Nazi-Unrecht an Unis "Es ist wichtig, die Namen zu nennen"

Die eigene braune Vergangenheit war für die deutschen Hochschulen lange ein Tabuthema, nur ungern forschten sie nach ihren NS-Verstrickungen. 60 Jahre nach dem Krieg hat die Kölner Uni jetzt Doktoren rehabilitiert, denen einst die Nazis ihre Titel nahmen.

Von Inga Rapp


In der Aula der Kölner Universität ist es still. Hier und da knarrt leise das Parkett. Die altehrwürdigen Mauern atmen ihren ganz eigenen Geruch. "Werner Alexander. - Michael Arenz. - Walter Siegmund Selig Auerbach." Ein Name nach dem anderen hallt durch den Raum, ruhig, aber stetig. "Reinhard Bloch. - Werner Bloch. - Theodor Bloch." Siebzig Namen. Siebzig Menschen, die für zwei Stunden im Mittelpunkt stehen. Siebzig Menschen, die vielleicht auch einmal in dieser Aula gesessen haben, durch die hellen, breiten Gänge gegangen sind, die ausgetretenen Stufen der steinernen Treppen hinunter. Vor vielen Jahren.

Uni Köln: Nachdenken über die eigene Vergangenheit
R. Oranski

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Ihnen allen hatte das NS-Regime die bereits erworbenen akademischen Grade aberkannt. Von heute auf morgen waren sie keine Doktoren mehr. Einfach so. Weil sie Juden waren, weil sie politisch verfolgt wurden, weil sie in den Augen der Nazis "unwürdig" waren. Zum 60. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung hat die Kölner Universität die damaligen Aberkennungen für nichtig erklärt. "Sittenwidrig" seien sie gewesen "und daher von Anfang an ungültig". Das zwischen 1933 und 1945 begangene Unrecht könne die Hochschule nicht rückgängig machen, heißt es in einer Erklärung - "sie kann und wird aber rückhaltlos Zeugnis ablegen von den Verstößen gegen die Menschenrechte, die sie im Dienst der nationalsozialistischen Herrschaft begangen hat".

Rektor Axel Freimuth findet klare Worte. Er spricht von Willkür und Menschenverachtung. Die Depromotionen "widersprachen zutiefst den humanistischen Idealen, denen sich die Universität heute verpflichtet fühlt". Die Alma Mater bekenne sich "voller Scham zu ihrer Verantwortung".

Studenten hatten den Stein ins Rollen gebracht. Im Wintersemester 03/04 recherchierten sie im Rahmen eines Hauptseminars in den hauseigenen Archiven. "Die Universität zu Köln im Nationalsozialismus" lautete das Oberthema. Die Wissenschaftshistorikerin Margit Szöllösi-Janze leitete das Seminar und begleitete die 28 Studenten bei der Recherche in den Aktenbergen. Auch sie war "überrascht, welche Dimensionen in diesem kleinen Vorgang drin stecken". Was eigentlich als Übung für die Seminaristen gedacht war, entwickelte sich zum Selbstläufer.

Viele kleine Mosaiksteinchen

Barbara Manthe hat daran mitgearbeitet, etwa 1000 Archiveinheiten zu sichten und so das Mosaik Steinchen für Steinchen zusammenzusetzen. Diese Arbeit ist ihr sehr nahe gegangen. "Mich hat immer wieder entsetzt, dass es so viele Namen gibt, die vergessen sind. Die gibt es nur noch im Archiv, in dieser Akte, die Person ist schon lange tot, und es gibt kein Erinnern. Ich finde es wichtig, die Namen zu nennen."

Kerstin Theis, frisch gebackene Magistra in Geschichte, hat die Ausstellung mit vorbereitet, Exponate zusammengestellt und die Texte der Dokumentation Korrektur gelesen. Auch sie empfand die Auseinandersetzung mit dem Thema der Depromotion als "sehr berührend. Teilweise sind es ja ähnliche Lebensläufe wie bei mir. Die Leute haben erfolgreich studiert, gute Noten bekommen, auf die aufbauend sie ihre Zukunft planen wollten - und dann kommt die Ausbürgerung." Kerstin Theis kann nicht verstehen, dass die Universität ihre eigenen Absolventen im Stich ließ.

Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg tat sich lange so gut wie nichts. Barbara Manthe: "Ich finde, die Uni hat sich schon sehr gerne dieses Mythos' bedient, 'wir waren ja unpolitisch, wir waren ja unbeteiligt, das waren ja alles die Nazis'. Aber die Uni hat die Doktorgrade entzogen. Und die haben das freiwillig getan, teilweise in vorauseilendem Gehorsam." Die Legitimation dafür gab ihnen das "Gesetz über die Führung akademischer Grade".

Mit dieser Zögerlichkeit beim Blick auf die eigene Vergangenheit ist die Universität zu Köln keineswegs allein. Mit wenigen Ausnahmen verstrichen fast überall Jahrzehnte, bis die Hochschulen begannen, sich ihrer Verantwortung zu stellen und sich selbstkritisch mit ihrer unrühmlichen Geschichte zu beschäftigen - mit Schikanen gegen jüdische Professoren, mit Titel-Entzug, mit Diskriminierung und Exmatrikulation jüdischer Studenten, auch mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern.

Warum kommt die Geste so spät?

Die Universität Tübingen hatte bereits 1947 alle Titel-Aberkennungen für nichtig erklärt, doch das gute Beispiel machte keine Schule. Für viele andere Hochschulen blieb ihre braune Vergangenheit ein Tabu-Thema. Erst in den neunziger Jahren folgten weitere Universitäten dem Tübinger Beispiel, darunter Hamburg, Kiel und Frankfurt. Und nach dem 50. Jahrestag des Kriegsendes gruben Historiker und Studenten intensiver in den Uni-Archiven. So inspizierte die Humboldt-Universität 1998 ihre Doktortitel und erklärte 53 Aberkennungen für nichtig; auch die Bonner Uni rehabilitierte die bei den Nazi-"Säuberungen" Verfolgten. Die Universität Münster zog zwei Jahre später nach: Sie fand 10 Aberkennungen von Doktorgraden, 35 Entlassungen von Wissenschaftler und 12 Relegationen von Studenten - alle wurden symbolisch zurückgenommen.

Kölner Dokumentation: "Dem Vergessen entreißen"

Kölner Dokumentation: "Dem Vergessen entreißen"

Aus dem Dritten Reich sind insgesamt rund 1800 Fälle bekannt, in denen Professoren, Dozenten oder Assistenten Amt und Würde verloren. Zur eigenen Verstrickung in das Unrechtssystem der Nazis haben sich die Hochschulen spät und recht widerwillig bekannt - nun also auch die Kölner Universität.

Manthe hat ihren eigenen Erklärungsansatz dafür, warum die Nichtigkeitserklärung jetzt erst erfolgt. Jetzt, wo alle durch die Nazis entehrten Doktoren bereits tot sind. "Zum einen hat es lange gedauert, bis die ganzen alten Professoren weg waren, die zum Teil ja für die Aberkennung gesorgt haben und nach dem Krieg ihre eigene Position schönreden wollten. Zum anderen ist es aber auch einfach ein schwieriges Thema. Es geht nicht nur um jüdische oder politisch aktive Dozenten, es geht auch um Homosexuelle und um Ärzte, die verbotenerweise abgetrieben haben. Leute, die sich unwürdig gemacht haben in den Augen der Nationalsozialisten", sagt Manthe. "Wenn man bedenkt, dass erst vor ein paar Jahren überhaupt Deserteure als Opfer oder Verfolgte des NS-Regimes anerkannt wurden, dann ist es kein Wunder, dass bei einem solchen Thema viele Leute Interesse daran haben, dass es nicht sofort bearbeitet wird."

Inzwischen scheint die Zeit dafür allerdings reif zu sein. Auf Widerstände stießen die Studenten bei der Recherche nicht. Der damalige Rektor hatte das Projekt ausdrücklich gut geheißen, auch der heutige Rektor tut das. Freimuth betont, dass die Universität zu Köln es als ihre Aufgabe ansehe, "die individuellen Fälle aufzuklären und in jedem Einzelfall daraus hinzuwirken, dass das Recht wiederhergestellt wird". Die Namen der Geschädigten sollen "dem Vergessen entrissen werden", symbolisch sollen die Ausgestoßenen in die akademische Gemeinschaft zurückfinden. An sie erinnern auch eine 132 Seiten starke Dokumentation sowie eine Ausstellung im Hauptgebäude der Kölner Universität.




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