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15. April 2011, 09:40 Uhr

Neu erwachte Titelgier

Gestatten, Prof. Prestige

Der Doktor ist ein alter Hut, immer mehr Titelgierige wollen höher hinaus: Vor einer Professoren-Inflation warnt Wirtschaftsingenieur Jörn-Axel Meyer - und er erklärt, warum echte und engagierte Hochschullehrer um ihren guten Ruf bangen müssen.

Der Fall zu Guttenberg ist nur ein Symptom für den Trend, sich mit akademischen Titeln zu schmücken. Das Thema ist nicht neu, aber selten so aktuell. Die Titelgier ist wiedererwacht in Deutschland, eine Gier nicht nur auf den Doktortitel, sondern auch auf den des Professors.

Allein der Blick in die Vorstandsetagen deutscher Unternehmen, aber zunehmend auch in die Medien, zeigt: Es gibt immer mehr Professoren - aber gibt es auch immer mehr Hochschullehrer? Verkommt der Professorentitel zum Karriereprofessor? Wie und warum nimmt die Zahl der so genannten Professoren immer mehr zu?

Trotz des vielfach herrschenden Bildes des ergrauten Lehrers und weltfremden Tüftlers wird ihnen doch von vielen Respekt und auch Neid entgegengebracht. Wer möchte sich nicht gerne Professor nennen?

Aber das Bild trügt: Viele, die sich Professor nennen, sind gar nicht Lehrer und Forscher, sondern in Wirtschaft oder Verwaltung tätig, sind mitnichten "Ordinarien" an Universitäten. So unterschiedlich die Leistungen hinter den Doktortiteln, so verschieden sind auch die Qualifikationen, Leistungen und Wege für die Professorentitel.

In anderen Ländern wird der Titel sogar sehr schnell verliehen, so zum Beispiel in den USA, wo der Titel als "Assistent-Professor" bereits mit Anstellung nach der Promotion verliehen wird. In Frankreich sogar lässt sich jeder Schullehrer mit Professor ansprechen. Und in Deutschland ist zu beobachten, dass zwar die Zahl der hauptamtlichen Professoren an den Hochschulen abnimmt, die Zahl derjenigen, die sich Professor nennen, aber rapide steigt. Denn der Titel und der Beruf des Professors sind Zweierlei.

Lesen Sie hier weiter, was den Professor als Beruf ausmacht, was ihn vom bloßen Titel unterscheidet - und warum ein Prof. vor dem Namen kein Karriereturbo sein muss:

Professor als Beruf - Wie man auf ehrliche Weise Prof. wird

Um für den Beruf qualifiziert zu sein, erwarten Fachhochschulen und ähnlich auch Berufsakademien in der Regel folgendes: ein Universitätsstudium, eine ordentliche Promotion/Doktorarbeit, fünf Jahre Berufserfahrung (davon mindestens drei nicht an der Hochschule) sowie Lehrerfahrung und Publikationen. Der Beruf des FH-Professors ist dann mit einer nahezu freien Arbeitszeitgestaltung und einer Lehrverpflichtung von bis zu 18 Stunden pro Woche verbunden.

Die weitere Zeit soll der Hochschullehrer für Vor- und Nachbereitung, persönliche Betreuung der Studenten, Klausuren sowie Mitarbeit in der Hochschulselbstverwaltung verwenden. Für bis zu neun Stunden pro Woche kann er sich Nebentätigkeiten genehmigen lassen.

An Universitäten sind die Anforderungen - besonders die wissenschaftliche Qualifikation - höher. Denn während der FH-Professor primär der Lehre verpflichtet ist, wird an Universitäten gleichwertig Lehre und Forschung verlangt, warum die Lehrverpflichtung auch nur bis zu neun Stunden pro Woche beträgt. So wurde Jahrzehnte lang über die Anforderungen der FH hinaus - zumindest in den Geisteswissenschaften - die Habilitation und eine größere Zahl anerkannter wissenschaftlicher Leistungen und Publikationen vorausgesetzt, wie auch umfangreiche Lehrerfahrung. Heute wird die Habilitation weitgehend durch eine erfolgreiche Zeit als Juniorprofessor ersetzt.

An Kunsthochschulen wird auch ohne Promotion oder Habilitation berufen, da dort die künstlerische Leistung im Vordergrund steht. Es gibt hier sogar Professoren, die nicht an einer wissenschaftlichen Hochschule studiert haben.

