Katrin Hohendahl zuversichtlich.



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