Professor als bloßer Titel - Wo es den Prof. günstig gibt

Jenseits dieser vollamtlichen Hochschullehrer gibt es aber auch andere Wege, den Professorentitel zu erlangen. Eher seltene Fälle sind da außerplanmäßige Professoren, die nach der Habilitation sechs Jahren lang trotzt Lehr- und Forschungstätigkeit noch keinen Ruf erhalten haben, und dann ernannt werden können. Gastprofessoren hingegen sind Hochschulexterne, die semesterweise nebenberuflich lehren. Den Titel dürfen diese aber nur in einigen Bundesländern führen.

Eine stark wachsende Gruppe sind die Honorarprofessoren. Sie sind von einer Hochschule zum Professor ernannt worden, und lediglich verpflichtet, regelmäßig eine Lehrveranstaltung anzubieten. Sie sind also vielfach weder von der Qualifikation noch von der Tätigkeit her Hochschullehrer, dürfen jedoch den Titel dauerhaft tragen und vergessen nur zu häufig das Wort "Honorar" bei der Nennung ihres Titels.

Obwohl mit dem Honorarprofessor auch in Wissenschaft und Lehre verdiente Persönlichkeiten geehrt wurden, werden häufig auch Einflussreiche und Prominente ernannt. Die Hochschulen erhoffen sich dadurch Vorteile und Gelder aus Wirtschaft und Politik, bedienen aber vielfach nur die Eitelkeit der Honorierten.

Auch der mehr oder minder direkte Kauf von Professorentiteln ist möglich. Besonders beliebt ist Osteuropa, wo gerne Doktoren- und Professorentitel verliehen werden, wenn nur der so Geehrte "die Kosten der Verleihung übernimmt". Mittlerweile ist auch China ein Markt - und das mit Discountangeboten. Aber besonders gerne scheint der so erworbene Titel in Deutschland zur Schau getragen zu werden, mitunter sogar in Firmenname und -logo.

Inflation der Professoren - Warum der Prof. kein Karriereturbo sein muss

Die Motive der Träger dieser Professorentitel ähneln denen der entsprechenden Doktoren: noch mehr Prestige und Anerkennung. Gleichwohl dürfte der Professorentitel weniger als Karrierebeschleuniger dienen, denn diejenigen, die den Professor nur als Titel führen, haben in der Regel dass Ende ihrer Karriereleiter erreicht. Mehr Einkommen ist hiermit nicht erzielbar, es sei denn durch vermehrte Angebote für bezahlte Vorträge.

Gleichwohl ist die Strahlkraft des Professors ungleich größer und auch breiter, als die des Doktors: Er vermittelt den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, Intellektualismus, Kulturaffinität, gesellschaftlich exponierter Stellung und für den einen oder anderen vielleicht auch eine grundsätzliche geistige Überlegenheit. Den Karriereprofessor gibt es also nicht, der Titel wird vielmehr zur - mitunter fragwürdigen - Krönung einer Karriere.

All dies führt zu einer Inflation von Professoren, die der Außenstehende nur schwer bewerten kann: Ist es ein Professor von Beruf oder nur vom Titel, ist er von der Universität, der Fachhochschule oder der Berufsakademie, ist er wissenschaftlich oder künstlerisch und von welcher Institution kommt der Titel? Wenn dies nicht mehr zu differenzieren ist, dann wertet der Professor vor dem Namen diejenigen auf, die ihn nur als Titel benutzen, und wertet diejenigen ab, die ihn als Berufsbezeichnung erhalten haben.

Dabei sinkt zudem der Anreiz, den gerade für die habilitierten Hochschullehrer steinigen Weg zum Professor als Beruf zu wählen. So steht deren Vergütung in keinem Verhältnis zur Qualifikation. Auch der mit der Dienstrechtsreform eingeführte - eigentlich sinnvolle - Leistungsaufschlag wird dann unsinnig, wenn die Leistung nur schwer zu beurteilen ist, Kriterien leicht umgangen werden können und der Aufschlag bei der nächsten globalen Budgetkürzung wegzufallen droht. Des Geldes wegen darf man den Beruf nicht anstreben, es sei denn, man nutzt die eigentliche Forschungszeit eher für kommerzielle Tätigkeiten - und das wird zunehmend schwieriger. Für den Beruf des Hochschullehrers benötigt man viel Idealismus für die Wissenschaft und das wird in Zukunft immer mehr so sein. Da nützt auch der schöne Titel nichts - den kann man, wie gesagt, auch anders "erwerben".

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